Norouz in Kriegszeiten: Wo genau soll dieser Neuanfang sein?
Am 20. März war Norouz, das Neujahrsfest, das vor allem für viele Kurd*innen Widerstand bedeutet. Hoffnung zu haben, fällt dieses Jahr schwer.
E s fällt mir gerade besonders schwer, Hoffnung zu haben. Dabei war am Freitag Norouz, das Neujahrsfest, das viele Völker und Millionen Menschen weltweit begehen. Ein Fest, das für Neuanfang steht, und gleichzeitig den Beginn des Frühlings markiert. Ein Fest für das Licht nach der Dunkelheit. Und hier sitze ich und frage mich: Wo genau soll dieser Neuanfang gerade sein?
Es ist Krieg in der Region, in der Norouz gefeiert wird. In Iran zählt die Menschenrechtsorganisation HRANA inzwischen mehr als 1.300 zivile Tote seit Kriegsausbruch. Auch in Afghanistan fallen weiter Bomben. Die Autonome Region Kurdistan im Irak wird vom iranischen Regime angegriffen. In Rojava stehen Kurd*innen unter Belagerung durch das syrische Regime. Millionen Menschen sind gerade auf der Flucht. Es ist, als würde sich die Gewalt durch die Region ziehen wie ein roter Faden.
Und dann kommt Norouz. Eigentlich ein Moment, in dem man innehält und durchatmet. Ein Fest, das gerade für viele Kurd*innen immer auch Widerstand bedeutet. Gegen Unterdrückung, gegen Auslöschung, für Freiheit. Ein Fest, das sagt: Wir sind noch da. Auch für Iraner*innen ist das Fest politisch geworden.
Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem Hoffnung beginnt: als Entscheidung. Denn während ich darüber nachdenke, ob es überhaupt angebracht ist, zu feiern, sehe ich die Bilder aus diesen Ländern. Menschen, die trotz allem Norouz begehen, die Feuer entzünden, die tanzen. Menschen, die sich weigern, sich die Hoffnung nehmen zu lassen. Sie wissen genau, was auf dem Spiel steht. Aus Prinzip Hoffnung zu haben, ist dort eine Überlebensstrategie.
Und vielleicht ist das die unbequeme Wahrheit: Dass Hoffnung nicht dann entsteht, wenn alles gut ist, sondern genau dann, wenn nichts gut ist. Wenn sie schwerfällt oder sich fast falsch anfühlt. Dieses Jahr fühlt sich Norouz nach Schmerz und Ohnmacht an, aber vielleicht liegt genau hier die Hoffnung: sich trotzdem zu entscheiden, weiterzumachen, weiter hinzusehen, weiter laut zu sein, weiterzukämpfen. Auf die eigene Weise. Und vielleicht ist genau das der Anfang von etwas Neuem.
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