Reaktionen auf Manöverabsage: Donald Trumps unberechenbarer Koreakurs
Die Außenpolitik des US-Präsidenten lässt Verbündete in Asien an der Zuverlässigkeit der USA zweifeln. Für China ist das ein unverhofftes Geschenk.
Foto: Ahn Young-joon/AP/dpa
Zynisch könnte man sagen: Immerhin hat Donald Trump in nur wenigen Wochen Bewegung in die seit Jahren verhärteten Fronten auf der koreanischen Halbinsel gebracht. Doch die Dynamik, die der US-Präsident auslöst, lässt sich kaum als kohärente Strategie begreifen. Stattdessen hat er ein brandgefährliches Chaos hinterlassen, dessen Folgen bislang nicht abzusehen sind.
Was ist passiert: Nachdem Trump im August die wichtigsten US-südkoreanischen Militärübungen ohne Absprache um die Hälfte kürzen lassen hatte, haben die USA inzwischen auch die für September geplante amphibische Landeübung „Ssangyong“ gestrichen. Laut Südkoreas Streitkräften begründeten die USA ihren Entschluss mit Engpässen im Zusammenhang mit dem Irakkrieg.
Ebenfalls brisant: Südkorea wurde bereits im Juni darüber informiert – also noch deutlich vor Trumps Anordnung, das in der ersten Augusthälfte abgehaltene Manöver „Ulchi Freedom Shield“ zu kürzen.
Noch am Montagabend haben die Außenminister Washingtons und Seouls telefoniert. Südkoreas Spitzendiplomat Cho Hyun war sichtlich bemüht, nach außen hin das Bild einer „eisernen Allianz“ aufrechtzuerhalten. Doch während sein Sprecher betonte, dass beide Staaten am Ziel der nuklearen Abrüstung Nordkoreas festhalten, erwähnte die US-Seite das mit keiner Silbe. Aus taktischem Kalkül? So genau weiß das derzeit niemand.
Peking erfreut sich an Trumps außenpolitischen Eigentoren
In Pekings Regierungsviertel Zhongnanhai dürften die Parteikader ihr Glück kaum fassen. Denn alle außenpolitischen Eigentore, die sich der US-Präsident dieser Tage leistet, sind für China Geschenke auf dem Silbertablett: Seit Jahrzehnten versucht schließlich die Volksrepublik, Washington als unzuverlässigen Partner und imperialistischen Hegemon darzustellen. Nun stellt Trump diesen Eindruck ganz von allein her – und signalisiert darüber hinaus auch noch entblößende Schwäche.
Denn dass sich die USA nach den Debakeln in Afghanistan und im Irak nun erneut in einem „Endloskrieg“ im Nahen Osten verzetteln, hätte noch vor wenigen Monaten niemand für möglich gehalten. Unter US-Demokraten wie -Republikanern gab es Konsens darüber, dass man die Ressourcen des Landes auf den Indopazifik fokussieren müsse – um dort gemeinsam mit den Verbündeten den systemischen Herausforderer China einzuhegen.
Doch die traditionellen Alliierten ziehen aus Trump 2.0 vor allem eine Lehre: dass man sich nicht mehr auf die USA verlassen kann und Sicherheitsfragen stärker in die eigene Hand nehmen muss. Japans Ministerpräsidentin Sanae Takaichi treibt die militärische Aufrüstung ihres Landes voran und strebt dabei eine Änderung der pazifistischen Nachkriegsverfassung an. In Südkorea gibt es öffentliche Forderungen nach einer eigenen Atombombe, was auch in der Bevölkerung mehrheitsfähig geworden ist.
Die fünfmalige Abgeordnete und Außenpolitikveteranin Na Kyung-won schrieb erst am Freitag bei Facebook: „Die realistischste und wirksamste Alternative zum Schutz des Überlebens der Republik Korea ist die eigene nukleare Aufrüstung.“
Rechte geben Linken die Schuld an Trumps Chaoskurs
Südkoreas politische Rechte spielt trotz der großen Enttäuschung über Trump die Kritik an ihm vor allem über Bande: Da wird zuerst der linksliberale Präsident Lee Jae-myung an den Pranger gestellt, da er mit seiner unterwürfigen Haltung gegenüber Trump diesen noch weiter ermutige.
Und das linke Lager zeigt sich überraschend gespalten. Einige prominente Stimmen äußern scharfe Kritik an Trumps erratischer Außenpolitik. Choi Hyun-june, Außenpolitik-Redakteur bei der alternativen Tageszeitung Hankyoreh, zieht in seiner aktuellen Kolumne besorgniserregende Parallelen zwischen Nahost und Korea: So habe Trump den Krieg gegen Iran „aufgrund einer spontanen Entscheidung und ohne ausreichende Planung“ begonnen – und dann tatenlos zugesehen, wie seinen Verbündeten von Saudi-Arabien bis Kuwait schwere Schäden zugefügt wurden. Genau dies könne auch Südkorea widerfahren: „Deshalb sollten die Koreaner ihre Erwartungen an Trumps plötzliche Hinwendung zur koreanischen Halbinsel dämpfen.“
Doch es gibt auch Regierungspolitiker, die eine historische Chance sehen. Vereinigungsminister Chung Dong-young etwa, ein klassischer Altlinker, sieht die Präsenz des US-Militärs in Südkorea seit jeher als Hindernis für einen Frieden mit Nordkorea. Wenig überraschend begrüßt der 74-Jährige die Reduzierung der US-südkoreanischen Militärmanöver als „Möglichkeit für einen Dialog“ mit Nordkorea. Dass der dortige Machthaber Kim Jong-un bislang sämtliche Avancen kategorisch ablehnt; ja sogar weiterhin mit Raketentests und Drohgebärden gegen Seoul wettert, hält Chung nicht davon ab, an seinem Kurs festzuhalten.
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