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Moor- und KlimaschutzMindestens acht Milliarden Euro sind nötig

Der Umstieg auf nasse Landwirtschaft ist wichtig fürs Klima, kostet Land­wir­t*in­nen aber Erträge. Ein Thinktank beziffert nun Übergangsprämien.

Der lange Weg zur Moor-Renaturierung ist sumpfig und teuer Foto: C. Kaiser/imago

Aus Berlin

Evke Bakker

Acht Milliarden Euro werden in Deutschland benötigt, um Landwirt*innen, die ihre in Moorgebieten Flächen wiedervernässen wollen, während der Umstellungsphase für Verluste zu entschädigen. Zu dem Schluss kommt eine Analyse der Denkfabrik Agora Agrar. 

Die errechnete Summe orientiert sich an dem heutigen landwirtschaftlichen Einkommen in moorreichen Regionen. Da die Umstellung auf nasse Landwirtschaft zunächst mit Ertragseinbußen und Kosten – etwa für neue Maschinen – verknüpft ist, könnten entsprechende Prämien Land­wir­t*in­nen entschädigen, bis neue Wertschöpfungsketten und Einkommensmöglichkeiten entstanden sind.

Die Studie schlüsselt den Prämienbedarf nach Bundesländern und Landwirtschaftsart auf. Am höchsten sei der Bedarf auf Ackerflächen in Niedersachsen und Schleswig-Holstein, am niedrigsten in Brandenburg auf Flächen mit extensiver Mutterkuhhaltung.

Rund sieben Prozent der deutschen Agrarflächen liegen auf entwässerten Moorböden. Das Problem: Trockengelegte Moore setzen laut der Studie mit rund 48 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalenten jährlich 40 Prozent der Agrar-Treibhausgasemissionen frei. Auch lassen sich die entwässerten Böden auf Dauer nicht gut mit herkömmlichen Landwirtschaftsmethoden bewirtschaften. Eine Alternative bietet die sogenannte Paludi-Kultur (nach lat. Palus, Sumpf), die nasse Bewirtschaftung von Mooren.

Insgesamt könnten Kosten von 20 Milliarden Euro entstehen

„Wir nehmen in unseren Berechnungen an, dass etwa 80 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Moorflächen wiedervernässt werden“, so Harald Grethe, Co-Direktor von Agora Agrar. Daraus ergäbe sich das Prämienbudget von acht Milliarden Euro bis 2045.

Die Kosten, die insgesamt für die Umstellung auf Paludi-Kultur zusammenkommen, könnten sich sogar auf 20 Milliarden Euro belaufen. Dieses Budget umfasse nicht nur die Prämien, sondern wasserbauliche und Verwaltungskosten sowie Investitionen in neue Wertschöpfungsketten.

Wie passen diese Berechnungen mit den politischen Anstrengungen für Moorschutz zusammen? Mitte April stellte Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) ein neues Förderprogramm vor, mit dem es die Land­wir­t*in­nen bei der Wiedervernässung ehemaliger Moorflächen unterstützen will.

Land­wir­t*in­nen können mithilfe der sogenannten Palu-Richtlinie freiwillig ihr Land wiedervernässen und nach und nach ihre Wirtschaftsweisen anpassen. Ziel ist es, nachhaltige und wirtschaftlich profitable Wertschöpfungsketten und somit ein sicheres Einkommen zu schaffen.

Förderprogramm für freiwillige Maßnahmen

Für die sogenannte Palu-Richtlinie werden bis Ende 2029 1,75 Milliarden Euro aus dem Klima- und Transformationsfonds bereitgestellt. Dieses Budget sieht auch Entschädigungsprämien vor, genaue Summen sind jedoch noch nicht bekannt. Sowohl Ex­per­t*in­nen vom Greifswalder Moorzentrum als auch der Deutsche Bauernverband hatten das neue Förderprogramm begrüßt.

„Die Palu-Richtlinie leistet in den ersten vier Jahren einen erheblichen Beitrag“, erklärte Grethe. Würde sie bis 2045 in gleicher Höhe fortgeführt, ergäbe sich ein Budget von etwa neun Milliarden Euro und ein zusätzlicher Mittelbedarf von etwa elf Milliarden Euro. „Das zeigt: Wir werden auch weitere Finanzierungsquellen brauchen“, so Grethe. Dazu könnten etwa Landes- oder EU-Mittel, und Erlöse aus privaten Kohlenstoffmärkten eingesetzt werden.

Die feste Planung der Palu-Richtline für den Zeitraum nach 2029 gestaltet sich für den Bund schwierig. Laut Johann Rathke, Teamleiter für Politik beim NABU, würden öffentliche Förderungen grundsätzlich nur kurz- bis mittelfristig abgesichert. Verlässliche Finanzierungszusagen über Jahrzehnte gäbe es kaum – auch durch wechselnde politische Prioritäten. „Vor diesem Hintergrund ist die neue Palu-Richtlinie trotz begrenzter Mittel ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung“, so Rathke.

Der Deutsche Bauernverband (DBV) betont, es dürfe durch die Vernässung nicht zu einer Einschränkung der Nutzung oder des Wertes der betroffenen Fläche kommen: „Entscheidend ist, dass die Betriebe eine verlässliche langfristige ökonomische Perspektive deutlich über die Förderzeiträume der Palu-Richtlinie von acht Jahren hinaus erhalten“, so Steffen Pingen, stellvertretender Generalsekretär des DBV.

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