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Neuer „Tatort“ aus KölnDüstere Abgründe im Schatten des lustigen Tapirs

Ach, wie heiter und heil ist doch die Welt des Kinderfernsehens! Oder? Ballauf und Schenk ermitteln im Autowrack und im Kreise von Erklärbär*innen.

Die Ermittlungen laufen: Ballauf und Schenk Foto: Martin Valentin Menke/WDR

Selbstironie, das können die Kölner. Oder zumindest der Kölner „Tatort“ mit Ballauf und Schenk. Die langjährigen „Tatort“-Kommissare – nach dem Ende von Batic und Leitmayr in München schlägt sie nur noch Lena Odenthal in Ludwigshafen in Sachen Betriebszugehörigkeit – wagen sich diesmal in besonders gefährliche Gewässer: Kinderfernsehen.

Und gleich in den ersten Minuten wünscht sich Schenk, dass es doch bitte mehr gut gemachte Kindersendungen mit pädagogischem Anspruch geben soll statt immer diese Krimis.

Als Krimikolumnistin möchte ich mir einen derartigen Krimidiss verbitten, aber Unrecht hat Dietmar Bär als Freddy Schenk auch nicht. Neben „Tatort“ und „Polizeiruf“ wird das Publikum, also wir Kolumnist*innen, auch mit Krimis im Saarland oder Portugal, im Spreewald, auf Fehmarn, in Venedig oder auf Usedom, in Vergangenheit und Zukunft und in der Gegenwart sowieso, versorgt.

Wo es auch in Zeit und Raum hingeht: Irgendeinen Mord gibt es immer. Und manchmal auch zwei oder drei. Copaganda hat im öffentlich-rechtlichen Fernsehen eben immer Konjunktur.

Heiter und selbstironisch

Neben angemessener Kritik am eigenen Metier badet das Kölner Team aber auch sonst diese Woche in fröhlicher Selbstreferentialität: Max Giermann, eines dieser „Den kenne ich doch irgendwoher“-Gesichter und sonst vor allem höchst erfolgreich im Kabarett- und Comedy-Umfeld unterwegs, stichelt gegen Ralph „Quarks“ Caspers und inszeniert die zwei Seiten seiner Figur Frank Anders, Held der Kindersendung „Sachen und Lachen“ und Albtraum seiner Belegschaft, auf’s Herrlichste überdreht.

Heiter und selbstironisch geht es hier sowieso zur Sache, mit Szenen, die sich zwischen bunter Kika-Welt und unappetitlicher Leichenbeschau fröhlich abwechseln.

Der Film

Köln-„Tatort“: „Showtime“, So., 20.15 Uhr, ARD

Aber wenig überraschend stellt sich recht schnell heraus: Die Abgründe der fröhlichen, quietschbunten Kinderfernsehenwelt sind tief. Und düster noch dazu.

Und vielleicht sogar noch düsterer, als es die Suche nach dem Backenzahn einer verbrannten Leiche in einem Autowrack je sein könnte. Dieter Wedel- bis Weinstein-eske Verhältnisse hinter den Kulissen, Spielsucht, Ideenklau, Schweigegeld, nicht nur eine, sondern gleich zwei Leichen, enttäuschte Kinderträume und zu allem Überfluss ein enttäuschter Freddy Schenk noch dazu.

Ein gebrochenes Kinderherz

Der muss nämlich feststellen, dass die Kindersendung, die er mit seiner Enkelin Frida so gerne geschaut hat, vielleicht doch nicht so die heile Welt lebt, die vor der Kamera suggeriert wird.

Vor lauter Spielfreude aller Beteiligten (auch toll: Erkan Acar als gefrusteter Tapirdarsteller Yassin Meret) und Liebe zum Detail, von Set- bis Sounddesign, merkt man fast nicht, dass das Drehbuch von Arne Nolting und Jan Martin Scharf leider einige Löcher aufweist, die auch die Er­klär­bä­r*in­nen der Sendung „Sachen und Lachen“ nicht sinnvoll begründen können.

Dem Kölner Duo mit seiner charmanten Chemie zwischen den beiden Kommissaren verzeiht man aber sowieso schon fast alles, und Regisseurin Isabell Šuba hat es in ihrem „Tatort“-Debüt geschafft, Krimiklischees entweder elegant zu umschiffen oder doppelbödig mit ihnen umzugehen.

Der Täter ist nämlich nicht immer der Gärtner. Und auch nicht der Tapir. Sondern manchmal ist es auch ein gebrochenes Kinderherz.

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