Nach Neonazibedrohung in Sachsen: Diakonie will keine Konzerte mehr
Seit über 30 Jahren organisiert das Café Taktlos Konzerte in Glauchau. Weil Neonazis es anfeinden, setzt die Diakonie den Verein dahinter vor die Tür.
Nachdem in der sächsischen Stadt Glauchau neonazistische Sticker aufgetaucht sind, beendet die Diakonie die Zusammenarbeit mit dem Verein Kulturknall. Unter dem Namen Café Taktlos organisierte der jährlich etwa ein Dutzend Konzerte in einem Haus der Diakonie, dem sogenannten H2. Wegen der aktuellen Sicherheitslage sei das nicht weiter möglich, begründet der Wohlfahrtsverband der evangelischen Kirche seine Entscheidung.
Die Sticker zeigen die bunte Fassade des H2 in einem Fadenkreuz. Daneben: das Wappen der sächsischen Stadt Glauchau – allerdings versehen mit einem Hakenkreuz und dem ebenso verbotenen SS-Totenkopf. Außerdem gibt es Bezüge zum NSU.
„Das H2 ist überregional als alternatives Zentrum der Stadt bekannt“, sagt Michael Berger vom Café Taktlos. Seit April 1998 habe es im Erdgeschoss Veranstaltungen gegeben. Das H2 gehörte schon da der Diakonie. Der Wohlfahrtsverband bietet im Haus unter anderem einen offenen Jugendtreff an. Unabhängig davon organisierte das Café Taktlos über Jahrzehnte Konzerte.
Das letzte fand Mitte Januar statt. Für ein zweites Konzert im Januar musste der Verein bereits neue Räume suchen. Die Diakonie habe das mit den laufenden Ermittlungen wegen der Sticker begründet. Der Verein habe geglaubt, das sei nur vorübergehend, sagt Berger. Mittlerweile habe der Diakonie-Vorstand aber deutlich gemacht: Im H2 wird es keine Konzerte mehr geben.
Der Vorstand der Diakonie Westsachsen bestätigt, dass er derzeit keine Konzertveranstaltungen zulässt. Es gehe um den Schutz der Kinder, Jugendlichen, Familien und Mitarbeitenden, die den Standort täglich nutzen. Das sei keine Bewertung der Arbeit des Vereins. Das Café Taktlos habe „über viele Jahre hinweg einen wichtigen Beitrag zum kulturellen Leben in Glauchau geleistet“. Es sei verständlich, dass die Engagierten enttäuscht seien. Die Diakonie sei aber offen für andere Formen der Zusammenarbeit.
Laut Michael Berger mutmaßt die Café-Crew, dass die Diakonie hoffe, das H2 werde ohne Konzerte kein Ziel mehr für Neonazis sein. „Das stimmt aber nicht.“ Seit fast 30 Jahren sei das Gebäude als Café Taktlos bekannt, das verändere sich nicht einfach so.
Auch ohne Unterstützung durch die Diakonie möchte der Verein weiterhin Konzerte organisieren. „Es gibt außer dem Café Taktlos keine soziokulturellen Angebote in Glauchau“, erklärt Berger. Aktuell seien die rund 20 Mitglieder auf der Suche nach einem neuen Gebäude, „das wir dann selbst mit Spenden finanzieren wollen“.
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 290 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert