Trump will weniger Militär in Südkorea: Schockwellen in Seoul
Bei US-Präsident Donald Trump ist längst nicht mehr klar, welches der beiden Koreas Verbündeter ist und welches ein Schurkenstaat. Das hat auch für Europa Folgen.
Foto: Ahn Young-joon/AP/dpa
Am Sonntag kündigte der US-Präsident in einem scheinbar spontanen, konfusen Onlinepost auf Truth Social an, dass er die gemeinsamen Militärübungen mit Südkorea „deutlich reduzieren“ möchte, nachdem eine vollständige Streichung so kurzfristig nicht mehr möglich sei.
Denn die Militärmanöver würden ein „feindseliges“ Signal an Nordkorea senden, das sich während seiner Amtszeit stets „respektvoll“ verhalten habe und keine Bedrohung darstelle. Mit Machthaber Kim Jong Un habe Trump zudem eine „sehr gute Beziehung“. Südkoreas Präsident Lee Jae Myung hingegen habe den USA nicht bei ihren Bemühungen geholfen, Iran atomar abzurüsten.
In Seoul sorgte Trumps Onlinepost für Schockwellen. Trotz nationalem Feiertag versuchte die Regierung rasch, die Wogen mit einer zurückhaltend formulierten Stellungnahme zu glätten. Man nehme die Botschaft von Präsident Trump „zur Kenntnis“, hieß es aus dem Präsidentenamt in Seoul. Man hoffe, dass das „freundschaftliche Verhältnis zwischen den Staatschefs der USA und Nordkoreas“ zu konstruktiven Friedensgesprächen führe.
Dass Trump ohne Absprache mit seinem Verbündeten derart forsch vorprescht, dürfte die südkoreanische Regierung zutiefst besorgen. Rein inhaltlich liegen Seoul und Washington, was eine Annäherung mit Nordkorea betrifft, auf derselben Linie: Auch Präsident Lee hatte erst am Samstag gegenüber Kim Jong Un Friedensgespräche angeboten.
Nur: Nordkoreas Staatschef zeigt bisher keinerlei Anzeichen, dass er auch nur das geringste Interesse an einem Austausch mit Washington oder Seoul hat. Wozu auch? Kims Partner in Peking und Moskau garantieren Pjöngjang ausreichend Sicherheit und wirtschaftliche Zusammenarbeit.
Tatsächlich hat Kim sein letztes Treffen mit Trump 2019 in Hanoi bis heute nicht vergessen. Noch vor dem geplanten Mittagessen reiste Nordkoreas Machthaber erbost vom Gipfel ab. Knackpunkt waren die Verhandlungen über sein Atomwaffenprogramm: Der US-Präsident bestand darauf, dass Kim erst vollständig abrüsten müsse, ehe Washington Konzessionen liefert. Für Nordkoreas Staatsführer war dies – wenig überraschend – inakzeptabel. Wieso sollte sich also Kim Jong Un sieben Jahre später erneut dem Risiko eines solchen Gesichtsverlusts aussetzen?
Was die Ukraine damit zu tun hat
Trumps Avancen gegenüber Pjöngjang sollten auch Europa alarmieren. Denn Nordkorea als „nicht bedrohlich“ zu charakterisieren, während das Land eine historisch beispiellose Militärkooperation mit Russland eingegangen ist, blendet den anhaltenden Krieg in der Ukraine vollständig aus.
In einer ersten Entsendungswelle hatte Nordkorea laut südkoreanischen Geheimdienstangaben mindestens 15.000 Soldaten geschickt, um Putins Angriffskrieg zu unterstützen. Hinzu kommen riesige Lieferungen an Artilleriemunition und Raketen. Erst zu Beginn des Monats hatte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj Alarm geschlagen, dass Nordkorea bis zu 50.0000 weitere Soldaten entsenden könnte. Seine Angaben lassen sich bislang nicht unabhängig bestätigen.
Doch Fakt ist: Nordkoreas Militär lernt moderne Kriegsführung auf den Schlachtfeldern der Ukraine und wird zudem von russischen Sicherheitsgarantien ermutigt. Insofern hat Südkorea derzeit ein hohes Interesse, dass die „eiserne Allianz“ mit den USA nicht öffentlich infrage gestellt wird.
Und die alljährlichen Militärübungen, die die US- und südkoreanischen Streitkräfte jeden Sommer abhalten, sind ein Kernpfeiler der gemeinsamen Abschreckung von Nordkorea. Aufgrund der hohen Rotation, insbesondere unter den 28.500 in Südkorea stationierten US-Soldaten, ist es essenziell, dass sie Befehlsketten regelmäßig üben. Am Montag hat das sogenannte Ulchi Freedom Shield nun zwar planmäßig begonnen, doch ist es im Vergleich zum vorherigen Jahr deutlich abgespeckt.
In Südkorea laufen längst Überlegungen, wie man die Sicherheit des Landes auch ohne die USA langfristig gewährleisten kann. Dazu gehört, dass die Stimmen nach einer eigenen Atombombe immer mehr Gehör finden. In repräsentativen Umfragen, etwa des Asan-Instituts, befürworten inzwischen 80 Prozent aller Südkoreaner eigene Nuklearwaffen. Im Vorjahr waren das noch 76 Prozent. Der Anstieg dürfte eine direkte Auswirkung von Trumps regelmäßigen Androhungen sein, das US-Militär aus Südkorea abziehen zu wollen.
Langfristig dürften sich die Vereinigten Staaten aber vor allem selbst schaden. Denn je mehr Trump seine militärischen Ressourcen in Nahost bündelt, desto stärker wäre er bei seiner Chinapolitik auf die Unterstützung der Alliierten im Indopazifik angewiesen. Insofern sollte sich der US-Präsident zweimal überlegen, welches der beiden Koreas er vor den Kopf stößt – und welches er hofiert.
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