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Gespräch mit Wal Timmy„Ich wurde von allen Seiten angebaggert“

Was will er, der Wal in der Ostsee? Will er Ruhe auf der Sandbank oder Freiheit? Exklusive Antworten eines Tieres, das unter die Menschen geriet.

Muss tief durchatmen: Buckelwal "Timmy" Foto: Jens Büttner/dpa

t az: Herr Wal, vor drei Wochen hatte ich ein Interview mit Ihnen angefragt, das wurde aber abgeblockt. Sie lägen im Sterben, hieß es von offizieller Seite und stünden für kein Gespräch mehr zur Verfügung. Was hat sich seitdem geändert?

Wal: Wissen Sie, ich stand damals vor einer schweren Entscheidung: Sandbank oder Freiheit. Ich wollte mich in meiner Entscheidungsfindung nicht beeinflussen lassen, was schwer genug fiel. Sie haben ja mitbekommen, was um mich rum los war.

taz: Sie hatten sich dann zunächst gegen die Sandbank entschieden.

Wal: Jein. Ich wurde ja damals von allen Seiten angebaggert, da wollte ich einfach mal ein bisschen Abstand gewinnen.

taz: Wie kam es denn nun aber zu der Einschätzung, dass Ihnen die Puste ausgehe?

Wal: Ich verstehe die Sorge der Bürger. Und mir kam das grade recht, mal meine Ruhe zu haben.

taz: Sie hatten nun über zwei Wochen Zeit nachzudenken. Wie kam es zu der Entscheidung, sich nochmal helfen zu lassen?

Wal: Entscheidung?

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taz: Fühlen Sie sich etwa in Ihrer Entscheidungsfreiheit eingeschränkt?

Wal: Das kann man so sagen.

taz: Sie zeigen aber auch wenig Dialogbereitschaft.

Wal: Wer mich kennt, weiß, dass ich für europäischen Zusammenhalt stehe.

taz: Sie sind zur Projektionsfläche für Rechte geworden. Ihr Siechtum wird mit dem Siechtum der deutschen Wirtschaft, ja der ganzen Nation verglichen. Was tun Sie dagegen?

Wal: Ach, ich sehe das nicht so eng. Sollen die doch einen vom Pferd erzählen. Aber wissen Sie, was mich wirklich fertig macht?

taz: Dass der Walflüsterer abgetaucht ist?

Wal: Nein, der ging mir zwar auch mächtig auf die Nüsse. Aber den konnte ich handeln. Nein, es ist etwas anderes, vor dem ich wirklich kapituliere.

taz: Sie machen es aber spannend. Was denn?

Wal: Können Sie sich das nicht denken?

taz: Nein, deswegen führen wir ja dieses Interview.

Wal: Na, TikTok. Diese Schlager, diese KI-generierten Musikvideos mit Texten zum Wegschwimmen.

taz: Ah, Sie meinen Valkyra-Solara alias rockabella.kitty?

Wal: Grrrrrruuuuselig. Weg, weg damit.

taz: Aber Sie müssen zugeben, der Song „Ein leiser Ruf“ hat Ohrwurmqualitäten.

Wal: Ja, quälender als quengelnde Wattwürmer.

taz: Fühlen Sie sich von den Zeilen „Doch keiner will handeln, nur kurz etwas sehen. Während wir diskutieren, analysieren, weiter funktionieren, liegt dort ein Lebewesen, das einfach nur zurück ins Leben will“ nicht abgeholt?

Wal: Das ist eine interessante Frage. Aber wichtiger wäre, dass sie mal mit den Leuten Interviews führen, die diese Scheiße generieren. Ich meine, diese „Person“ hat über 97k Follower auf TikTok und sie framed ihre Musik dort als „Songs mit Tiefe & Bedeutung“.

taz: Sie finden, die Lieder haben so wenig Tiefgang wie Sie?

Wal: Haha. Guter Punkt.

taz: Was halten Sie von dem Vorschlag, die Straße von Hormus für den Walverkehr zu öffnen?

Wal: Ich bin nicht der zuständige Minister für Spritpreise. Aber wir müssen da ins Handeln kommen.

taz: Wie geht es denn jetzt weiter?

Wal: Das ist eine hypothetische Frage, zu der ich mich jetzt nicht äußern werde. Es ist ein komplexes Thema, das man nicht mit Ja oder Nein beantworten kann. Nur so viel: Wir sind auf einem guten Weg.

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Doris Akrap
Redakteurin
Ressortleiterin | taz zwei + medien Seit 2008 Redakteurin, Autorin und Kolumnistin der taz. Publizistin, Jurorin, Moderatorin, Boardmitglied im Pen Berlin.
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