Neuer Roman von Douglas Stuart: Daddy-Issues im Dauerregen
Booker-Preisträger Douglas Stuart erzählt von homosexuellem Leben auf den Äußeren Hebriden. Eine Form findet er nicht.
Foto: Peter Hirth/laif
Wenn ein englischer Roman in Deutschland zeitgleich mit seinem Original erscheint, ist das ein Indiz für seine Relevanz. Bei heiß erwarteten Titeln riskiert der Verlag mit einem späteren Erscheinen, dass die deutschen Leser das Original kaufen. Douglas Stuarts neuer Roman „John of John“ ist so ein heiß erwarteter Titel. Kann der Booker-Preis-Träger von 2020 diesen Vertrauensvorschuss einlösen?
„John of John“ spielt vor der Küste Schottlands, auf den Äußeren Hebriden. Der 22-jährige Cal Macleod kehrt auf seine Heimatinsel Harris zurück. Zum Studieren auf das schottische Festland ausgezogen, findet er nach seinem Abschluss keinen Job.
Da kommt der Ruf seines Vaters nach Unterstützung bei der Pflege der Großmutter nicht ungelegen. Cal zieht zurück auf den Hof der Macleods im fiktiven Dorf Falabay, wo ihn sein Vater allein großgezogen hat. Sie leben von Schafzucht und der Herstellung von Tweed.
Douglas Stuart: „John of John“. Aus dem Englischen von Sophie Zeitz. Hanser Berlin, Berlin 2026, 560 Seiten, 26 Euro
Douglas Stuart wechselt damit erstmals die soziale Klasse seiner Literatur. In seinem Debüt „Shuggie Bain“ porträtierte er die Niederungen des Glasgower Arbeitermilieus unter Margaret Thatcher und räumte mit dem Booker-Prize zu Recht den wichtigsten englischen Literaturpreis ab.
Der Nachfolger „Young Mungo“ spielte auch in der Arbeiterklasse. Treu bleibt Stuart in „John of John“ der Auseinandersetzung mit der Erfahrung von schwulen jungen Männern. Cal hat fern von der Heimat seine Homosexualität ausleben können, nun muss er sich den erzkonservativen Ansichten des presbyterianischen Dorfes und seines homophoben Vaters unterordnen.
Damit sind die zwei zentralen Konfliktlinien gesetzt: Vater und Religion. Ohne zu viel zu verraten, kann man sagen, dass Cals Chancen schlecht stehen. Das liegt auch an der Lebensphase, in der Cal sich befindet.
Mit Anfang zwanzig hat man nun mal „Daddy-Issues“ – die Emanzipation vom Vater steht noch aus: „John betrachtete Cal als sein Eigentum, eine Verlängerung seines Körpers, und er war nicht geneigt, sich seine Meinung anzuhören, ganz einfach, weil Cal für ihn immer das Kind sein würde.“
Der erste Konflikt lässt nicht lange auf sich warten: Cals Haare, schulterlang und blond gefärbt. Der Sohn leistet zunächst Widerstand, färbt sie aus Trotz ins Wasserstoffblond, bevor er schließlich klein beigibt und die Haare mit der Stoffschere geschoren bekommt.
Homosexuelles Leben in der Peripherie
Stuart findet passende Worte für das Verlorensein in der Adoleszenz, für den Wunsch nach Unabhängigkeit und die Unfähigkeit, sie herzustellen. Als sich herausstellt, dass Großmutter Ella gar nicht so klapprig ist wie vorgegeben, gar keine Pflege benötigt, fügt sich Cal seinem Schicksal. Er ist so orientierungslos, dass er ohnehin nicht wüsste, wohin.
Denn auch auf dem Festland hatte er am Rand gestanden, war an der Universität als Hinterwäldler belächelt worden. Vergeblich versucht er via Zeitungsannonce zu anderen schwulen Männern Kontakt aufzunehmen, gelungen dokumentiert Stuart hier die Herausforderungen von homosexuellem Leben in der Peripherie.
Die Verwendung von analogen Medien wie hier der Zeitung sowie Walkman und VHS-Kassette lassen an die 1990er Jahre denken. Davon abgesehen ist dieser Roman aber zeitlos. Er könnte er auch Anfang des 20. Jahrhunderts spielen, so schlicht ist das Leben der Insulaner und so konservativ sind ihre Glaubenssätze.
Verboten sind Homosexualität, außerehelicher Geschlechtsverkehr sowie Vergnügen am Sonntag: Die Schaukeln des Spielplatzes werden am „Sabbat“ mit Ketten gesichert. Theologisch ist diese Spielart des Protestantismus von der Prädestinationslehre geprägt: „Wem bestimmt ist zu ertrinken, der wird ertrinken“, befindet Cals Vater anlässlich des Todes eines Dorfbewohners.
Er ist etwas zu stimmig, dieser feuchte Traum reaktionärer Sehnsüchte. Dass Cals Jugendfreundin Isla nach einer ungewollten Schwangerschaft aus der Gemeinde verstoßen wird, überrascht kaum. Die Leviten sind schon von Anfang an gelesen: Auf Harris herrscht Dauerregen, Cal ist als Homosexueller ausgeliefert, Fortschritt ist nicht in Sicht.
Es geht hier nicht darum, infrage zu stellen, dass auf den Äußeren Hebriden in den 1990ern tatsächlich Menschen unter derart patriarchalen Verhältnissen gelitten haben. Es geht um die Art, wie der Autor diese Themen verhandelt. Er bedient Vorstellungen, die eh schon da sind, und interessiert sich nicht wirklich für das Leben seiner Figuren.
Abgegriffene Sprachbilder
John und Cal sitzen ab und an am Webstuhl, doch der Autor würdigt ihr Handwerk nur oberflächlich. Es dient lediglich als Kulisse, um den Eindruck eines peinigenden Lebens zu erwecken. Zugleich lässt Stuart das metaphorische Potenzial dieser Tätigkeit ungenutzt, die wie ein Roman einzelne Fäden zu einem Ganzen fügt.
Stattdessen verwendet er abgegriffene Sprachbilder, wie etwa: „Innes war ein stiller Mann“. Es mag sein, dass Männer auf Inseln tatsächlich wenig reden, aber von einem Schriftsteller sollte man erwarten, dass er andere Worte dafür findet.
Sprachliche Extravaganz erlaubt sich der Autor durch das Einstreuen von gälischen Schnipseln im Dialog zwischen Vater und Sohn. Meist aber begnügt er sich mit kursiv abgehobenen Sätzen, die kenntlich machen sollen, dass gerade gälisch gesprochen wird.
Spannung wird in diesem kargen Buch allein durch ein pikantes Detail erzeugt: Cals Vater selbst ist homosexuell, unterhält seit Jahren eine Affäre mit dem stillen Innes. Deshalb verließ ihn einst Cals Mutter.
Spärlicher Roman in karger Landschaft
Anstatt sich zu seiner Liebe zu bekennen, versinkt John in Selbsthass, den er auf seinen Sohn umlenkt. Als Cal auch Interesse am Lover seines Vaters zeigt, entsteht eine Dreiecksgeschichte, deren aufgeschobene Auflösung zum Weiterlesen animieren soll.
Zusammengehalten wird dieser spärliche Roman von der wohlig-schaurigen Vorstellung eines von Wind und Religion gepeinigten Inselvölkchens. Von der stellenweise gelungenen Porträtierung der Vater-Sohn-Beziehung abgesehen enttäuscht „John of John“.
Das Besondere an der Erfahrung, auf einer Insel zu leben, arm zu sein und Tweed zu weben, kann er nicht transportieren, weil er keine Form dafür findet. Stuart, dem in seinem eigenen Leben der soziale Aufstieg aus der Arbeiterklasse heraus gelungen ist, scheitert am Versuch eines literarischen Klassenwechsels.
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