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Psychotherapie26 Wochen durchschnittliche Wartezeit

Viele müssen in Deutschland monatelang auf eine Therapie warten, besonders Kinder und Jugendliche sind betroffen. Die Grünen fordern deshalb Reformen.

Protest von Psy­cho­the­ra­peu­t:in­nen gegen Honorarkürzungen in Nürnberg im März 2026 Foto: Ardan Fuessmann/imago

Die Grünen fordern die Bundesregierung auf, die psychotherapeutische Versorgung grundlegend zu stärken. Das geht aus einem Antrag der Grünen-Bundestagsfraktion hervor. Konkret geht es um bessere Bedarfsplanung, mehr ambulante Angebote und eine gesicherte Weiterbildung. Die Grünen-Politikerin Kirsten Kappert-Gonther, selbst Psychiaterin und Vorsitzende des Gesundheitsausschusses, sagt: „Hilfe muss schneller und passgenauer zur Verfügung stehen. Wer nicht rechtzeitig Unterstützung bekommt, hat ein höheres Risiko, dass sich die Krankheit verfestigt.“

Hintergrund sind geplante Honorarkürzungen für die ambulante Psychotherapie. Kirsten Kappert-Gonther bezeichnet die Entscheidung als „kurzsichtig“ und warnt vor einer Verschärfung bestehender Versorgungslücken. Die Kürzungen senden ein fatales Signal an Betroffene. Dabei ist der Bedarf hoch.

Psychische Erkrankungen haben in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen, auch infolge multipler Krisen. Besonders betroffen sind Kinder und Jugendliche. Laut aktuellem „Schulbarometer“ der Robert Bosch Stiftung berichtet inzwischen etwa je­de:r Vierte von psychischer Belastung, im Jahr 2024 war es noch etwa je­de:r Fünfte.

Gleichzeitig stößt das System an seine Grenzen: Pa­ti­en­t:in­nen warten im Schnitt rund 26 Wochen auf einen Therapieplatz. Für Kinder und Jugendliche haben sich die Wartezeiten seit Beginn der Pandemie laut einer Studie der Universität Leipzig nahezu verdoppelt. „Für viele Betroffene bedeutet das, dass sie gerade in Phasen akuter Belastung oder Krise monatelang auf Hilfe warten müssen – mit erheblichen Risiken für ihre gesundheitliche Entwicklung sowie für soziale Teilhabe und Erwerbsfähigkeit“, so Kappert-Gonther.

Zu wenig Therapieplätze auf dem Land

Wer auf dem Land einen Therapieplatz sucht, muss oft besonders lange warten. Während es in Städten deutlich mehr Psy­cho­the­ra­peu­t:in­nen gibt, bleibt die Versorgung in ländlichen Regionen lückenhaft, obwohl psychische Erkrankungen dort ähnlich häufig auftreten. Ein Grund dafür liegt in der Bedarfsplanung. Die Grünen fordern deshalb eine Reform.

Die Bedarfsplanung für die ambulante Psychotherapie basiert im Kern noch immer auf Verhältniszahlen aus den 1990er‑Jahren. Zwar wurden diese zuletzt teilweise angepasst, sie bilden den tatsächlichen Bedarf aber weiterhin nur unzureichend ab. Ein Gutachten im Auftrag des Gemeinsamen Bundesausschusses kam bereits 2018 zu dem Ergebnis, dass bundesweit über 2.400 zusätzliche Kassensitze nötig wären. Tatsächlich wurden 2019 jedoch lediglich etwa 800 neue Kassensitze geschaffen. Psy­cho­the­ra­peu­t:in­nen ohne Kassenzulassung dürfen gesetzlich Versicherte nicht vertragsärztlich behandeln, weshalb die begrenzte Zahl der Kassensitze die Wartezeiten weiter verlängert.

Die Grünen fordern auch eine eigene Bedarfsplanung für junge Patient:innen. Mehr als jede zweite psychische Erkrankung beginnt in jungen Jahren und kann Lernen und soziale Teilhabe beeinträchtigen. Längere Wege können viele nicht allein bewältigen, sie sind auf wohnortnahe Angebote angewiesen.

Zwar haben CDU/CSU und SPD im Koalitionsvertrag angekündigt, die Versorgung im ländlichen Raum und für Kinder und Jugendliche zu verbessern. Umgesetzt ist das bislang nicht.

Betroffene landen immer wieder in der Klinik

Menschen mit schweren oder chronischen psychischen Erkrankungen, Suchterkrankungen oder zusätzlichen Belastungen wie Sprachbarrieren sind laut Kappert-Gonther oft unterversorgt. In akuten Krisen landen sie mangels ambulanter Hilfe in Notaufnahmen oder Kliniken und stehen nach der Entlassung nicht selten wieder ohne Unterstützung da. Die Folge sind erneute Einweisungen, ein „Drehtüreffekt“, der die Erkrankung zusätzlich verfestigen kann. Sie bräuchten verlässliche, multiprofessionelle Hilfe, die auch im Alltag greift.

Zwar hat der Gemeinsame Bundesausschuss 2021 und 2024 neue Regeln für eine besser koordinierte Versorgung beschlossen, etwa durch eine engere Zusammenarbeit verschiedener Berufsgruppen und eine bessere Verzahnung von Klinik und ambulanter Behandlung. Hohe Hürden beim Aufbau entsprechender Netzwerke bremsen den Ausbau und das Angebot bleibt lückenhaft.

Die Folgen zeigen sich nicht nur für die Betroffenen selbst: Psychische Erkrankungen verursachten 2023 laut der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde rund 16 Prozent aller Krankheitstage und sind mit 42 Prozent die häufigste Ursache für Frühverrentungen. Die Kosten gehen in die Milliarden – für das Gesundheitssystem ebenso wie für die Gesellschaft.

Bundesregierung will nicht eingreifen

Kappert-Gonther warnt vor einer Verschärfung bestehender Versorgungslücken durch die geplante Honorarkürzung: „Wirtschaftlicher Druck darf den Zugang zu Therapie nicht weiter erschweren.“

Die Bundesregierung will dennoch nicht eingreifen. In einer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage der Grünen, die der taz vorliegt, verweist das Bundesgesundheitsministerium darauf, dass die Vergütung in der Zuständigkeit der Selbstverwaltung liege und es lediglich die Rechtsaufsicht ausübe.

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5 Kommentare

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  • Die Grünen fordern Reformen !



    Ich fordere Lösungen !

    Das können z.B. Ausnahmeregelungen sein,

    Denn man darf nicht verhehlen dass das Menschenleben kostet.



    Tag für Tag.

    • @Bolzkopf:

      Na logo! Die GRÜNEN sind an allem schuld! Reformen führen ja auch keineswegs zu Lösungen.



      Wie soll man denn sonst zu Lösungen kommen, wenn man keine Veränderungen (aka Reform) durchführt????

  • In diesem Zusammenhang ist es vielleicht nicht ganz unwichtig, dass Psychotherapien hierzulande extrem umfangreich sind. Ein Therpieumfang von weit mehr als 100 Stunden ist keine Seltenheit. In anderen Ländern (zb Niederlande) sind die Therapien idR deutlich weniger umfänglich, und es geht offenbar auch. Das wäre ein wichtiger Ansatz, um mehr Menschen schneller in Therapie zu bringen. Auch kann man bei bestimmten (nicht bei allen) Diagnosen zB vermehrt auf Gruppentherapien setzten, wie sie sich ja bei einigen Krankheitsbildern bewährt haben

  • Die aktuelle ZEIT verweist auf Apps, die teils auch wissenschaftlich basiert seien.



    Das ist Heftpflaster auf Großwunde und muss dann auch regelmäßig gemacht werden. Immer noch besser als KI-Schwatzen, freilich.

  • Es ist ein humanitärer Offenbarungseid mitten im Wohlstand: Wer heute für ein Kind mit schweren psychischen Problemen Hilfe sucht, landet nicht in Therapie, sondern in einer endlosen Warteschleife. Wartezeiten von sechs Monaten und mehr sind die Regel – eine Ewigkeit für eine zerbrechende Seele. Während die Politik Sonntagsreden über die „Zukunft unserer Kinder“ hält, betreibt sie in der Realität einen brutalen Kahlschlag: Die geplante Absenkung der Honorare für Psychologen ist das Signal zum Rückzug aus der staatlichen Fürsorgepflicht.



    ​Besonders perfide: Während die Gesellschaft tatenlos zusieht, wie eine ganze Generation in die Zwangserkrankung Handysucht abrutscht – befeuert durch Algorithmen, die auf Abhängigkeit programmiert sind –, wird das therapeutische Netz zerrissen. Wir lassen Jugendliche im digitalen Sumpf allein und kürzen dann jenen die Mittel, die den Rettungsanker werfen könnten. Wer Honorare drückt, provoziert Praxissterben und nimmt den Kollaps der jugendlichen Psyche billigend in Kauf. Ein Staat, der bei der psychischen Gesundheit seiner Kinder spart, begeht sozialen Selbstmord auf Raten. Wer die Helfer entmutigt, lässt die Schwächsten im Stich!