Booker-Preisträger Douglas Stuart: Ein falsches Leben

In seinem atmosphä­risch dichten Debüt­roman „Shuggie Bain“ zeigt Douglas Stuart eine Arbeiterwelt, in der jede Abweichung bestraft wird.

Douglas Stuart

Douglas Stuart, bekam den Booker Prize für seinen Roman, den zuvor etliche Verlage abgelehnt hatten Foto: Martyn Pickersgill

Shuggie Bain ist ein sensibler Junge, vielleicht zu sensibel für die Welt und umso mehr für die Welt, in der er lebt: im Glasgow der 80er Jahre, in eine Familie der Arbeiterschicht geboren, die nur noch im Abstieg begriffen ist. In seinem preisgekrönten Roman „Shuggie Bain“ erzählt Douglas Stuart von einer Kindheit zwischen bitterer Armut und der unerfüllten Sehnsucht nach bedingungsloser elterlicher Liebe.

Am liebsten spielt Shuggie mit Puppen und ist auch deshalb rasch als „Schwuchtel“ verschrien. Er vergöttert seine Mutter Agnes, allerdings hat sie ein schweres Alkoholproblem. Agnes ist schön, aber nicht nur ihr will es scheinen, als hätte sie ihre Schönheit und Jugend an den falschen Mann, an ein falsches Leben verschwendet.

Shuggies Vater fährt Taxi, seine Mutter bleibt zu Hause. Die Mutter geht nicht arbeiten – eine so schöne Frau wie Agnes hat das nicht nötig, findet auch Big Shug, der stolz darauf ist, seine Familie ernähren zu können. Im Luxus lebt man nicht. Genau genommen leben die fünf – denn neben Shuggie gibt es zwei weitere Geschwister – bei den Großeltern.

Dass Agnes sich von ihrem anständigen katholischen Mann scheiden lässt und dafür Big Shug heiratet, erscheint als der Initialfehler, der Agnes’ weiteres Leben ruiniert. Denn natürlich ist Big Shug ein Weiberheld, und noch dazu brutal.

Abweichung und Brutalität

Wie desolat die Beziehung der beiden ist, wird klar, als er seine Frau auf ein romantisches Wochenende nach Blackpool entführt. Blackpool, das ist ja so das englische Äquivalent von Bitterfeld. Aber eigentlich gefällt es Agnes dort ganz gut, bis zu jenem Moment, als der Suff einen Streit zwischen Shug und ihr eskalieren lässt und sich all seine Brutalität Bahn bricht.

Douglas Stuart: „Shuggie Bain“. Aus dem Englischen von Sophie Zeitz. Hanser Berlin, Berlin 2021, 496 Seiten, 26 Euro

Stuart zeigt dem Leser eine Welt, in der jede Abweichung gnadenlos bestraft wird. In der die richtige Konfession, die richtige Genderidentität, das richtige Verhalten über Zugehörigkeit oder brutalen Ausschluss entscheiden. Atmosphärisch dicht, ausstaffiert mit allerhand Sozio- und Dialekten sowie einem Gespür für habituelle Besonderheiten, schildert der Roman Shuggies Welt und emotionales Elend.

Aber auch Momente der Nähe. Etwa wenn Shuggie mit seiner Freundin Annie und ihren Plastikponys spielt: „Die Plastikponys sahen zwar eher aus wie aufgeblasene Hündchen, aber für Shuggie waren sie ein Wunder. Annie ließ ihn den ganzen Nachmittag mit den Ponys spielen. Sie redeten mit hohen, künstlichen Stimmen und ließen sie über die Bettdecken galoppieren. Sie striegelten ihre Mähnen mit winzigen Bürsten, bis das Plastikhaar elektrisch strahlte.“

Streckenweise hat man das Gefühl, dass sich der Autor etwas zu sehr an der detailgetreuen, „authentischen“ Darstellung des Elends berauscht, wodurch eben diese Darstellung zum Selbstzweck zu werden scheint. Jaja, die Leute sind zu grob und zu laut und zu dicht, aber irgendwie auch drollig.

Gewalt des Elendsmilieus

Wenn Agnes mal wieder von Big Shug so richtig „vermöbelt“ oder vergewaltigt wird, dann erscheint auch das nur als weitere pittoreske Szene aus dem Alltag der Arbeiterschicht mit ihrem omnipräsenten Suff und der moralischen Deprivation. Stuart will die Gewalt dieses Elendsmilieus nicht affirmieren – die Erzählweise aber führt genau dazu.

Man ist nicht so erschüttert von den Szenen des Elends, wie man es eigentlich sein sollte. Der Text, der doch über Shuggies Verzweiflung, Trostlosigkeit, Traurigkeit erzählen müsste, unterhält wie ein tragikomischer Schelmenroman. Es stimmt, was die Leserstimmen auf dem Buch vermerken: dass man ziemlich oft lacht, obwohl einem absolut nicht zum Lachen zumute sein sollte.

Das hängt auch mit dem gewählten, personalen Erzähler zusammen, der mal aus Shuggies Perspektive, dann aus jener von Agnes, Big Shug oder Shuggies Geschwistern erzählt. Da aber alle Figuren „naiv“ und außerstande sind, sich und ihre Situation tatsächlich zu reflektieren, entsteht ein Effekt der Indifferenz, des moralischen Schulterzuckens.

Eine andere Welt scheint für diese Figuren gar nicht denkbar. „Die Frauen mit den Kartoffeln tauschten mitfühlende Blicke, sie wussten, dass blaue Flecken in der Ehe manchmal häufiger waren als Zärtlichkeiten, und das galt nicht nur für Frauen. Agnes ignorierte sie.“

Eine Klassenerzählung

„Shuggie Bain“ ist eine Klassenerzählung durch und durch. Aus Agnes’ Perspektive sind Filterzigaretten Luxus, und das schlechte Gebiss, das ihr die Armut bescherte, lässt sie sich beizeiten durch ein strahlend weißes NHS-Gebiss ersetzen (die NHS ist das stets unterfinanzierte, aber von Engländern umso mehr glorifizierte öffentliche Gesundheitssystem). Just dieses Gebiss ist es, das auch Shug für sie einnimmt.

Wenn der Klappentext erzählt, dass Shuggie mit unbedingter Liebe für seine Mutter sorgt, ist das eine recht naive Beschreibung, denn Stuart erzählt von einem emotional missbrauchten Kind, das die Rolle des Versorgenden für seine alkoholabhängige Mutter übernehmen muss. Das Buchcover erzählt von einer Innigkeit, die es nicht geben kann, weil Agnes innerlich bereits abgestorben ist. Auch hier schrammt der Roman am eigentlichen Drama vorbei, weil er seltsam kalt auf die endgültige Trennung von Mutter und Sohn reagiert.

So haben wir es mit einem Roman zu tun, dessen Stärke im Bereich eines übergenauen, realistischen Erzählens liegen, in überzeugenden Dialogen und der Echtheit von Szenen und Personal, der aber auch deswegen eher an realistische Dramen der Jahrhundertwende erinnert, die die depravierten Zustände überdeutlich schildern, um eine Moral von der Geschicht’ zutage treten zu lassen: Der Thatcherismus ist hier Chiffre für das vom Neoliberalismus zerstörte Land, für eine Klassengesellschaft, die eine ganze Klasse kollektiv absteigen lässt.

„Wenn du überleben willst, musst du dich mehr anstrengen, Shuggie“, rät ihm sein großer Bruder Leek. Er meint, dass Shuggie seine „feminine“ Seite verbergen soll. Aber natürlich ist es auch das Motto für Shuggies Welt.

Begeisterte englische Kritik

Der Roman wurde mit dem Booker Prize 2020 ausgezeichnet. Das hängt nicht nur mit seinen durchaus vorhandenen literarischen Qualitäten zusammen. Offensichtlich labt sich die britische Gesellschaft derzeit an Klassenerzählungen, an Storys von „ganz unten“. Neben „Shuggie Bain“ begeisterte auch Gabriel Krauzes „Beide Leben“, das von einem jungen Mann erzählt, der sich im Drogenmilieu eines Londoner Problembezirks bewegt, die englische Kritik.

Beide Bücher scheinen das authentische Leben der Unterschicht zu zeigen. Beide werden als sprachgewaltig gefeiert, weil es ihnen gelingt, den Sound der geschilderten soziokulturellen Gruppe exakt wiederzugeben.

In „Shuggie Bain“ ist das der Klang des Glasgower Dialekts. Nicht zufällig fühlt man sich sogleich an Irving Welshs „Trainspotting“ erinnert (das allerdings in Edinburgh spielt). Wie Welshs Text lebt auch „Shuggie Bain“ von der deutlichen Differenz zwischen geschriebenem britischem Englisch und dem schottischen Dialekt.

Eine knifflige Herausforderung für Übersetzerin Sophie Zeitz – denn wie soll man eine Wendung wie „wee lad“ (kleiner Junge) ins Deutsche übersetzen und zugleich den dia­lektalen Unterschied kenntlich machen? Zeitz löst das Problem, indem sie Shuggies Umfeld einen norddeutschen Dialekt überstülpt. „lad“ oder „wee“ werden so zu „lütt/lütte“.

Wieder Alltagskultur

Übrigens darf man nicht vergessen, dass im britischen Englisch – stärker als im Deutschen – das Dialektale und die Klassenzugehörigkeit zusammenfallen. Wer einen starken Lancashire- oder eben Glasgower Dia­lekt hat, spricht im Sinne des Klischees einen „Arbeiterklassedialekt“.

Das Glasgow der 80er und 90er ist auch ein Ort starker konfessioneller Spannungen, und in Shuggie Bain spielen sie eine wichtige Rolle, sind immer wieder Anlass für Gewalt und soziale Ausgrenzung. Auch diese Spannungen sind seit dem Brexit wieder Teil der britischen Alltagskultur.

„Shuggie Bain“ trifft, indem es den britischen Leser in die jüngste Vergangenheit mit ihren entscheidenden politischen Weichenstellungen vor Augen führt, einen Nerv. Dass Shuggie eine Art Happy End bekommt, grenzt beinahe an Kitsch. Aber der ist bekanntermaßen gut fürs Herz.

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