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Nachruf auf den Künstler Günter WestphalImmer auf Augenhöhe

Der Hamburger Günter Westphal schuf beharrlich-leidenschaftlich eine Kunst, die auf andere ausgerichtet war. Vor allem auf Menschen im Abseits.

Friederike Gräff

Aus Hamburg

Friederike Gräff

Als es anlässlich eines Interviews im vergangenen Jahr um sein Geburtsdatum ging, schrieb Günter Westphal: „Am 5.12.23 (10 Jahre Werkhaus) bin ich 81 Jahre geworden und befinde mich jetzt im 82. Lebensjahr“. Das war, so scheint es mir, die ihn ein wenig, aber nicht gut kannte, typisch für ihn: sich selbst und seine Arbeit so eng zu verknüpfen, oder anders gesagt, selbst ein Stück weit diese Arbeit zu sein. Der Hamburger Künstler Günter Westphal hatte eine große Ernsthaftigkeit und Dringlichkeit mit seiner Arbeit und er hatte ein ungewöhnliches Talent, dranzubleiben, ohne bitter oder selbstgerecht zu werden.

Die Möglichkeit dazu hätte durchaus bestanden. Westphal schuf und lebte eine Kunst, die auf andere Menschen ausgerichtet war, soziale Kunstwerke im engsten Sinn. Der gelernte Fotograf hatte im Hamburger Münzviertel, direkt hinter dem Hauptbahnhof, gemeinsam mit anderen etwas geschaffen, was er selbst als gallisches Dorf verstand. Ein Ort, wo partizipative Stadtgestaltung stattfand, wo Studierende, Obdachlose und linke Ak­ti­vis­t*in­nen gemeinsam überlegten, was sie sich wünschten. Westphal wollte, dass das auf Augenhöhe geschah und wenn das jemals jemandem gelungen ist, dann ihm.

Westphal war so wenig eitel, wie man es sein konnte und sozial so klug, wie es ein solches Projekt brauchte. Auf die Frage, wie er die Aktivitäten durchhält, sagte er im Gespräch mit der taz: „Wenn verschiedene Leute miteinander arbeiten, kann man von den anderen enttäuscht werden, weil sie etwas nicht oder nicht so wie gedacht machen. Aber ich habe für mich eben entschieden, das zu machen. Somit bin ich nur mir selbst gegenüber verantwortlich und kann von den anderen keine Verantwortung einfordern“.

Chancen, kein Zwang

Im Kontakt mit der taz sprach Westphal vor allem über seine soziale Kunst, über das Werkhaus etwa, die Tagesstätte für junge Obdachlose, wo sie in Werkstätten die Chance haben sollten, „von Kunst berührt zu werden“. Die Chance, nicht den Zwang. Westphal sprach lange darüber, wie wichtig die Idee der ungebundenen Zeit für das Haus sei – und die Mühe, diese Idee der geldgebenden Sozialbehörde zu vermitteln.

Westphal, das konnte man sich leicht vorstellen, war ausdauernd, um das Mindeste zu sagen, wenn er etwas erreichen wollte. Etwa die Umbenennung des Högerdamms nach den jüdischen Lehrerinnen Recha Lübke und Bella Spanier, die er, anders als er selbst geglaubt hat, noch miterlebte. Genauso ausdauernd in der Forderung nach Housing First, also Wohnraum für Obdachlose, der nicht an Bedingungen geknüpft wird.

Aber jenseits dessen gab es noch eine andere Arbeit für Westphal, als Fotograf, über die er anlässlich seiner Ausstellung „Taste den Mond“ in einem Überschwang schrieb, der hierfür reserviert schien: „Der Akt des Fotografierens selbst ist der Ort meiner Selbstverlorenheit. Hier gibt es weder ein Davor noch ein Danach. Was hier existiert, ist das bloße berauschende Jetzt“. Die eine Form der Kunst nähre die andere, schrieb Westphal, der damit zwei Räume vereinte, die wenige vereinen.

Der Autor Hajo Schiff schrieb über ihn: „Günter hat dem Alltag die Kunst und der Kunst das Soziale abgetrotzt. Bessere Formen des Sozialen hat Günter mit, vor allem aber als Kunst gefördert und verteidigt. Und im Beuys’schen Geiste: Ohne die Rose hat Günter es nicht getan. Ein großer Verlust.“ Günter Westphal ist im Mai 82-jährig nach langer Krankheit gestorben.

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