Nordkoreanische Flüchtlinge in China: „Die Angst bleibt in meinem Herzen“
China schiebt Flüchtlinge nach Nordkorea ab – auch wenn ihnen dort Folter und Zwangsarbeit drohen. Eine Betroffene hofft auf Gerechtigkeit.
In Tumen, einer verschlafenen Grenzstadt im nordöstlichen Zipfel Chinas, ist Nordkorea nur einen Steinwurf entfernt. Lediglich ein mäandernder Fluss, kaum breiter als ein Fußballfeld, trennt die zwei Staaten. Unter Touristen hat sich Tumen mit seiner nostalgischen Sowjetarchitektur längst zu einer Art Geheimtipp entwickelt. Doch ein paar Gehminuten vom Ortskern entfernt befindet sich ein dunkles Geheimnis, das die Sicherheitsbehörden vehement vor neugierigen Blicken abschirmen: ein fünfstöckiges Abschiebezentrum, in dem mehrere hundert Nordkoreaner auf ihre Zwangsrückführung warten.
Seit Jahrzehnten bereits schieben chinesische Behörden systematisch nordkoreanische Flüchtlinge ab – auch, wenn diesen in ihrer Heimat Folter, Zwangsarbeit und Lagerhaft droht.
Eine, die davon berichten kann, ist Frau Kang. Mit 20 Jahren ist die Nordkoreanerin über die Grenze geflohen. Um Geld zu verdienen, wie sie sagt. Doch statt Wohlstand und ein neues Leben wartete auf sie in der Volksrepublik eine Leidensgeschichte, die bis heute anhält.
Von schwarz Uniformierten in Handschellen abgeführt
Wenn Frau Kang gut anderthalb Jahrzehnte später in ihrer Wahlheimat Seoul von ihrem Schicksal erzählt, dann trägt sie einen weiten Mantel, schwarze Gesichtsmaske und einen tief über die Augen gezogenen Fischerhut. Aus Sicherheitsgründen möchte sie ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen.
Als sie in der nordöstlichen Provinz Liaoning lebte, dem chinesischen „Rostgürtel“, und bei einer Freundin zu Besuch war, stürmten plötzlich neun schwarz uniformierte Sicherheitsoffiziere in die Wohnung. Sie stellten die Nationalität der Frauen fest und führten sie umgehend in Handschellen ab.
Mehrere Wochen verbrachte Frau Kang in einem vierstöckigen Abschiebezentrum in der chinesischen Grenzstadt Dandong, ohne jemals Tageslicht zu sehen. In einer bitterkalten Zelle mussten sich die Frauen ausziehen, um von den Wärtern durchsucht zu werden. Dabei haben sie auch ihre Körperöffnungen überprüft – angeblich auf geschmuggeltes Geld. „Ich habe mich so sehr geschämt“, sagt Frau Kang mit brüchiger Stimme: „Das Gefühl, nicht zu wissen, wann ich herauskomme, war überwältigend“. Das Essen war so dürftig, dass sie Angst hatte zu verhungern.
Mehr als eine humanitäre Frage
„Das Zwangsrückführung von Nordkoreanern wurde bislang stets als humanitäre Frage behandelt“, sagt Jong-hun Park, Leiter der südkoreanischen NGO Database Center for North Korean Human Rights (NKDB). Tatsächlich jedoch müsse man das Thema dringlichst unter der Perspektive des internationalen Rechts betrachten – um die staatlichen Strukturen zu erkennen und verantwortliche Personen zu identifizieren.
Genau dieser Fragestellung ist die Menschenrechtsorganisation nun in einem 300-seitigen Bericht nachgegangen. Die Studienautoren kommen darin zu dem Schluss, dass Chinas Zwangsabschiebungen nicht nur gegen internationales Flüchtlingsrecht verstoßen, sondern möglicherweise auch ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellen – einer der gravierendsten Tatbestände nach internationalem Strafrecht. Sie argumentieren, dass den chinesischen Behörden schließlich seit Jahren bekannt sei, welche Tortur den Nordkoreanern nach ihrer Rückkehr droht.
Institutionalisiertes System der Abschiebung
Zudem handelt es sich keineswegs um Einzelentscheidungen lokaler Parteikader entlang der chinesisch-nordkoreanischen Grenze, sondern um ein institutionalisiertes System. Die Sicherheitsbehörden beider Staaten kooperieren arbeitsteilig miteinander – von der Festnahme bis zur zwangsweisen Überführung.
Seit 2020 sind über tausend Fälle solcher erzwungener Rückführungen dokumentiert, die Dunkelziffer könnte deutlich höher liegen. Allein 2023, als beide Staaten ihre Pandemie-Maßnahmen lockerten, wurden laut NGOs rund 600 Nordkoreaner in einem Schlag von China ausgewiesen.
China spricht von illegalen Wirtschaftsmigranten
Die Volksrepublik sieht sich dabei im Recht. Laut Peking handelt es sich bei den Nordkoreanern nämlich nicht um Flüchtlinge, die Anspruch auf humanitären Schutz genießen, sondern vielmehr um illegale Wirtschaftsmigranten. Ein Grund für diese rechtliche Klassifizierung ist, dass China eine große Fluchtbewegung fürchtet, welche die Region destabilisieren könne.
Doch wie inhuman diese Haltung ist, lässt sich an den Schilderungen der betroffenen Nordkoreaner ablesen. Als Frau Kang schließlich vom chinesischen Abschiebezentrum auf die andere Seite des Grenzflusses in die nordkoreanische Stadt Shinuiju transportiert wurde, waren die Haftbedingungen um ein Vielfaches schlimmer.
Zwanzig Zellen-Insassinnen hätten sich über Monate hinweg eine offene Toilette teilen müssen, Decken oder Matratzen habe es keine gegeben. Willkürliche Schläge der Wärter waren an der Tagesordnung. Dass Frau Kang anschließend nur zu einem Jahr Lagerhaft verurteilt wurde, hatte einen simplen Grund: Ihre Eltern hatten ihr Haus und ihren Hof verkauft, um die Richter zu bestechen.
Bis heute traumatisiert
Später gelang der Nordkoreanerin erneut die Flucht nach China, und diesmal konnte sie über ein Drittland nach Südkorea ausreisen, wo sie mittlerweile seit zehn Jahren lebt. Ihre Traumata sind jedoch längst noch nicht verheilt.
„Die Angst bleibt bis heute in meinem Herzen“, sagt Frau Kang. Trotz Psychotherapie, Schmerztabletten und Anti-Depressiva leide sie nachts an Alpträumen. „Mein Leben ist so schwer, und ich weiß nicht, mit wem ich reden soll“, sagt sie.
Was ihr Hoffnung bereite? Dass die Täter, die sie damals misshandelt haben, irgendwann einmal zur Rechenschaft gezogen werden.
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