Parteisender in Österreich: Propagandaradio für Patrioten
Mit „Austria First“ baut die FPÖ ihr Medienuniversum aus. Das ist Propaganda getarnt als Journalismus – und eine Gefahr für Medien und Demokratie.
D ie Geste hätte größer kaum sein können: 5.000 Anhänger beim Neujahrstreffen der Freiheitlichen Partei (FPÖ) in der Klagenfurter Messehalle, ein pompöser Countdown und mittendrin Parteichef Herbert Kickl, der den Buzzer für „Österreichs Patriotenradio“ drückt. Mit dem Start von „Austria First“ am Samstag baut die rechtsextreme FPÖ ihr Parallel-Medienuniversum weiter aus.
Neben FPÖ-TV mit 242.000 Abonennten, der Neuen Freien Zeitung und starker Social-Media-Präsenz verfügt die Partei nun über einen 24-Stunden-Radiosender. Man wolle „ungefiltert unsere politischen Inhalte direkt zu den Bürgern bringen“, sagte FPÖ-Generalsekretär Christian Hafenecker. Neben viel Musik gebe es „echte Nachrichten statt linker Meinungsmache“, so die Selbstbeschreibung des neuen Senders.
Warum die Gründung eines weiteren Parteisenders bedenklich ist, zeigt ein Blick ins Programm schnell: Im ersten „Journal“ um 12 Uhr geht es ausführlich um den FPÖ-Parteitag mit zahlreichen Beglückwunschungen zum Sendestart. Andere Nachrichten werden nicht berichtet, es folgt der Wetterbericht. Während die Senderwebsite wenigstens ein Impressum listet, in dem die FPÖ als Betreiber erkennbar ist, fehlt ein solches in der App komplett.
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Was unter dem Deckmantel des Journalismus daherkommt, ist plumpe Propaganda: die systematische Delegitimierung etablierter Medien bei gleichzeitigem Aufbau eigener Kanäle. Kickl bezeichnete in im neuen Sender „Systemmedien“ als „Gehirnwäsche“ und sein Gegenprogramm zum „linken Zeitgeist“ und „Genderwahnsinn“. Und er bekräftigte seinen Wunsch, „Volkskanzler“ zu werden – ein Begriff, den auch schon die Nazis benutzt hatten.
Kein neutraler Radiomacher
Nicht weniger als 13 Moderator:innen gönnt sich der neue Sender zum Start. Programmchef Werner Reichel, auch selbst am Mikrofon, ist kein neutraler Radiomacher. Der Publizist schrieb etwa für die verschwörungstheoretische Zeitschrift Kopp exklusiv und die deutschnationale Zur Zeit. Zudem ist er Geschäftsführer des Buchverlags „Frank & Frei“, wo Titel wie „Und die Schwurbler hatten doch recht“, und „Der deutsche Willkommenswahn“ erschienen. Seine neue Mission sei ein Sender, „der ausschließlich auf die Interessen und Wünsche der Mehrheit der Österreicher zugeschnitten ist.“ Nachsatz: „Im heimischen linken Mediensumpf gab es das bisher nicht.“
„Austria First“ ist dabei nur die Spitze einer beunruhigenden Entwicklung. In Österreich erleben Parteimedien eine Renaissance, während unabhängiger Journalismus ums Überleben kämpft. Im November 2025 startete die SPÖ, die aktuell mit Andreas Babler den Medienminister stellt, ihren Youtube-Kanal „SPÖ 1“. Der Sender ist ein Nischenprogramm, doch das Signal ist fatal: Während der österreichische Journalismus tief in der Krise steckt, befördert eine Regierungspartei die ohnehin schon übergroße PR-Schwemme.
Längst betreiben auch alle Parlamentsparteien eigene Onlinezeitungen: die ÖVP mit „Zur Sache“ (seit 2021), die SPÖ mit „Kontrast“ (2016), die Grünen mit „Freda“ (2022) und die Neos mit „Materie“ (2022). Doch in Sachen Professionalität und Reichweite kann der FPÖ niemand das Wasser reichen. Sie setzte früher und intensiver als die Konkurrenz auf digitale Kanäle. Etablierten Medien hingegen steht sie kaum noch Rede und Antwort – sie braucht sie schlicht nicht mehr.
Diese Entwicklung ist demokratiepolitisch bedenklich. Journalistische Redaktionen müssen kritisch hinterfragen und verschiedene Perspektiven präsentieren, Parteimedien verbreiten ihre Botschaften ungestört. Sie brauchen keine Werbekunden und keine Abonnenten, denn die Partei zahlt. Kaum irgendwo wird das deutlicher als bei dem neuen Radiosender der FPÖ. Austria First macht die ohnehin schon enge Echokammer noch mal lauter.
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