Nachruf auf Buckelwal Timmy: Mehr als ein Einzelfall
Der Wal ist tot. Aber die Menschen, die sich um ihn gesorgt haben, leben. Und haben die Chance, Wal- und Artenschutz nicht als Event zu zelebrieren.
L iebe Trauergemeinde, nun ist er also von uns geschwommen in den ewigen Ozean der Zeit. Timmy/Hope/der Wal ist tot. Er hinterlässt 80 Millionen Trauernde, Trauerkritiker sowie einen verzweifelten Medienbetrieb, der sich jetzt wieder Irankrieg, Energiekrise oder Brandmauer zuwenden muss.
Unser besonderes Mitgefühl gilt den engsten Angehörigen, also den „Bild“-Reportern vorort, die nun keine Spesenabrechnung mehr einreichen können, um ihrer Neigung zu Tagebuchkitsch zu frönen: „Es war still, fast idyllisch, und doch lag eine bedrückende, beinahe friedhofsartige Ruhe über der sogenannten Kirchsee in der Wismarbucht. Als die Dämmerung über die Insel Poel hereinbrach, war nur leises Vogelgezwitscher und in der Ferne das Muhen der Rinder zu hören.“
Jetzt hingegen: Möwengeschrei und das Schweigen der Rinder. Alle News-Blogs und Live-Streams (wiederum bild.de: „Du guckst es doch auch!“) werden abgeschaltet. Passend zum Eurovision Song Contest wartete man eigentlich nur noch auf die Rückkehr von Alexandra: Mein Freund, der Wal, ist tot / er sank im frühen Morgenrot.
Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.
Timmy, Hope, oder doch Elvis?
Am 8. März war der etwa 12 Meter lange und 12 Tonnen schwere Buckelwal bei Wismar aufgetaucht, wo ihm Reste eines Netzes am Maul entfernt wurden. Später strandete er mehrfach und wurde immer wieder befreit oder, je nach Sichtweise, verscheucht, bis er schließlich von einer Privatinitiative auf einem Spezialschiff in die Nordsee verbracht und unter noch ungeklärten Umständen ins Meer entlassen oder gekippt wurde. Offenbar hat das beratungsresistente Tier die Chance genutzt, gleich wieder Richtung Ostsee zu schwimmen, wo etwa 70 Kilometer entfernt sein Kadaver vor der dänischen Insel Anholt entdeckt wurde, die nun beste Chancen hat, zum Walfahrtsort zu werden.
Weil der Peilsender am Tier bei einer ersten Leichenschau nicht gefunden wurde, bezweifeln in den sozialen Medien nicht wenige prompt die offiziellen Verlautbarungen und wittern eine Verschwörung finsterer Eliten aus Staat und Wissenschaft. Andere klammern sich aus demselben Grund weiterhin an die Hoffnung, der Wal lebe noch. So wird er dann nach Timmy und Hope vielleicht bald Elvis heißen. Die Bilder von dutzenden zufriedenen Möwen, die sich am Wal-Blubber gütlich tun, und die Meldung, das Tier müsse wegen Explosionsgefahr gesperrt werden, sind die bitteren Abschlusspointen dieser absurden Tragikomödie.
Menschlichkeit zeigen
Dabei hat der Wal uns viel gelehrt. Über die Empathiefähigkeit des Menschen, sicherlich. Aber auch über grundsätzliche Ambivalenzen im Tierschutz, wo mit enormem Ressourceneinsatz einzelne Individuen betüdelt werden, während am Imbiss nebenan Currywurst verkauft wird. Oder wo beim Neubau eines Baumarkts lautstark beklagt wird, dass den verrückten Ökos Kröten wichtiger als Menschen seien, nur weil ein Gericht in Anwendung bestehender Naturschutzgesetze verhindert, dass ein Feuchtbiotop mit hunderten Amphibien einfach weggebaggert wird.
Aber auch die wabernde Wissenschaftsfeindlichkeit, die wir von Klimawandel bis Corona kennen, wurde deutlich und machte möglich, dass fachfremde Millionäre, Youtube-Selbstdarsteller mit Selfiestick und Wal-Flüsterer, die schon erfolgreich einen aus Filmen bekannten Orca um die Ecke gebracht hatten, wichtiger genommen wurden als die Expertise aller namhaften Fachleute.
Was auch immer dem Wal widerfahren ist und zu seinem vorzeitigen Ableben geführt hat, es hat mit hoher Wahrscheinlichkeit mit dem Menschen zu tun. Was wiederum auch alle anderen Wale betrifft, deren Lebensraum wir deshalb im Ganzen schützen und zu deren Rettung wir gegebenenfalls auch beherzt eingreifen sollten.
Im Golf von Kalifornien etwa schwimmen derzeit nur noch zehn letzte Überlebende des Kalifornischen Schweinswals oder Vaquitas. Sie werden nicht medienwirksam stranden, sondern sich in Fischernetzen verfangen und ertrinken. Die einzige Chance, sie zu retten, hätte darin bestanden, sie zu fangen und in menschliche Obhut zu bringen, bis vor Ort wirksame Schutzmaßnahmen getroffen worden wären. Letztlich wurde auch aus Furcht vor dem unvermeidlichen Lärm von Tierfreiheitsromantikern darauf verzichtet.
Wenn diese letzten Vaquitas bald gestorben sein werden, sind das nicht nur zehn traurige Einzelschicksale, jedes so rührend wie das des Ostsee-Buckelwals, sondern eine ganze Art wird für immer verschwunden sein.
Auferstehung ausgeschlossen
Für die anderen Verwandten von Timmy/Hope/dem Wal können wir dagegen durch die richtigen Entscheidungen noch etwas tun. Wenn sein Schicksal dazu beiträgt, uns an unsere Verantwortung zu erinnern, war das Spektakel zumindest nicht ganz sinnlos.
Dafür muss man vielleicht nicht so weit gehen wie Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus, der im ersten Akt des Dramas gesagt hatte: „Er hat seine Chance gehabt. Wir stehen vor Ostern. Da ist man in Gottes Hand. Und was mit Jesus passiert ist, wissen wir auch.“ Auf die Auferstehung des Wals sollten wir aber besser nicht setzen. Sondern darauf, zu verhindern, dass immer weitere seiner Verwandten ihm in ähnlich tragischer Weise nachfolgen.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert