Ausstellung Bauhaus-Fotografinnen: Mit der Kamera versprach sie Zukunft und Wirklichkeit
Die Ausstellung „Neue Frau, Neues Sehen. Die Bauhausfotografinnen“ im Berliner Museum für Fotografie stellt 30 Fotografinnen vor. Manche von ihnen waren lang vergessen.
Grit Kallin-Fischer liegt auf dem Rücken in ihrem Selbstporträt von 1928, schräg ins Bild geschoben, die Arme verschränkt, in einer Hand eine Zigarette. Marianne Brandt nahm sich in der Spiegelung einer metallenen Kugel auf, sie selbst mit Fotoapparat an den Rand gedrängt und verzerrt. Auch die ikonisch gewordenen Bauhaus-Balkone von Dessau erkennt man in der Kugel. Florence Henri inszenierte ihr Selbst an einem Tisch aus hölzernen Brettern wie eine Büste. Mit aufgestützten Armen schaut sie in einen schmalen Spiegel, vor dem zwei Kugeln liegen.
Alle diese Selbstporträts haben für die Suche nach neuen Perspektiven eine schlüssige und elegante Form gefunden. Sie zeugen von der Lust am Experiment und am kühlen Look der Moderne.
Bauhaus-Studentinnen: Sie fotografierten oft, ob sie nun in der Fotowerkstatt waren oder in den Klassen für Malerei, Architektur, Design. Viele der Bilder, mit denen die um Öffentlichkeit bemühte Kunstschule für sich warb, stammen von Frauen, nicht immer aber wurden sie als Autorinnen benannt. Am bekanntesten ist die Geschichte von Lucia Moholy, deren Bilder der berühmten Fassaden und Balkone, von Designobjekten und Materialstudien, von Lehrenden und Student:innen das Bild des Bauhauses bis heute prägen.
„Neue Frau, Neues Sehen. Die Bauhausfotografinnen“. Museum für Fotografie Berlin, bis 4. Oktober
Das Zukunftsversprechende in der Ästhetik des Bauhauses, die Dynamik und Lichtdurchlässigkeit, all das fassten ihre Bilder pointiert, auf Postkarten und in Zeitschriften verbreitet – oft ohne ihren Namen. Walter Gropius nutzte ihre Negative für seine Publikationen im Exil in den USA. Noch immer, ohne sie zu nennen.
Über Jahrzehnte vergessen
So bekannt ihre Bilder waren, die Fotografinnen waren es nicht, teils sogar jahrzehntelang vergessen. Dazu hat die Vertreibung des Bauhauses durch den Nationalsozialismus und der Weg vieler Künstlerinnen ins Exil beigetragen. Das Bauhaus Archiv in Berlin stellt jetzt 30 Fotografinnen in der Ausstellung „Neue Frau, Neues Sehen“ vor, in den Räumen des Museums für Fotografie. Denn das Bauhaus Archiv selbst ist seit 2018 geschlossen, der Neubau noch eine Baustelle. Aber an der Sammlung, unter anderem 40.000 Fotografien, wurde gearbeitet. Jede Schublade wurde geöffnet, Biografien recherchiert, erzählt die Kuratorin Kristin Bartels.
Die junge Technik der Fotografie nutzten nicht nur am Bauhaus viele Frauen, um sich selbstständig zu machen. Bartels verortet die Bauhäuslerinnen in einem gesellschaftlichen Umfeld, das im bürgerlichen und proletarischen Milieu nach Emanzipation von alten Rollenmustern suchte. Deshalb gilt das erste Kapitel der Ausstellung der Selbstinszenierung als unabhängige Frau und Künstlerin in Porträts und Selbstporträts. Es folgen, ganz in der klassischen Tradition der Erzählung über das Bauhaus, Werkgruppen zum Fotografieunterricht, zu Kunst und Experiment, Design- und Materialstudien und der Architektur.
Spannend wird es vor allem dort, wo die gut ausgeleuchteten Pfade des Bauhauses verlassen werden. Etwa mit der Fotografin Irena Blühova, engagiert in der kommunistischen Partei der Slowakei. 1931 beginnt sie in der Fotoklasse von Walter Peterhans am Bauhaus zu studieren, arbeitet in der Zeit aber auch schon für die Arbeiter-Illustrierte-Zeitung (AIZ) an Sozialreportagen. Später muss sie als Kämpferin im antifaschistischen Widerstand untertauchen. Von ihr sind Naturstudien zu sehen, aber auch Szenen vom ländlichen Leben.
Das Leben der Toba, Armut in Chicago
Zu den Fotografinnen, die mit Reportagen ihr Geld verdienten, gehört auch Grete Stern. In den 1960er Jahre lebte sie in Argentinien und fotografierte das Leben der Toba, einer indigenen Gruppe. Die meisten Aufnahmen, die in dem Kapitel „Menschen und Länder“ zusammengefasst sind, sind nach der Bauhaus-Zeit in Deutschland entstanden und dokumentieren so auch die Wege der Fotografinnen ins Exil.
Aufgenommen sind auch drei Künstlerinnen, die am New Bauhaus in Chicago studierten: Dazu gehört Else Tholstrup, die in den 1950ern elegante Frauen auf Chicagos Straßen in Szene setzt oder mit einem schlafenden Mann auf einer Bank von Armut erzählte.
Lustig ist, dass Männer in dieser Bauhaus-Ausstellung einmal nicht in der Position der Leitenden und Lehrenden auftauchen, sondern Bilder ausgewählt wurden, die sie als Freunde und Liebhaber der Fotografinnen porträtieren. Zärtlich und intim ist die Bildsprache von Etel Mittag-Fodor, wenn sie einen Akt, ihren schlafenden Mann oder ein Liebespaar porträtiert.
Die Zeit am Bauhaus war für viele der Künstlerinnen oft nur kurz, dennoch prägend. Es tut der Ausstellung gut, dass sie sich in der Bildauswahl nicht auf die Bauhausjahre beschränkt. Gern würde man den Weg der einzelnen Protagonistinnen noch etwas länger verfolgen. In den Biografien kann man allerdings auch wiederholt lesen, dass einige später nicht selten zugunsten der Kunst ihrer Partner das Fotografieren aufgaben. So liefert die Ausstellung viele Elemente zu der großen Collage, warum Fotografinnen/Künstlerinnen, die in den 1920ern Jahren begannen und auch Erfolg hatten, später vergessen wurden.
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