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Proteste in IranMit EU-Sanktionen das Mullah-Regime stürzen?

Die EU arbeitet an neuen Iran-Sanktionen. Ob es eine Entscheidung dafür gibt, ist fraglich. Doch wirken Sanktionen überhaupt? Das sagen Expertinnen.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen im Plenarsaal des Europaparlaments: Was bringen Sanktionen? Foto: Virginia Mayo/ap/dpa

Wer in Iran gegen die Staatsführung aufbegehrt, dem droht der Tod. Dennoch entstanden in den letzten Jahren immer wieder neue Protestbewegungen; zuletzt Ende Dezember, die vermutlich Ende vergangener Woche ihr größtes Ausmaß erreichten. Und dann von den Sicherheitskräften brutalst niedergeschlagen wurden.

Menschenrechtsorganisationen sprechen von 2.000 bis 12.000 Toten, von einer neuen Dimension staatlicher Gewalt. Laut Berichten wurde selbst auf unbewaffnete Fliehende gezielt von Dächern geschossen, Sicherheitskräfte mischten sich mit einem Schleier getarnt unter die Protestierenden, verbündete Milizen aus Irak und Libanon beteiligten sich an der Niederschlagung. Eine Internetsperre verhindert, dass die Menschen sich organisieren und Bilder nach außen dringen können.

Was soll die Welt in Anbetracht dieser Bilder tun? Militärisch eingreifen, wie es US-Präsident Donald Trump angedeutet hat?

Für die Europäer ist dies keinerlei Option; sie setzen auf neue EU-Sanktionen gegen Iran. Für kommende Woche wird ein Sanktionspaket der EU-Kommission erwartet, das die EU-Außenminister anschließend einstimmig beschließen müssen.

Laut Plänen der EU-Außenbeauftragten Kaja Kallas sollen die Revolutionsgarden (IRGC), eine der mächtigsten Organisationen des iranischen Staates, auf die EU-Terrorliste gesetzt werden. Auch Deutschland drängt darauf.

Das hätte zur Folge, dass EU-Regierungen keine normalen diplomatischen Beziehungen mehr mit Iran führen düften. Zudem könnte jedes Mitglied der IRGC in Europa juristisch belangt werden. Geschäfte mit ihnen wären verboten, ihre Konten und Vermögenswerte eingefroren. Gegen sie und ihr Umfeld könnten Einreiseverbote verhängt werden.

Von der Leyen: „Die Sanktionen werden wehtun“

Doch bei dem Vorhaben bahnt sich eine Sperre des Rates an. In der EU-Außenpolitik gilt das Einstimmigkeitsprinzip und mehrere Länder haben bereits Bedenken geäußert, darunter Frankreich, Italien und Spanien.

Da man versucht, Iran vom Bau von Atomwaffen abzuhalten, möchte man nicht den diplomatischen Zugang verlieren. Zudem hält das Regime westliche Touristen als Faustpfand in Haft. Diese Menschen möchte man wieder nach Hause holen.

„Die Sanktionen werden wehtun“, sagte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am Donnerstag auf einer Pressekonferenz zu einem Treffen der EU-Kommissar:innen mit der EU-Ratspräsidentschaft in Zypern. „Sie werden das Regime schwächen und in Richtung seines Endes treiben.“

Diba Mirzaei, Iran-Forscherin beim German Institute for Global and Area Studies (Giga), sieht das weniger optimistisch. „Unter Ex­per­t*in­nen ist umstritten, ob eine Einstufung der Revolutionsgarden als Terrororganisation überhaupt einen zusätzlichen Effekt hätte“, sagte sie der taz. „Zahlreiche ihrer Mitglieder unterliegen bereits umfassenden Sanktionen, darunter Einreisebeschränkungen und das Einfrieren von Vermögenswerten.“

Diese bereits bestehenden Sanktionsmaßnahmen seien sogar umfangreicher als die bloße Terrorlistung.„Zielführender wären gezielte zusätzliche Sanktionen gegen einzelne Mitglieder der Revolutionsgarden sowie gegen Vertreter der politischen Führung“, so Mirzaei.

Mirzaeis Einschätzungen werden von der politischen Analystin Barbara Mittelhammer geteilt: „Die Terrorlistung hat vor allem symbolische Wirkung“, sagte sie der taz. „Die Sanktionsforschung zeigt, dass Sanktionen als Instrument für Regimewechsel eine sehr schlechte Erfolgsbilanz haben. Die Gründe liegen unter anderem darin, dass Regierungen oft Resistenzen entwickeln, ja geradezu voneinander lernen und miteinander kooperieren, um Sanktionen zu umgehen.“ Aber auch ein unkoordiniertes Vorgehen bei der Durchsetzung der Sanktionen schwäche ihre Wirkung, das gelte laut Mittelhammer von Einreisekontrollen bis hin zu Finanztransaktionen.

Sanktionen als Instrument für Regimewechsel haben eine sehr schlechte Erfolgsbilanz

Barbara Mittelhammer, politische Analsytin

„Das iranische Regime hat bislang wiederholt Wege gefunden, bestehende Sanktionen zu umgehen“, bestätigt Mirzaei.

Die Folgen der Sanktionen für die Zivilbevölkerung

Ein Problem zudem: Anstatt der autoritären Eliten trägt die Bevölkerungen die Kosten von Sanktionen, was die Regime wiederum nutzen, um die nationale Einheit zu beschwören.

Gleichzeitig ist die wirtschaftliche Schwächung der Bevölkerung bisweilen Teil der Strategie von Sanktionspolitik: So sollen die Menschen gegen ihre staatliche Führung aufgebracht und so ein Wandel von innen initiiert werden.

Ökonomische Absicherung ist eine zentrale Voraussetzung dafür, Protest, Streik oder zivilgesellschaftliches Engagement überhaupt möglich zu machen.

Diba Mirzaei, Iran-Forscherin

Die beiden Expertinnen widersprechen dieser Logik. „Bestehende Finanzsanktionen erschweren es Menschen mit familiären Wurzeln in Iran erheblich, ihre Angehörigen finanziell zu unterstützen. Dabei ist ökonomische Absicherung eine zentrale Voraussetzung dafür, Protest, Streik oder zivilgesellschaftliches Engagement überhaupt möglich zu machen“, erläutert Mirzaei.

Letztlich könnte der Sturz des Regimes durch Sanktionen sogar erschwert werden. „Breite Sanktionen schwächen die Handlungsfähigkeit und Resilienz von Gesellschaft, Zivilgesellschaft und politischem Mobilisierungspotenzial“, sagt Mittelhammer. „Also genau die Kräfte, die es für erfolgreichen Regimewechsel braucht.“

Und damit bleibt das außenpolitische Vorgehen der Europäer am Ende vermutlich mal wieder eines: wirkungslos.

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9 Kommentare

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  • Wenn ein Staat stark aufs Großkapital setzt, das auch nicht ganz unter der Knute ist, können Sanktionen eine Folge haben, wie es wohl beim rassistischen Südafrika damals der Fall gewesen sein könnte.

    Wichtig ist dabei, an die Menschen zu denken, die Kommunikation dessen auch durchzubekommen, dem Regime keine Ausrede zu geben, die Hand offen zu halten, wenn sich das Verhalten ändert, und (ja, manche werden sagen: leider) den Machthabenden eine solche Brücke zu bauen, dass sie nicht an der Laterne landen werden.

    Die USA hat schon einige Länder versucht durch Blockaden auf die Knie zu kriegen. Europa hat sehr behutsam u.a. versucht die illegale Besiedlung der Westbank oder der Westsahara zu ändern.



    Realistisch werden wenigen Südafrikas viele solche leider eher misslungenen Sanktionen gegenüberstehen.

    • @Janix:

      Und das größte Debakel war der Öl-Boykott der USA und GB gegenüber Japans. Eine direkte Ursache für den Angriff auf Pearl Harbour.



      Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht.

      • @Donni:

        Zum Nebenpunkt:



        Vielleicht ja, vielleicht nein.



        In Japan gewann da die Kriegsfraktion schon zuvor jährlich mehr an Boden, die sich als Herr Asiens wähnte, China & Co. plündern wollte und die Bremse nie mehr gezogen bekam. Und für Kautschuk und Öl dann nach Malaysia und Indonesien, zuvor aber noch die USA rausdrücken wollte - schwerer Fehler, bei aller militärischen Brillanz mancher Manöver auf dem Weg zum sicheren Verlieren des Angriffskriegs..

        • @Janix:

          Das was ich zu dem Thema gelesen habe, war es nicht der einzige, aber der Hauptgrund, aber warum sollen Historiker einer Meinung sein?



          Beim Rest würde und werde ich Ihnen nicht widersprechen. :))

          • @Donni:

            Ich betrachte das vermutlich Selbe nur aus einem anderen Winkel: Es war Japan, das da nur den Preis einer kompletten Wende seiner Politik herausgekommen wäre (was schon damals nicht so die Stärke war, gesichtswahrende Korrektur) und die ganzen Eroberungen hätte zurückdrehen müssen. Und sich selbst überstolz dahin manövrierte, als die Kriegsfraktion die Regierung zu dominieren begann. Selbst wenn sie jedes Schiff in Pearl Harbour erwischt und Midway noch gedreht hätten und keine Atombombe, wäre dann halt erst 1948 der Krieg verloren gewesen.



            UK und NL allein waren nicht das Hindernis (Churchills Einschätzung des Falles von Singapur ist seeeehr unterhaltsam, als Besserwisserdokument), aber dass die USA stillhalten würde: illusionär. Die Gegenküste soll keine Bedrohung darstellen.

  • Wenn die oben genannten Schlaumeier der Meinung sind, dass der Sturz des Regimes durch Sanktionen sogar erschwert wird, dann würde ich sie gerne mal fragen, welche Maßnahmen sie für geeignet halten.

    • @Il_Leopardo:

      Setzen Sie gerade das Ziel eines Sturzes von außen hier absolut und als gegeben?



      Was machen wir dann mit ... (50+ Länder einsetzen, incl. Netanyahu in Israel gerade, Trump, Putin, Xi, ...)?



      Das sind Fragen, und keine allein rhetorischen. Doch beginnen wir mit diesen zwei Fragen.

      • @Janix:

        Generell bin ich nicht für gewaltsame Eingriffe in fremden (oder auch dem eigenen) Staat(en). Man kann auch auf vielfältige, unterstützende Maßnahmen setzen, wie z.B. die Opposition durch kostenloses technisches Know how wie VPN-Verbindungen, Laptops, Smart phones, Drucker. Auch sind die Regierungen demokratischer Staaten und die Medien hier gefordert, durch ständige Hinweise auf Mißstände Druck auszuüben. Da passiert einfach zu wenig.



        Trotzdem zeigt die Vergangenheit, dass insbesondere die USA und auch GB von solch feinen Methoden nicht viel halten. Sie intervenierten oft genug in diesem Raum gewaltsam. Das Ergebnis waren dann fast immer instabile Länder

        • @Il_Leopardo:

          Mmh, vielleicht wenigstens eine faire Chance geben. Dass Starlink im Iran mit Todesstrafe belegt ist, weist darauf hin, dass so etwas eine Rolle spielt.



          Dabei auch nicht die Opposition wie eine bezahlte Marionette von Außen dastehen lassen (Da weiß ich immer noch nicht, wieso Netanyahu das m.E. machte und dann auch noch v.a. Gefängnisbesucher bei seiner Aktion damals töten ließ).