Reproduktive Rechte und Feminismus: Von Männern, Frauen und Menschen

Manche Menschen können schwanger werden, andere nicht. Lässt sich das nur mit den Kategorien „Mann“ und „Frau“ erklären?

Ein Fernsehgerät, wo eine Balstozyste abbgebildet ist, wird abgeschaltet

Dass Frauen schwanger werden können, heißt, dass Menschen schwanger werden können Foto: BSIB/getty

Welche Rechte haben Menschen, die schwanger werden? Können sie abtreiben, wenn sie das möchten? Und wenn nicht, bekommen sie Geld und Unterstützung? Von wem und wie viel? Verlieren sie aufgrund ihrer Schwangerschaft Möglichkeiten, werden sie stigmatisiert? Können andere gegen ihren Willen über das von ihnen geborene Kind verfügen?

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Reproduktive Gerechtigkeit ist viel mehr als nur die Möglichkeit zur Abtreibung. Es geht um die Frage, wie wir gerechte Verhältnisse schaffen, wenn der entscheidende Maßstab für Gerechtigkeit, nämlich Gleichheit, nicht gegeben ist. Menschen ohne Uterus haben leicht reden, wenn sie ein Verbot der Abtreibung fordern – sie können nicht ungewollt schwanger werden. Menschen mit Uterus haben wiederum leicht reden, wenn sie Leihmutterschaft verbieten wollen, sie können ihre Kinder ja selbst zur Welt bringen.

Es ist nicht möglich, reproduktive Gerechtigkeit herzustellen, indem man „alle Menschen gleichbehandelt“, wie wir es normalerweise gewohnt sind. Denn im Hinblick auf ihre reproduktiven Fähigkeiten sind die Menschen nun mal nicht gleich.

Patriarchale Gesellschaften lösen dieses Problem bekanntlich über das Konzept Geschlecht: Neugeborene, von denen man aufgrund ihrer Genitalien annehmen kann, dass sie später einmal schwanger werden können, werden in eine eigene Kategorie namens „Frau“ gesteckt, für die die Rechte der normalen Menschen alias „Mann“ (in vielen Sprachen dasselbe Wort) nicht gelten. Auf diese Weise haben Menschen ohne Uterus über Jahrtausende die Schwangerschaften anderer kontrolliert und reglementiert.

Eine Frauentaz zum Thema Reproduktive Rechte: Seit 150 Jahren ist ein Schwangerschaftsabbruch in Deutschland strafbar – obwohl der Schaden, den der Paragraph 218 anrichtet unübersehbar ist. In der Frauentaz vom 5./6.März lesen Sie, wie eine Abschaffung konkret aussehen könnte. Außerdem: Ein Interview mit der Schauspielerin Vera Tschechowa, die auf dem berühmten Stern-Cover „Wir haben abgetrieben“ dabei war. Ab Samstag am Kiosk, im eKiosk, im praktischen Wochenendabo und rund um die Uhr bei Facebook und Twitter.

Keine Rückschlüsse auf den Körper

Dank des Feminismus gehen diese Zeiten zu Ende. Die „Frauen“ haben sich organisiert, gegen ihre Diskriminierung gekämpft, sich Zugang zu materiellen Ressourcen und Einflussmöglichkeiten erstritten. Heute stellt sich nun die Frage, ob konsequenterweise nicht auch die Zuordnung von Geschlecht und Biologie selbst aufgelöst werden muss.

Darüber sind Fe­mi­nis­t:in­nen derzeit allerdings heillos zerstritten. Die einen gehen davon aus, dass jede Kategorisierung von Menschen aufgrund der reproduktiven Differenz inhärent herrschaftsförmig ist. Sie fordern, Männlichkeit, Weiblichkeit sowie andere geschlechtliche Identitäten als Selbstbezeichnungen zu verstehen, die keinerlei Rückschlüsse auf den Körper der betreffenden Person zulassen. Andere hingegen sind überzeugt, dass ein an die Gebärfähigkeit gebundenes politisches Subjekt namens „Frau“ weiterhin notwendig ist, um die Freiheit von Menschen, die schwanger werden können, zu erkämpfen beziehungsweise zu erhalten.

Tatsächlich ist die Zuordnung von reproduktiver Differenz (kann schwanger werden oder nicht) zur Geschlechterdifferenz (weiblich, männlich, nicht binär) uneindeutig. Auch viele „Frauen“ können ja nicht schwanger werden, wobei das Schwangerwerdenkönnen prinzipiell immer eine Potenzialität ist: Nicht alle Frauen haben einen Uterus, nicht alle Personen mit Uterus können schwanger werden, nicht alle Personen, die schwanger werden können, werden es auch, nicht alle Personen, die schwanger werden, führen die Schwangerschaft auch zu Ende.

Eine neue symbolische Ordnung

Der Verweis auf die Uneindeutigkeit von Biologie ist aber ein schwaches Argument gegen binäre Geschlechterkonzepte. Selbst wenn man nämlich die Kriterien für „korrekte“ Chromosomen, Genitalien und Hormone äußerst streng definiert, fallen immer noch über 98 Prozent aller Neugeborenen exakt in eine von zwei reproduktiven Varianten. Biologische Intersexualität existiert natürlich, aber sie ist nicht der Grund, warum die traditionelle Geschlechterordnung hinterfragt wird. Die allermeisten Menschen, die sich als trans und/oder nicht binär verstehen, tun das, obwohl ihre Körper in reproduktiver Hinsicht vollkommen eindeutig sind.

Eine neue symbolische Ordnung der Geschlechterdifferenzen ist vielmehr notwendig geworden, weil die traditionelle patriarchale Ordnung ihre Legitimität verloren hat. Wenn Frauen individuelle Rechte haben, homosexuelle Paare Familien gründen, In-Vitro-Fertilisation Schwangerschaften ohne Sex ermöglicht und Kinder drei biologische Elternteile haben können, muss zwangsläufig genauer hingeschaut werden: Wovon ist in einem bestimmten Kontext die Rede? Geht es um Frauen? Geht es um Menschen, die schwanger werden können/wollen/waren? Geht es um Menschen, die menstruieren? Geht es um Feminist:innen, also um Menschen, die patriarchale Strukturen bekämpfen? Geht es um „FLINTs“, um Frauen-Lesben-Inter-Nonbinäre-Trans-Personen, also um Menschen, die etwas anderes als traditionelle cis Männlichkeit verkörpern?

Es ist sinnlos, sich darüber zu streiten, welcher dieser Begriffe besser oder schlechter ist, denn die Frage ist: Worüber will ich sprechen und welcher Begriff ist in diesem Kontext der zutreffende? Dass die Begriffe sich vervielfältigen, mit denen wir über das Themenfeld Gender, Geschlechterverhältnisse und Reproduktion sprechen, zerstört nicht etwa das politische Subjekt „Frauen“, wie manche befürchten. Ganz im Gegenteil: Es ist ein Zeichen dafür, dass die Themen, die Fe­mi­nis­t:in­nen am Herzen liegen, in der politischen Debatte inzwischen einen Grad an Komplexität erreicht haben, der ein differenzierteres Vokabular erfordert als das klassische „Frau-Mann“-Schema, in das die Realität früher gepresst wurde.

Auf eine Frage zuspitzen

„Feminism is the radical notion that women are people“, heißt ein beliebter feministischer Spruch, und das gilt eben – trotz aller biologischen Unterschiede – auch für die Reproduktion: Dass Frauen schwanger werden können, heißt nichts anderes, als dass Menschen schwanger werden können, wenn auch nicht alle.

Erst wenn wir das verstanden haben, können wir reproduktive Gerechtigkeit neu definieren. Indem wir sie dann nämlich auf die Frage zuspitzen, ob die Verhältnisse so sind, dass ein gutes Leben auch für Menschen garantiert ist, die schwanger werden. Denn eine biologische Wahrheit ist ganz unabhängig von sozialen und politischen Veränderungen sicher: Wir alle verdanken unsere Existenz der Tatsache, dass eine andere Person den Embryo, aus dem wir entstanden sind, viele Monate lang in ihrem Uterus zur Reife gebracht hat. Und das ist keine Marginalie.

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Dass viele Menschen in Deutschland bis heute nicht über ihren eigenen Körper bestimmen dürfen, zeigt der 150 Jahre alte Paragraf 218. Wie es um die reproduktiven Rechte in Deutschland, Polen, Lateinamerika und andernorts bestellt ist – darüber berichtet die taz zum internationalen Frauentag: taz.de/Frauentag

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