Der Kampf um Rojava: Hoffnung ist kurdisch
Schon wieder werden die Kurd:innen im Stich gelassen. Und wieder einmal von denen, die sich Freiheit und Demokratie auf die Fahnen schreiben.
Foto: Murat Kocabas/imago
W iderstand ist Leben, lautet ein kurdisches Sprichwort. Für Kurd:innen ist das kein Pathos, sondern eine nüchterne Zustandsbeschreibung. Wer kurdisch ist, lernt früh, dass die eigene Identität etwas ist, das verteidigt werden muss – ein Leben lang.
Schon wieder werden die Kurd:innen im Stich gelassen. Wieder einmal von denen, die sich Freiheit und Demokratie auf die Fahnen schreiben: die USA, der sogenannte Westen. Dieselben Akteure, die sich noch vor wenigen Jahren auf die Schultern kurdischer Kämpfer:innen gestützt haben, als es darum ging, den IS zu besiegen. In Kobanê haben Kurd:innen nicht nur für ihr eigenes Überleben gekämpft, sondern auch für unsere Sicherheit. Unter einer Parole, die um die Welt ging: Jin Jiyan Azadî. Frau Leben Freiheit.
2022 wurde dieser Slogan durch die Proteste in Iran erneut zu einem globalen Aufschrei. Politiker:innen auf westlichen Bühnen riefen ihn solidarisch, bewegt, manchmal ein bisschen zu selbstzufrieden. Heute sieht dieselbe Welt dabei zu, wie Kurd:innen erneut angegriffen und vertrieben werden. Diesmal durch das islamistische syrische Regime, unterstützt von der Türkei.
„Eine Region, die einst ein Ort von Frieden und Brüderlichkeit war, wurde in eine Arena von Blutvergießen verwandelt“, sagt eine Frau aus Rojava, die anonym bleiben möchte. „Wie konnte es so weit kommen?“ Sie fragt nicht aus Naivität. Sie fragt, weil diese Frage weh tut. Weil sie uns meint.
Ihre Antwort lautet Widerstand
Wie also Hoffnung haben in all dem? Vor einigen Tagen kursierte ein Video eines Milizionärs, der grinsend mit dem abgeschnittenen Zopf einer getöteten Kurdin posierte. Kurdinnen weltweit flechten sich daraufhin die Haare und stellen ihre Videos in die sozialen Medien. Ihre kollektive Antwort auf Gewalt ist der Widerstand.
Wir haben die kurdischen Kämpferinnen oft romantisiert: diese starken Frauen mit Kalaschnikow und geflochtenem Haar. Was wir dabei oft übersehen: Dieser Widerstand kommt aus einem brutalen Überlebensinstinkt. Aus der Erfahrung, dass es niemand anderes tun wird, wenn sie es nicht selbst tun. „Wir haben keine andere Wahl als Widerstand zu leisten“, sagt die Kurdin aus Rojava.
Vielleicht ist das die eigentliche Hoffnung. Nicht die naive Vorstellung, dass alles gut wird, sondern die unbeirrbare Weigerung, sich brechen zu lassen. Aus Prinzip Hoffnung zu haben bedeutet, jetzt erst recht für Würde zu kämpfen. Hoffnung ist kurdisch.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
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