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Queer-migrantische RäumeEine tanzende Gemeinde

In einem Berliner Kulturzentrum schafft ein kurdischer Tanzworkshop einen Raum, in dem sich Herkunft, Kultur und Queerness treffen – ohne Angst.

Aus Berlin

Melda Özsoy

Die Musik setzt ein. Hände greifen ineinander, ein Kreis bildet sich. 20 Menschen stehen an diesem Abend im Berliner Kulturzentrum We Are Village.

Der Tanzlehrer macht einen Schritt nach links, dann nach rechts. Die Gruppe folgt ihm. Nicht immer synchron. Manche lachen, wenn sie aus dem Takt geraten. Andere schauen konzentriert auf ihre Füße. An diesem Abend lernen sie drei kurdische Tänze.

Im Hintergrund laufen kurdische Lieder. Darunter auch „Jin, Jiyan, Azadî“ – „Frau, Leben, Freiheit“. Zwischen den Liedern wird geredet, gelacht und Wasser getrunken. Einige sitzen auf Sofas am Rand des Raums, andere bleiben auf der Tanzfläche stehen. Niemand scheint es eilig zu haben. Der Workshop wirkt weniger wie ein Kurs als wie ein Treffen von Menschen, die einen Ort gefunden haben, an dem sie gerne Zeit verbringen.

Einer von ihnen ist Atilla. Seit Januar besucht er regelmäßig Veranstaltungen im We Are Village. Yoga, Sportangebote und andere Workshops haben ihn immer wieder in das Kulturzentrum geführt.

Sich den eigenen Ängsten stellen

Für den kurdischen Tanzworkshop hat er sich aus einem besonderen Grund angemeldet. „Ich komme aus einer türkischen Familie und wurde als Kind immer zu diesen Hochzeiten mitgenommen“, erzählt er. „Das war die Hölle für mich.“

Heute, fast 50 Jahre alt, habe er sich vorgenommen, sich dieser Erfahrung noch einmal zu stellen. Zum ersten Mal tanzt er einen Halay, einen traditionellen kurdischen Gruppentanz. „Ich habe mir gedacht: Stell dich doch deinen Ängsten.“

Dass er diesen Schritt ausgerechnet hier wagt, sei kein Zufall. „Ich mag den Space We Are Village, weil ich mich hier sicher fühle. Und ich weiß immer, dass ich auch gehen kann. Keiner würde mich hier zurückhalten.“

Projektleiter von Queer Bridges ist Munir Arreola. Der in Berlin lebende Tanzkünstler beschäftigt sich in seiner Arbeit mit Themen wie Queerness, Migration und Identität. Seine eigenen Erfahrungen als Sohn einer mexikanischen und marokkanischen Familie prägen dabei auch seine Arbeit.

Ein Raum zum Heilen

Für Arreola soll Queer Bridges ein Ort sein, an dem Menschen mit Migrationserfahrungen Gemeinschaft finden können. Das Programm richtet sich an queere Menschen mit unterschiedlichen Migrationsgeschichten. Neben Tanzworkshops gehören Sprachcafés, Kreativangebote, Diskussionsrunden und Vernetzungstreffen zum Angebot.

„Wir wollen sichere Räume schaffen, in denen Menschen Kontakte knüpfen, sich austauschen, heilen und Gemeinschaft erleben können“, sagt Arreola. Gerade in einer vielfältigen Stadt wie Berlin sei es wichtig, Orte zu schaffen, an denen unterschiedliche Erfahrungen von Migration und Queerness nebeneinander Platz haben.

Geleitet wird der Workshop von Yada. Für den kurdischen trans Mann bedeutet der Tanz vor allem Erinnerung und Widerstand: „Kurdischer Tanz ist ein Symbol unserer Kultur.“ Jeder Tanz erzähle eine eigene Geschichte. Viele Bewegungen würden seit Generationen weitergegeben. Yada selbst hat den Tanz von älteren Familienmitgliedern gelernt. Heute gibt er dieses Wissen weiter.

Zu den Teilnehmenden gehört auch Waran. Sie ist Kurdin und in Europa aufgewachsen. „Ich habe an manchen Stellen nicht so viel Zugang zu Sachen, die mit meinen Wurzeln verbunden sind“, erzählt sie. Der gemeinsame Tanz habe ihr geholfen, sich diesen Traditionen wieder näher zu fühlen. Besonders wichtig sei für sie, dass nicht nur Menschen mit kurdischem Hintergrund teilnehmen. „Andere Menschen, die nicht den Background haben, sind trotzdem da und interessiert. Dass wir zusammen diesen Tanz tanzen können – darum geht es auch.“

Ein Geburtstagslied

Nach einer kurzen Pause beginnt die letzte Tanzrunde des Abends. Die Musik wird wieder lauter. Die Gruppe stellt sich noch einmal im Kreis auf. Einige beherrschen die Schritte inzwischen sicher, andere orientieren sich an ihren Nachbar:innen. Hände greifen ineinander. Schulter an Schulter bewegt sich die Gruppe durch den Raum. Als das letzte Lied endet, löst sich der Kreis. Die Teilnehmenden klatschen.

Doch statt nach Hause zu gehen, überraschen sie Tanzlehrer Yada mit einem Geburtstagslied. Anschließend wird Kuchen verteilt. Noch über eine Viertelstunde später stehen Menschen in kleinen Gruppen zusammen, unterhalten sich, verabreden sich für kommende Veranstaltungen und umarmen sich zum Abschied.

Für Atilla sind es genau diese Momente, die ihn immer wieder zurückbringen. Das We Are Village erinnere ihn an „eine kleine Kirchengemeinde“, obwohl er selbst nicht religiös sei. Gemeint ist das Gefühl, immer wieder an denselben Ort zurückzukehren und bekannte Gesichter zu treffen. „Es fühlt sich an wie ein Ort, wo man hinkommen kann, wenn man sich einsam fühlt.“

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