piwik no script img

Aufarbeitung der NS-GeschichteDer Nazi steckt in dir und nicht in der Kartei

Der Zugang zur NSDAP-Mitgliederkartei wurde mittels Medientools erleichtert. Welche Gefühls- und Denkwelten die Erben übernommen haben, bleibt offen.

F rüher, wenn ich Deutsche meiner Generation über ihre Vorfahren sprechen hörte, war ich oft überrascht, wie emotionslos das geschah.

Die einen waren sich sicher, bei ihnen habe es keine Nazis gegeben. Gefragt hatten sie zwar nie, dafür aber einen aufbereiteten Stammbaum, der sich bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen ließ. Die Jahre zwischen 1933 und 1945 waren dabei mit bemerkenswerter Eleganz übersprungen worden. Oder aber man wusste ganz genau, dass Uropa in der NSDAP gewesen war. Man sprach darüber wie über Fremde oder über Figuren aus einem Geschichtsbuch. Es waren Fakten, keine Gefühle.

Später fiel mir auf, dass das kein Widerspruch zur deutschen Erinnerungskultur ist, sondern vielleicht ihr Kern. Über den Nationalsozialismus wird in Deutschland heute unendlich viel gesprochen. Über das, was davon geblieben ist, deutlich weniger.

Das könnte erklären, warum die Begeisterung für die Datenbank, die Spiegel und die Zeit aus den im US-Nationalarchiv überlieferten NSDAP-Mitgliederkarteien vor einigen Wochen aufbereitet haben, bei mir vor allem Ratlosigkeit auslöst.

Ich verstehe, woher die Faszination kommt. Jahrzehntelang erzählten sich deutsche Familien Geschichten, in denen die Nazis immer die anderen waren: die Nachbarn, die Funktionäre, irgendwer aus dem Ort. Nur nicht die eigenen Leute. Die Datenbank erschüttert manche dieser Erzählungen. Und doch werde ich das Gefühl nicht los, einer seltsamen Aufführung beizuwohnen.

Seit Wochen bombardieren mich Medien mit immer neuen Geschichten über die Kartei, als handele es sich um das erinnerungspolitische Ereignis des Jahres. Dabei bleiben die interessanten Fragen unbeantwortet: Was wurde in den Familien erzählt? Was verschwiegen? Welche Entlastungsgeschichten wurden weitergereicht? Welche Bilder von Juden, von Deutschland, von Schuld und Verantwortung? Wie wurde Scham weitergetragen? Wie und welche Moralvorstellungen? Eine Mitgliedsnummer sagt darüber nichts aus.

Die Psychologin Marina Chernivsky nennt solche Nachwirkungen „Gefühlserbschaften“: die emotionalen Hinterlassenschaften der NS-Zeit, Formen des Schweigens und der Schuldabwehr, Familienmythen und Selbstbilder, die über Generationen weitergegeben werden.

Bis heute gelten die 68er vielen als Generation, die mit den Eltern brach und den Nationalsozialismus zum Thema machte. Aber haben sie mit den „Gefühlserbschaften“ gebrochen? Wohl kaum. Die Kritik an den Eltern hat nicht automatisch bedeutet, sich von deren Denk- und Gefühlswelten gelöst zu haben.

Man kann die Eltern verurteilen und trotzdem ihre Muster weitertragen. Der Wunsch nach moralischer Eindeutigkeit, die Sehnsucht nach ideologischer Reinheit, die Einteilung der Welt in Täter und Opfer verschwanden nicht einfach. Sie traten nur in anderer Gestalt wieder hervor. Nicht zufällig entwickelte sich in Teilen der radikalen Linken ein Antizionismus, in dem Israel zunehmend zur Projektionsfläche des absoluten Bösen wurde – zu den neuen Nazis, gegen die man sich selbst auf der richtigen Seite der Geschichte wähnen konnte.

taz schneller googeln

Sie wollen beim Googeln taz-Texte besser finden? Dann können Sie mit einem Google-Konto die neue Funktion „bevorzugte Quellen“ nutzen. Um die taz hinzuzufügen, müssen Sie nur diesen Link anklicken und einen Haken setzen.

Sie wollen Google lieber meiden? Dann nutzen Sie doch DuckDuckGo oder Ecosia.

Wahrscheinlich liegt darin die Attraktivität der Kartei. Sie liefert einfache Gewissheiten. Ein Name, ein Datum, eine Nummer. Haken dran. Doch die schwierige Arbeit beginnt erst danach. Denn die entscheidende Frage heute lautet nicht, ob der Urgroßvater Parteimitglied war. Sondern was seine Überzeugungen, seine Ängste, Wut, sein Schweigen und seine Rechtfertigungen in der Familie hinterlassen haben.Die Herausforderung besteht nicht darin, den Nazi in der Familie zu finden. Sondern die Folgen seiner Weltsicht und seiner emotionalen Verfasstheit in sich selbst zu erkennen. Nicht im Stammbaum. Sondern in der eigenen inneren Welt.

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 360 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Erica Zingher

Erica Zingher Autorin und Kolumnistin

Beschäftigt sich mit Antisemitismus, jüdischem Leben, postsowjetischer Migration sowie Osteuropa und Israel. Kolumnistin der "Grauzone" bei tazzwei. Freie Podcasterin und Moderatorin. Axel-Springer-Preis für jungen Journalismus 2021, Kategorie Silber.
Mehr zum Thema

0 Kommentare