15 Jahre Attentat auf Utøya: Wie Norwegen an das Trauma erinnert
Am 22. Juli 2011 ermordete ein Rechtsextremist 69 Teilnehmende eines sozialdemokratischen Zeltlagers. 8 weitere Menschen starben durch eine Autobombe.
Foto: Zhang Yuliang/Xinhua/imago
Es war der letzte 22. Juli, der in Norwegen einfach nur wie ein weiterer Sommertag begann – der des Jahres 2011. Dann setzte Anders Behring Breivik seinen rechtsextremistischen Terrorplan um und zwang dem Land die ungeheure Aufgabe auf, damit fertigzuwerden.
Auch 15 Jahre danach müssen nicht nur Überlebende und Hinterbliebene weiterhin mit den Folgen umgehen. Das Land behält den traumatischen Wendepunkt bei sich, muss sich darauf beziehen, über ihn reflektieren, in immer neuem Licht betrachten. Nicht allen gefällt das, manche wollen nicht mehr erinnert werden.
Acht Menschen tötete er, dessen Name in Norwegen bis heute nur selten öffentlich genannt wird, mit einer Bombe im Regierungsviertel von Oslo. 69 Menschen, vor allem Jugendliche, erschoss er danach bei seinem grausamen Massaker auf der kleinen Insel Utøya, wo die Jugendorganisation der Arbeiterpartei ihr beliebtes Sommercamp abhielt.
Die Vereinigung der Betroffenen und Hinterbliebenen engagiert sich weiter dafür, dass die Lehren aus dem Terror nicht vergessen werden. „Die Demokratie lebt nur so lange, wie wir sie aufrechterhalten“, mahnte die Vorsitzende Merete Stamneshagen vor wenigen Tagen bei der Einweihung eines neuen Gedenkortes zum 15. Jahrestag.
Erinnerung als Verpflichtung
Eine Installation des Künstlers Matias Faldbakken erinnert ab jetzt mitten in Oslo an den Terror, direkt gegenüber des neuen 22.-Juli-Zentrums. „Aufrechterhaltung“ heißt das Mosaik mit Naturmotiven in dem riesigen Rahmen, in dem nach dem Bombenanschlag ein Picasso aus dem betroffenen Regierungsgebäude gerettet wurde. „Aufrechterhaltung“, das sei nicht nur der Name des Kunstwerks, sagte Stamneshagen, sondern eine Verpflichtung.
Sie erinnerte an die Ziele der Vereinigung: Niemals schweigen angesichts von Menschenrechtsverletzungen, einstehen für Menschen, die von Hass und Rassismus betroffen sind. Niemals die Geschichten und Gesichter der Opfer vergessen. Anerkennen, dass die Demokratie angegriffen werden kann und dass die Antwort dennoch weiterhin mehr Demokratie sein muss.
Das Motiv des Täters war Hass gegen die Vielfalt – in der ersten Reaktion darauf schien das Land geeint. Die Menschen versammelten sich zu Trauermärschen, bei denen hochgehaltene Rosen für die Antwort standen: mehr Offenheit, mehr Demokratie, Liebe und Zusammenhalt statt Vergeltung – man tröstete sich im Stolz auf diesen Umgang damit.
Aber man musste schnell auch einsehen, dass Fehler gemacht worden waren. Eine 22.-Juli-Kommission wurde eingerichtet, ihr Abschlussbericht zeigte die ungeheuren Mängel bei der Bereitschaft der Polizei und bei der Absicherung des Regierungsviertels – in seinem Ausmaß hätte der Anschlag gebremst werden können, wäre man auf so etwas bis dahin Undenkbares eingestellt gewesen. Konsequenzen wurden gezogen.
Überlebender wird bedroht
Was aber immer klarer wurde und gerade dieses Jahr von vielen Seiten hervorgehoben wird: Wie wenig Norwegen bewusst war, dass der Terrorist von damals nicht allein dastand mit seinen rassistischen Ideen. Und wie sichtbar das Problem Hass und Hetze auch durch die sozialen Medien inzwischen geworden ist.
Einer, der Utøya überlebte, ist Gaute Skjervø. Heute ist er der Vorsitzende der Arbeiterpartei-Jugendorganisation AUF. Skjervø erzählt dem Magazin der Zeitung Dagbladet nun von Hass und Drohungen gegen ihn – immer wieder bekäme er zu hören, es sei schade, dass der Terrorist seinen Job auf Utøya nicht besser ausgeführt habe. Skjervø gehört zu denen, die sich gerade vor dem Hintergrund des Erlebten politisch gegen Rassismus und Hass engagieren. Auch in Norwegen wurde diese Aufgabe mit den Jahren größer.
Und nicht für alle Betroffenen ist der 22. Juli ein Tag für gesellschaftliches Engagement für andere. Auch um ihre Erinnerungen, ihr Trauma und den Umgang damit geht es immer wieder. In diesem Jahr ist es vor allem ein Detail im gerade neu umgezogenen 22.-Juli-Zentrum, das für starke Reaktionen sorgte: Erstmals wird die selbst gemachte Pseudo-Uniform ausgestellt, mit der der Terrorist sich vor 15 Jahren Autorität und damit Zugang zu Fähre nach Utøya verschafft hatte. Völlig unnötig, nannte das die Mutter eines der Kinder, die auf der Insel getötet wurden.
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