Propalästinensische Demo in Connewitz: Wenn Linke anfangen, Staaten zu verteidigen
Connewitz war der Tiefpunkt der innerlinken Auseinandersetzung. Auf beiden Seiten schlägt Lagerdenken in die Rechtfertigung von Herrschaft um.
A m liebsten will man ignorieren oder verdrängen, was die radikale Linke am Wochenende in Connewitz abgeliefert hat. Es bereitet Kopfschmerzen, und zwar von allen Seiten.
Auf der einen Seite: Sogenannte Anti-Deutsche, die sich mit Israel und sogar dessen Armee solidarisieren, trotz der laut UN als Völkermord zu bezeichnenden Verbrechen in Gaza. Auf der anderen Seite: Antiimperialisten, die teils das mordende Mullah-Regime verteidigen (oder gleich die Hamas), nur weil diese gegen Israel sind. Die, die sich am Connewitzer Kreuz gegenüberstanden, wirkten wie Karikaturen ihrer jeweiligen Lager. Reale Probleme, wie die rassistischen Tendenzen in der antideutsch geprägten Linken in Leipzig, konnten so gar nicht verhandelt werden. Warum sich also überhaupt mit dem peinlichsten aller innerlinken Konflikte auseinandersetzen? Was, bitte, soll das bringen?
Vielleicht immerhin eines: die Erinnerung daran, das Linke oft dann auf Irrwege geraten, wenn sie beginnen, eine Herrschaftsordnung zu verteidigen. Das klingt banal, scheint heute aber in Vergessenheit geraten zu sein. Man sitzt mit Kommunist:innen in einer Kneipe und hört präzise Analysen über Polizeigewalt in Deutschland – und im nächsten Moment Rechtfertigungen von Staatsrepression in (historischen) sozialistischen Staaten. Anti-Ds sprechen von antiautoritärer Praxis, nur um sich zu winden und zu ächzen, wenn es um die systematische Unterdrückung palästinensischen Lebens in Israel geht.
Gegen die Hofierung von Kriegsverbrechern
Am Montag soll der neue syrische Machthaber Ahmad al-Shaara (alias „al-Jolani“) in Deutschland zum Staatsbesuch anreisen. Früher war der Anführer islamistischer Milizen, weshalb ein breites zivilgesellschaftliches Bündnis zum Protest aufruft – getragen von kurdischen und internationalistischen Frauenorganisationen. Gefordert wird, islamistische Gewalt aufzuklären und zu verfolgen, statt politisch zu normalisieren.
19. Januar, Bundeskanzleramt / Wilhelmsgarten, 16 Uhr
In Gedenken an Antifas in Russland
Am 19. Januar 2009 wurden die antifaschistische Journalistin Anastasia Baburova und der Jurist Stanislav Markelov und im Zentrum von Moskau von Neonazis ermordet. Seither ist der Tag ein Gedenktag für alle, die in Russland, der Ukraine und allen anderen ehemaligen Sowjetrepubliken gegen den Faschismus kämpfen. Dieses Jahr gibt es auch in Berlin eine Demonstration.
Montag, 19. Januar, Silvio-Meier-Str./Frankfurter Allee, 18 Uhr
Alles muss man selber machen
„Alles muss man selber machen“ ist ein Buch über Menschen, die ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen: Von der Pariser Kommune 1871, in den Fabriken Petrograds 1917, oder in Rojava und Chiapas. Überall dort entstanden Räte und selbstorganisierte Zusammenschlüsse. In seinem Buch erzählt Christopher Wimmer in lebendigen Szenen, wie solche Bewegungen entstehen und funktionieren – und warum sie oft auch scheitern. Ein Vortrag mit Diskussion.
Mittwoch, 21. Januar, Franz-Mehring-Platz 1, 19 Uhr
Gemeinsam gegen Sellner
Die Brandenburger Landtagsabgeordnete Lena Kotré (AfD) findet den Neonazi Martin Sellner dufte. Deswegen hat sie ihn nach Luckenwalde eingeladen, um über ethnische Säuberung („Remigration“) zu sprechen. Auf Druck der AfD-Parteispitze wurde die Veranstaltung nun formal abgesagt. Die Betonung liegt auf „formal“: Sellner macht nun seine eigene Veranstaltung, zu der auch Kotré, nun als Gast, erscheinen wird. Wie auch immer: Es gibt antifaschistischen Protest.
Donnerstag, 22. Januar, Breite Straße, 18 Uhr
Femi(ni)zid gedenken
Am 24. Januar 2026 findet in vielen Städten Deutschlands, Österreichs und der Schweiz ein gemeinsamer Gedenktag an die Opfer von geschlechtsspezifischer Gewalt statt. Kritisiert wird eine Politik, die Kürzungen im Anti-Gewalt-Bereich sowie mangelnde Unterstützungs- und Hilfesysteme in Kauf nimmt, die Istanbul-Konvention aufgrund von Haushaltskürzungen nicht umsetzbar macht und Kriege durch Waffenexporte fördert.
Samstag, 24. Januar, Martha-Ndumbe-Platz, 16 Uhr
Was hier passiert, ist, dass Menschen eine blinde Loyalität gegenüber der vermeintlich „richtigen“ Seite entwickeln. Sie sind dann nicht mehr in erster Linie loyal mit dem Kampf um Befreiung, sondern mit den Organisationen, die diesen Kampf vermeintlich ausführen. Was sie wiederum blind macht gegenüber den Verbrechen, die diese Organisationen begehen.
Marx hilft
Gegen diese Verirrungen hilft die Erinnerung an die alte Phrase, dass die Geschichte eben eine Geschichte von Klassenkämpfen ist. Und der Klassenkampf geht auch im Sozialismus noch weiter. Im Klartext: Natürlich braucht es Organisationen, aber sie sind nie ein Zweck für sich. Linke Organisationen müssen stets dadurch ihre Berechtigung beweisen, dass ihre Handlungen noch im Einklang mit dem Ziel der Befreiung stehen. Ist das über einen längeren Zeitraum nicht mehr der Fall, muss sich der Kampf auch gegen sie richten.
Wer wirklich Solidarität verdient, ist deshalb nie irgendeine Seite, sondern es sind immer Menschen, die in einer konkreten Situation versuchen, die Bedingungen ihres Lebens zu verbessern. Aus dieser Perspektive lässt sich dann auch zusammendenken, was im Lagerdenken widersprüchlich scheint: Die Solidarität mit den Menschen in Gaza, die Widerstand gegen Israel leisten, und dem Widerstand gegen die Hamas, die nicht für Befreiung steht. Mit allen, die in Israel für gleiche Rechte für alle kämpfen und jenen, die in Teheran ihr Leben für die Freiheit aufs Spiel setzen.
Die gute Nachricht lautet: Es gibt viele Linke, die das intuitiv sehr gut verstehen, sowohl auf palästinasolidarischer Seite als auch in der autonomen Antifa. Mit diesen Menschen lassen sich die entscheidenden Kämpfe der Gegenwart führen. Und all die Widersprüche, die sich aus einer solchen Haltung ergeben, muss man eben aushalten. Sie machen das Leben spannend.
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