Psychotherapie: 26 Wochen durchschnittliche Wartezeit
Viele müssen in Deutschland monatelang auf eine Therapie warten, besonders Kinder und Jugendliche sind betroffen. Die Grünen fordern deshalb Reformen.
Die Grünen fordern die Bundesregierung auf, die psychotherapeutische Versorgung grundlegend zu stärken. Das geht aus einem Antrag der Grünen-Bundestagsfraktion hervor. Konkret geht es um bessere Bedarfsplanung, mehr ambulante Angebote und eine gesicherte Weiterbildung. Die Grünen-Politikerin Kirsten Kappert-Gonther, selbst Psychiaterin und Vorsitzende des Gesundheitsausschusses, sagt: „Hilfe muss schneller und passgenauer zur Verfügung stehen. Wer nicht rechtzeitig Unterstützung bekommt, hat ein höheres Risiko, dass sich die Krankheit verfestigt.“
Hintergrund sind geplante Honorarkürzungen für die ambulante Psychotherapie. Kirsten Kappert-Gonther bezeichnet die Entscheidung als „kurzsichtig“ und warnt vor einer Verschärfung bestehender Versorgungslücken. Die Kürzungen senden ein fatales Signal an Betroffene. Dabei ist der Bedarf hoch.
Psychische Erkrankungen haben in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen, auch infolge multipler Krisen. Besonders betroffen sind Kinder und Jugendliche. Laut aktuellem „Schulbarometer“ der Robert Bosch Stiftung berichtet inzwischen etwa jede:r Vierte von psychischer Belastung, im Jahr 2024 war es noch etwa jede:r Fünfte.
Gleichzeitig stößt das System an seine Grenzen: Patient:innen warten im Schnitt rund 26 Wochen auf einen Therapieplatz. Für Kinder und Jugendliche haben sich die Wartezeiten seit Beginn der Pandemie laut einer Studie der Universität Leipzig nahezu verdoppelt. „Für viele Betroffene bedeutet das, dass sie gerade in Phasen akuter Belastung oder Krise monatelang auf Hilfe warten müssen – mit erheblichen Risiken für ihre gesundheitliche Entwicklung sowie für soziale Teilhabe und Erwerbsfähigkeit“, so Kappert-Gonther.
Zu wenig Therapieplätze auf dem Land
Wer auf dem Land einen Therapieplatz sucht, muss oft besonders lange warten. Während es in Städten deutlich mehr Psychotherapeut:innen gibt, bleibt die Versorgung in ländlichen Regionen lückenhaft, obwohl psychische Erkrankungen dort ähnlich häufig auftreten. Ein Grund dafür liegt in der Bedarfsplanung. Die Grünen fordern deshalb eine Reform.
Die Bedarfsplanung für die ambulante Psychotherapie basiert im Kern noch immer auf Verhältniszahlen aus den 1990er‑Jahren. Zwar wurden diese zuletzt teilweise angepasst, sie bilden den tatsächlichen Bedarf aber weiterhin nur unzureichend ab. Ein Gutachten im Auftrag des Gemeinsamen Bundesausschusses kam bereits 2018 zu dem Ergebnis, dass bundesweit über 2.400 zusätzliche Kassensitze nötig wären. Tatsächlich wurden 2019 jedoch lediglich etwa 800 neue Kassensitze geschaffen. Psychotherapeut:innen ohne Kassenzulassung dürfen gesetzlich Versicherte nicht vertragsärztlich behandeln, weshalb die begrenzte Zahl der Kassensitze die Wartezeiten weiter verlängert.
Die Grünen fordern auch eine eigene Bedarfsplanung für junge Patient:innen. Mehr als jede zweite psychische Erkrankung beginnt in jungen Jahren und kann Lernen und soziale Teilhabe beeinträchtigen. Längere Wege können viele nicht allein bewältigen, sie sind auf wohnortnahe Angebote angewiesen.
Zwar haben CDU/CSU und SPD im Koalitionsvertrag angekündigt, die Versorgung im ländlichen Raum und für Kinder und Jugendliche zu verbessern. Umgesetzt ist das bislang nicht.
Betroffene landen immer wieder in der Klinik
Menschen mit schweren oder chronischen psychischen Erkrankungen, Suchterkrankungen oder zusätzlichen Belastungen wie Sprachbarrieren sind laut Kappert-Gonther oft unterversorgt. In akuten Krisen landen sie mangels ambulanter Hilfe in Notaufnahmen oder Kliniken und stehen nach der Entlassung nicht selten wieder ohne Unterstützung da. Die Folge sind erneute Einweisungen, ein „Drehtüreffekt“, der die Erkrankung zusätzlich verfestigen kann. Sie bräuchten verlässliche, multiprofessionelle Hilfe, die auch im Alltag greift.
Zwar hat der Gemeinsame Bundesausschuss 2021 und 2024 neue Regeln für eine besser koordinierte Versorgung beschlossen, etwa durch eine engere Zusammenarbeit verschiedener Berufsgruppen und eine bessere Verzahnung von Klinik und ambulanter Behandlung. Hohe Hürden beim Aufbau entsprechender Netzwerke bremsen den Ausbau und das Angebot bleibt lückenhaft.
Die Folgen zeigen sich nicht nur für die Betroffenen selbst: Psychische Erkrankungen verursachten 2023 laut der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde rund 16 Prozent aller Krankheitstage und sind mit 42 Prozent die häufigste Ursache für Frühverrentungen. Die Kosten gehen in die Milliarden – für das Gesundheitssystem ebenso wie für die Gesellschaft.
Bundesregierung will nicht eingreifen
Kappert-Gonther warnt vor einer Verschärfung bestehender Versorgungslücken durch die geplante Honorarkürzung: „Wirtschaftlicher Druck darf den Zugang zu Therapie nicht weiter erschweren.“
Die Bundesregierung will dennoch nicht eingreifen. In einer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage der Grünen, die der taz vorliegt, verweist das Bundesgesundheitsministerium darauf, dass die Vergütung in der Zuständigkeit der Selbstverwaltung liege und es lediglich die Rechtsaufsicht ausübe.
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