Osloer Mahnmal für Attentat-Opfer: Das Grauen unter der Oberfläche
In Oslo ist eine Mosaikwand enthüllt worden, die der Opfer des rechtsextremen Attentats von 2011 gedenkt. Es ist der Versuch einer Wiederaneignung.
Es ist eine große, auch physisch monströse Geste, mit der Norwegen jetzt der Opfer der Attentate von 2011 gedenkt. Einige finden das zwölf Meter hohe Mahnmal in Oslos Innenstadt zu pathetisch. Doch seine Dimension entspricht der Monstrosität des Verbrechens, das der Rechtsextreme Anders Breivik vor 15 Jahren, am 22.6.2011, beging: Auf einen Autobomben-Anschlag in Oslos Regierungsviertel folgte ein Massaker in einem Jugendcamp der sozialdemokratischen Arbeiterpartei auf der nahen Insel Utøya. 77 Menschen starben.
Das Motiv des inzwischen zu Höchststrafe und Sicherungsverwahrung verurteilten Täters, der keine Reue zeigt: Islamophobie, befeuert durch die Einwanderungspolitik der damaligen rot-grünen Regierung sowie eine rechtsextreme Ideologie.
Monströs war auch die Selbstinszenierung Breiviks, der sich stellte und den Prozess nutzte, um seine Ideologie – inklusive rechtsextremer Gesten – in die Öffentlichkeit zu bringen. Und auch seriöse Medien, befangen in einem zu diskutierenden Verständnis von „Berichtpflicht“, erwähnten und zeigten all dies – ein Effekt, den Breivik einkalkuliert hatte.
Aus dem Blick geriet darüber, dass Breivik offenbarte, dass auch in der demokratischen norwegischen Wohlstandsgesellschaft radikaler Rechtsextremismus wachsen konnte. Und mit genau diesem Phänomen – dem archaischen Grauen unter der Oberfläche einer moralisch integren Gesellschaft – spielt das Mahnmal des Künstlers Matias Faldbakken. Eine zwölf Meter hohe Wand aus Mosaiksteinen ist es geworden. Gehalten wird sie von einem Stahlgerüst, das ein Wandgemälde aus einem Gebäude barg, das nach dem Bombenanschlag abgerissen werden musste.
„Wiederaufrichtung“ hat Faldbakken, bekannter als Autor von kulturkritischen und Horror-Romanen, es genannt. Die Vorderseite zeigt, fein gezeichnet, zwei auf Utøya heimische Wasservögel. Sie wirken so ikonisch wie dokumentarisch – eine Art Heimholung kann es sein, die Wieder-Aneignung einer Region, die Zeuge eines Verbrechens wurde, das die Landschaft atmosphärisch schwer schädigte.
Auf der Rückseite steht das nicht zu Verdrängende: die Namen der 77 Todesopfer. Ein Gedenk- und Mahnort solle es werden, hat der Künstler gesagt. Ein Ort, der nicht nur für noch mehr Offenheit stehen könne, als Gegenpol zur Gewalt. Sondern auch für die zu stark unterdrückte Wut der Angehörigen: Darüber, dass die Polizei das Massaker nicht früher stoppen konnte. Weil man für so etwas – auch qua Selbstverständnis – nicht gewappnet war.
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