Motorradhersteller KTM unter Verdacht: Volle Power, falsche Papiere
Geländemotorräder des österreichischen Herstellers KTM sollen illegal umgebaut und falsch zugelassen worden sein. Das Kraftfahrt-Bundesamt ermittelt.
Ein Motorrad, das im Auslieferungszustand niemand fahren will: Hinter diesem Widerspruch steckt ein Geschäftsmodell, das den österreichischen Hersteller KTM nun in die Kritik bringt. Eine internationale Recherche, unter anderem von ZDF, Spiegel, Der Standard und Le Monde zeigt: KTM-Händler sollen in sieben europäischen Staaten Enduro-Geländemotorräder verkaufen, die zwar offiziell für die Straße zugelassen sind, im tatsächlichen Betrieb aber den Anforderungen nicht gerecht werden.
Um das zu dokumentieren, gingen die Reporter 15-mal verdeckt als Kaufinteressenten zu KTM-Händlern. Das Ergebnis sei überall das gleiche gewesen berichten sie: Kunden bekamen aufgerüstete Maschinen mit Zulassungsdokumenten, die über die tatsächlichen Eigenschaften hinwegtäuschen. Koordiniert wurde die Recherche von der Organisation „Climate Whistleblowers“.
Werkseitig kommen die Maschinen gedrosselt und straßenzugelassen beim Händler an. Was aber direkt mitgeliefert wird, ist der komplette Umbausatz, mit dem sich die Leistung von 15 auf 50 PS erhöhen lässt. Nicht selten kümmert sich direkt der Händler darum. Die deutlich stärkeren Maschinen entsprechen jedoch nicht den Vorschriften für den Straßenverkehr.
Messungen der Tschechischen Agraruniversität Prag machen den Unterschied zwischen Papier und Realität greifbar: Die KTM 300 EXC TPI etwa, die der Hersteller als „Zweitakt-Kraftpaket“ bewirbt, überschreitet im Betrieb ohne Drosselung die zulässigen Abgaswerte um mehr als das Zehnfache. Auch der Lärm liegt weit jenseits der erlaubten Grenzwerte.
Mögliche Straftatbestände
In Österreich waren 2025 rund 11.000 Enduros der KTM-Gruppe zugelassen. Für Deutschland fehlen vergleichbare Zahlen, das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) hat jedoch Ermittlungen aufgenommen.
Armin Kaltenegger vom österreichischen Kuratorium für Verkehrssicherheit zählte im Gespräch mit dem ORF auf, was Fahrern solcher Maschinen droht: Die Bremsen entsprächen nicht den Vorschriften, oft fehle zudem die passende Führerscheinklasse für die tatsächliche Motorleistung. Wer wissentlich mit falschen Zulassungsangaben unterwegs sei, begehe Versicherungsbetrug. Strafbar machen könnten sich auch Händler, die beim Umgehen der Vorschriften mithelfen.
Für KTM kommt die Enthüllung zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Erst Ende 2024 hatte das Unternehmen Insolvenz angemeldet und die Produktion in Mattighofen monatelang stilllegen müssen. Der indische Fahrzeughersteller Bajaj Auto sicherte das Überleben mit einer Finanzspritze und übernahm dabei die Kontrollmehrheit. Der neue Skandal trifft das Unternehmen mitten in seiner Erholungsphase.
Hersteller reagiert gelassen
KTM weist die Vorwürfe vollständig zurück. Alle Fahrzeuge verließen das Werk im vorschriftsgemäßen Zustand, so das Unternehmen. Umbauten erfolgten stets auf ausdrücklichen Kundenwunsch. Käufer würden dabei klar darauf hingewiesen, dass die Straßenzulassung damit erlischt. Den Emissionsvorwurf relativiert der Konzern mit dem Hinweis, dass Motorräder in Deutschland gerade einmal 0,3 Prozent der gesamten CO₂-Emissionen verursachten.
Doch auch politisch wird der Druck bereits größer. Die grüne EU-Abgeordnete Lena Schilling zieht einen historischen Vergleich: Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, wäre das ein neuer Abgasskandal. Die Österreicherin kritisiert zudem, dass KTM europäische Fördermittel in Millionenhöhe erhalten und möglicherweise europäische Umweltregeln umgangen habe. Schilling fordert eine lückenlose Aufklärung, auch darüber, warum bestehende Kontrollmechanismen womöglich nicht gegriffen haben.
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