Pro und Contra Mit SUVs zur E-Mobilität

Brücke oder Krücke

VW setzt auf den Verkauf dicker Autos, um die E-Mobilität zu finanzieren. Ist das die richtige Strategie? Ein Pro und Contra.

Ein VW-SUV auf der Automesse in Los Angeles

Der Autobauer VW setzt mehr auf SUVs wie den Atlas Cross Sports. Legitim? Foto: Damian Dovarganes/AP/dpa

JA

Sollte es ein Mahnmal zum Gedenken an die Dummheit der Menschheit ­geben, man könnte es aus SUVs errichten: Wir haben Klimakatastrophe und viele fahren in Autos herum, die zwischen 14 und 25 Prozent mehr verbrauchen als ein normales Modell, das gleich schnell, gleich komfortabel und gleich sicher wäre. Nun will VW seinen Anteil an diesen Fahrzeugen deutlich steigern, weil damit mehr zu verdienen ist und man schließlich Geld zum Umstieg auf die E-Mobilität braucht. VW-Chef Herbert Diess gab das auch schon in der taz offen zu.

Aus realpolitischer Sicht ist diese Strategie gut. Wenn man also davon ausgeht, dass VW kein verantwortlich handelndes Subjekt ist, sondern ein Konzern, der das Maximum für sich herausholt. VW muss, wie alle Autobauer in der EU, die CO2-Emissionen seiner Flotten senken. Wenn er mehr SUV-Modelle verkauft, muss der Konzern also an anderer Stelle kompensieren. Mehr Elektroautos bauen. Oder Strafe zahlen. Oder, dritte Variante, den Verbrauch von SUVs schneller senken. Und hier wird es interessant: Außer in China gibt es in vielen Ländern keine CO2-Grenzwerte für Autos. Doch weltweit steigt die Nachfrage nach den Spritfressern an.

Die Dummheit der Menschen ist also ein Fakt. Die einzige Hoffnung für den Planeten besteht darin, die Dummheit zu begrenzen. Soll heißen: Wenn weltweit immer mehr Menschen SUVs wollen, inklusive der Deutschen, dann möglichst wenig umweltzerstörerische. Also solche, die aus einem Wirtschaftsraum wie der EU kommen, in dem der Klimadruck auf die Autoindustrie global gesehen am größten ist.

Dass VW damit den Umstieg auf die E-Mobilität finanziert und beschleunigt, scheint schlüssig. Natürlich gehen die SUV-Gewinne auch an Mana­ger*innen und Aktionär*innen. Aber die EU zwingt die Autobauer zur E-Revolution. Für Lügen, wie früher, bleibt da für VW wenig Spielraum.

Ingo Arzt

NEIN

Es ist falsch, dass VW und andere Autobauer auf den steigenden Absatz von SUVs setzen. Die ManagerInnen behaupten, der Verkauf der besonders klimaschädlichen Autos sei nötig, um genug Geld für den großen Transformationsprozess hin zur E-Mobilität zu bekommen. Dabei geht es doch in erster Linie darum, weiterhin hohe Gewinne für die AnteilseignerInnen zu erwirtschaften.

Die reichsten Leute Deutschlands beziehen unfassbare Summen aus der Autoindustrie. Sie haben sich auf Kosten von Klima und Beschäftigten über Jahrzehnte die Konten gefüllt. Jetzt müssen sie ihren Anteil dafür leisten, dass aus der schadstoffreichen Branche ein klimaneutraler Wirtschaftszweig wird. VW hat besondere gesellschaftliche Verantwortung, weil der Staat Anteilseigner ist.

Die Transformation zur E-Mobilität muss viel rascher gehen und konsequenter betrieben werden, als es heute der Fall ist. Wer ernsthaft glaubt, er oder sie könnte diese Umstellung noch um zehn oder sogar mehr Jahre verschieben, ist als EntscheidungsträgerIn in der Autoindustrie und in der Politik falsch. Sich hinter den KundInnen zu verschanzen, die angeblich keine Elektroautos, sondern leistungsstarke und große SUVs wollen, ist scheinheilig. Bislang wollten stets viel mehr Leute ein E-Fahrzeug, als die Industrie zu liefern bereit war.

Allerdings: Die Mobilität der Zukunft besteht nicht nur aus der Umstellung auf Elektroantriebe, sondern aus einem anderen Verständnis von Fortbewegung mit kollektiven geteilten oder öffentlichen Fahrzeugen. Ein batteriebetriebener SUV ist auch nicht viel besser als einer mit Auspuff. Jeder ist einer zu viel. Die meisten nehmen unverschämt viel Raum ein, egal ob sie fahren oder stehen. Solange die Autoindustrie an ihrem Größer und Schneller festhält, fährt sie in die falsche ­Richtung. Der SUV symbolisiert das. Je schneller überhaupt keiner mehr gebaut wird, desto besser.

Anja Krüger

Einmal zahlen
.

Schreibt seit 2008 für die taz. Beschäftigt sich mit der Frage, ob Kapitalismus auch öko kann. War Korrespondent in Baden-Württemberg, gründete erfolglos ein Magazin und besuchte eine Journalistenschule. Ist außerdem Elektroingenieur.

Buchveröffentlichungen: „Die verlogene Politik. Macht um jeden Preis“ (Knaur Taschenbuch Verlag, 2010), „Die Angstmacher. Wie uns die Versicherungswirtschaft abzockt“ (Lübbe Ehrenwirth, 2012).

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben