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Ausstellung von Dörte EißfeldtFotografisches Papier und Modell werden eins

Das C/O Berlin entdeckt die konzeptuelle Fotografie von Dörte Eißfeldt. Das Physische der analogen Technik schließt sie mit Sinnlichkeit kurz.

Dörte Eißfeldt, „Hand Dessauer 02“, 1988 Foto: ©VG Bild-Kunst, Bonn, 2025

Dass die äußerst populäre Institution mit dem bescheidenen Namen C/O Berlin sich jemals mit dem Werk von Dörte Eißfeldt beschäftigen würde, durfte als unwahrscheinlich gelten. Mit dem neuen amerikanischen Kurator Boaz Levin aber ist es möglich. Denn Eißfeldt bewegt sich schon immer in einer Hinterstube der Fotografie, an deren Tür geschrieben steht: Bildzweifel und Alchemie. Bildhistorisch besteht diese Stube aus zwei Instanzen, der Camera obscura und der Dunkelkammer.

Die Ausstellung

Dörte Eißfeldt: „Archipelago“, C/O Berlin, bis 10. Juni

Es geht um Urformen der Fotografie, um die Bedingungen ihrer Existenz und die heikle Frage, ob man diese besser im technischen Apparat verberge oder über die Arbeit am Bild ausstelle. Für das Ausstellen, subjektiv und analytisch zugleich, hat sich Eißfeldt, Jahrgang 1950, schon früh entschieden. Die Rückschau beginnt im Jahr 1978.

Im Gefüge ihrer Alterskohorte bewegt sie sich im semantischen Feld von Kurzfilm, konkreter Poesie und improvisierter Musik. Eine locker über die Wand gestreute Installation kleiner Bilder in hellen Holzrahmen zeigt Aus- und Aufsichten auf eine Stadt (wohl Berlin), die von einer Hand oder einem Finger teils verdeckt werden, aber als Schattenriss: „Hand Dessauer“ von 1988. Es bleibt gänzlich in der Schwebe, ob die Hand das Auge leitet oder schützt. Gegenüber, ganz streng als Fries in Eisenrahmen – absichtlich zu hoch gehängt – sind sieben matt-dunkle Bilder montiert, „Portrait I – 5a“ (und ähnlich), die nur mit intensivem Spähen als Nahporträts jüngerer Leute auszumachen sind. Dies sind zwei Arbeiten aus dem ersten von drei Räumen als kleine Warnung, was dann kommt.

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Ihr Gegenpol in der deutschen Post-Nachkriegsfotografie war Floris Neusüss, der mit seiner bildmächtigen „kameralosen“ Fotografie den Stein der Weisen gefunden zu haben glaubte und auf seiner Professur in Kassel versuchte, ganze Jahrgangsjahrzehnte zu Fotogrammkünstlern zu formen. Dörte Eißfeldt dagegen, etwas zeitversetzt Professorin in Braunschweig, war auf leisen Schwingen unterwegs.

Unweigerlich verstrickt in Methodenfragen

Ihre Fotografie fliegt soeben unter dem Radar der Anschauung. Wer sie dennoch anschaut, ist unweigerlich verstrickt in Methodenfragen. Diese aber lässt sie nicht offen, sondern zurrt sie fest zu eigenwilligen Antworten. Die in jeder Sekunde neu gewonnene Bildlichkeit der Brandung zum Beispiel, haben schon viele Künstler bestaunt. Ihre Bilder sind nüchterne Panoramen in Schwarz-Weiß, vom Strand her mit geneigter Kamera. Der Bildstreifen wurde dann um 180 Grad geschraubt und an den Rändern montiert, sodass ein Möbiusband entstand, in dem die Bildseite und die Nichtbildseite „unendlich“ miteinander verbunden sind. Noch nie wurde das Meer so dargestellt.

Dörte Eißfeldt, „Schneeball 01“, 1988 Foto: ©VG Bild-Kunst, Bonn, 2025

Man muss allerdings gut aufpassen, dass man „Möbiusband – Schleife“ (2003) nicht verpasst. Es findet sich im zweiten Raum in einer von acht schwarzen Vitrinen. Diese sind als Terrassenlandschaften in zwei Gruppen zusammengerückt. Etwas derartig Elegantes hat man in dieser Gattung des Displays wohl selten gesehen. Sie illustrieren den Archipel, der den Ausstellungstitel hergibt.

Hier beginnt man zu verstehen, dass an der Basis von Eißfeldts Grübeleien die Arbeit einer Diaristin liegt, es gibt ein „Grünes Heft“ und ein „Fetzenheft“. Der Titel „Nach Arles – Nach Arles (fotografieren)“ (1981) verweist listig auf die Spannung ihrer Arbeit zwischen Pleinair und Atelier. Ausgestellt in wenig bekannten Kunstvereinen Norddeutschlands ließ sie über viele Jahre schmale Publikationen herstellen zur Begleitung.

Einen wunderbaren Leporello im Schuber über einen „schneeball“, der wild funkelnd ins Kohleschwarz mutiert (Dunkelkammer), hat European Photography 1988 publiziert. Schockierend, dass diese Arbeit mit einem weißen Kunststoffobjekt entstanden sein soll, das in einer Vitrine ausliegt. Aber nein, es ist der „Schneeball (von Florian Lösche)“ (2024), offensichtlich eine Künstlerinnenhommage.

Kein eingeübter Diskurs

Im früheren Amerikahaus findet gleichzeitig eine umfassende Retrospektive von Graciela Iturbide statt, einer 83-jährigen Fotografin aus Mexiko, die laute Zeichen zelebriert, Kakteen und Nacktheit, Religion und Tod. Wie einige Ausstellungen zuvor, wurde auch diese vom MAPFRE in Madrid übernommen, sodass der Katalog gleich mitkommt. Bei Eißfeldt aber fehlt er. Es ist nämlich gar nicht leicht, die Werkgruppen zu begreifen, deren Erkenntnisinteresse und Triebkraft, die Verschachtelung und Serialität – auch deren Verhältnis zueinander.

Eine große vierteilige Arbeit über den „Rücken“ (nicht datiert) eines jungen Mannes im dritten Raum deutet vehement darauf hin, dass die konzeptuelle Fotografin Sinnlichkeit nicht etwa verweigert, sondern im Gegenteil mit dem physischen Drängen der analogen Fotografie kurzschließt. Die großen Prints sind einfach an die Wand gepinnt. Das fotografische Papier wird auf unheimliche Weise eins mit der Haut des Modells. Durch den Flattervorhang tönt dann schon wieder ein Video aus einer weiteren Ausstellung im C/O, in der Lingua franca des Kunstbetriebs. Eißfeldts Werk, seherisch und still, hat wenig gemein mit den eingeübten Diskursen der Gegenwart. Es spricht für sich.

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