Militarisierung im Hamburger Hafen: Rheinmetall sticht in See
Seit März gehört die Traditionswerft Blohm+Voss in Hamburg zu Rheinmetall. Nun feierte der Konzern die erste Schiffstaufe und will expandieren.
„Liebe Gäste, ich darf Sie bitten, sich zu ihren Plätzen zu bewegen. Wir werden in Kürze mit der Taufzeremonie beginnen“, schallt es von der provisorischen Bühne am Rand des Hafenbeckens. Nach und nach gehen die Gäste in Richtung der Zuschauertribüne. Blumengestecke aus weißen Rosen schmücken das Gelände. Auf einer Staffelei steht das Bild eines Kriegsschiffs auf dem offenen Meer, darunter der Schriftzug „Taufe der Lübeck“. Das Taufkind selbst liegt hinter der Bühne ruhig im Wasser, knapp 90 Meter lang, 1.840 Tonnen schwer. Ein grauer Koloss aus Stahl.
Ende April wurde im Hamburger Hafen mit der Korvette „Lübeck“ das zehnte und vorerst letzte Kriegsschiff der sogenannten Braunschweig-Klasse getauft. Laut Bundeswehr eignen sich die wendigen Schiffe besonders für den Einsatz in küstennahen Gewässern wie der Nord- und Ostsee. Mit ihrer Hauptwaffe, dem Lenkflugkörper RBS15, können sie von dort aus Ziele bis zu 200 Kilometer im Landesinneren treffen. Fünf der Schiffe sind bereits im Dienst der Marine. Eingesetzt wurden sie bislang vor allem im Mittelmeer, zum Beispiel zur Seeraumüberwachung vor der Küste Libanons.
2017 bestellte die Bundeswehr fünf weitere Korvetten beim Marineschiffbauer Naval Vessels Lürssens (NVL), zu dem auch die Hamburger Werft Blohm+Voss gehört. Kostenpunkt: 2 Milliarden Euro. Im Einsatz ist bislang keines der Schiffe. Zwischen Taufe und finaler Übergabe liegen rund zwei Jahre, in denen die Schiffe überprüft und von der Marine abgenommen werden.
Konsolidierung der deutschen Rüstungsindustrie
Einen wichtigen Moment in der Konsolidierung der deutschen Rüstungsindustrie markiert das Schiff allerdings schon jetzt. Denn es ist das erste, das unter der Führung von Rheinmetall fertiggestellt wurde. Im März hatte der Rüstungsriese aus Düsseldorf das Bremer Unternehmen NVL nach eingehender Prüfung der EU-Kommission aufgekauft. Die Übernahme kostete den Konzern mindestens 1,5 Milliarden Euro, je nach Geschäftsbilanz des Schiffbauers könnten weitere Zahlungen hinzukommen.
Die Bremer Werftengruppe Lürssen hatte das Marinegeschäft bereits 2021 von ihrem zweiten Standbein, der Megajachten-Sparte abgetrennt und dafür die Gesellschaft NVL gegründet. Der Standort Blohm+Voss sei nicht mehr wettbewerbsfähig, hieß es damals. Nach dem NVL-Verkauf konzentriert sich Lürssen nun ausschließlich auf das Jacht-Geschäft.
Rheinmetall hingegen erschließt sich durch den Kauf ein neues Geschäftsfeld und besitzt nun erstmals eigene Werften in Norddeutschland. Im niedersächsischen Unterlüß betreibt das Unternehmen bereits eine Munitionsfabrik, die perspektivisch die größte Europas werden soll. Die neu gegründete Sparte „Division Naval Systems“ übernimmt neben Blohm+Voss auch die Hamburger Norderwerft, die Peene-Werft in Wolgast und die Neue Jadewerft in Wilhelmshaven.
Die Standorte sind Teil einer größeren Konzernstrategie. Rheinmetall möchte zum „Domänen-übergreifenden Systemhaus“ werden, also zum Rundumversorger in Sachen Waffen und Kriegsgerät. Im Marinebereich war man bislang lediglich Zulieferer, nun wird Rheinmetall selbst ganze Schiffe bauen.
Tim Wagner, CEO der neuen Marine-Sparte Rheinmetalls
Als die NVL-Übernahmepläne im vergangenen Jahr publik wurden, sagte der Konzernchef Armin Papperger, Rheinmetall wolle „zu Lande, zu Wasser, in der Luft und im Weltraum ein relevanter Akteur sein“.
Bei der Taufe der „Lübeck“ im Hamburger Hafen tritt Tim Wagner, CEO der neuen Marine-Sparte Rheinmetalls ans Mikrofon. „Die Taufe ist im Schiffbau immer ein außergewöhnlicher, ein emotionaler Augenblick,“ sagt Wagner, um dann rasch zu rationalen Gesichtspunkten überzuleiten. Der Schutz des Handels und kritischer Infrastruktur, sowie die sichtbare Präsenz in Militärbündnisse, all das entscheide sich maßgeblich auf See. Wie viele der nachfolgenden Redner:innen, spricht Wagner den Irankrieg nicht explizit an. Doch spätestens seit Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) eine deutsche Beteiligung an der Sicherung der Straße von Hormus nach Kriegsende in Aussicht gestellt hat, beschäftigt der Krieg im Nahen Osten auch die deutsche Marine.
Historische volle Auftragsbücher
Bei Rheinmetall sorgt die angespannte geopolitische Lage für historisch volle Auftragsbücher. Im vergangenen Jahr erwirtschaftete das Unternehmen 9,94 Milliarden Euro Umsatz, mehr als doppelt so viel wie noch vor fünf Jahren. Bis 2030 plant Rheinmetall mit einer weiteren Verfünffachung dieses Jahresumsatzes.
An Aufträgen mangelt es nicht. Bestellungen und Anfragen im Wert von 63,8 Milliarden Euro warten in der Düsseldorfer Konzernzentrale auf ihre Umsetzung. Dabei profitiert Rheinmetall vom historisch hohen Wehretat und dem Sondervermögen für die Bundeswehr. 42 Milliarden, fast die Hälfte des Sondervermögens, geht laut ZDF-Recherchen in die Taschen von Rheinmetall.
Der Erste, der die feierliche Stimmung bei der Taufe im Hamburger Hafen trübt, ist Vizeadmiral Axel Deertz. Als stellvertretender Inspekteur und Befehlshaber der Flotte, ist er einer der ranghöchsten Marinesoldaten. In der Regel trage für ihn „jeder Anlass, der Aussicht auf eine baldige Vergrößerung der Flotte bietet, zur Besserung der Stimmung bei“, sagt er mit ausdrucksloser Stimme.
Der Bau der Korvetten sei allerdings von Verzögerungen geprägt gewesen und „Schiffe in der Bauwerft schrecken nicht ab“. Deertz sei bereit, die Sorgenfalten auf seiner Stirn als Kollateralschäden hinzunehmen. Bei seinen Soldat:innen sehe die Sache anders aus. Zur Untermalung seiner Kritik spielt die Militärkapelle des Musikwunsch der Marine: Hells Bells von AC/DC.
Mängel, Unfälle und Sabotage verzögerten Produktion
Grund zum Ärger gab es während dem Bau der Korvetten genug. Ursprünglich sollten die Schiffe der Marine bereits 2025 zur Verfügung stehen, doch technische Mängel und Unfälle warfen die Produktion immer wieder zurück. Hinzu kamen bei Blohm+Voss Sabotageversuche an zwei Schwesterschiffen der „Lübeck“, deren Hintergründe bis heute nicht vollständig geklärt sind. Stand jetzt sind zwar alle fünf Schiffe getauft, aber keines an die Marine ausgeliefert.
Ob Rheinmetall, das selbst keine Erfahrung im hochkomplexen Schiffbau mitbringt, die Prozesse beschleunigen kann, bleibt abzuwarten. Das Rüstungsgeschäft im Hamburger Hafen soll jedenfalls expandieren. 500 neue Mitarbeiter will die Marine-Sparte einstellen, die meisten am Standort Blohm+Voss. Dort hat Rheinmetall neben der Ausrüstung der Korvetten mit der Fertigung von kleineren Drohnenbooten begonnen. Auch die problemgeplagten F126-Fregatten, deutlich größere Schiffe als die Korvetten, sollen teilweise bei Blohm+Voss produziert werden.
Derzeit bemüht sich Rheinmetall, unterstützt von der CDU, um weitere Flächen im Hafen. Zur Diskussion steht dabei vor allem das Areal Kuhwerder, gleich neben Blohm+Voss, das von der Hochbahn als Lager genutzt wird.
Soldat:innen rufen im Chor „Hurra, Hurra, Hurra“
Zum Ende der Zeremonie wird die Taufpatin der neuen Korvette, Huong Nguyen, ihres Zeichens Partnerin des Lübecker Stadtpräsidenten, ans Rednerpult gebeten. „Für Freiheit und Sicherheit auf allen Meeren, getragen von Mut, Kameradschaft und dem Geist der Hanse, ich taufe dich heute auf den Namen Lübeck“, verkündet sie und greift nach einer bereitliegenden Schere. Als sie die straff gespannte Schnur zerteilt, rauscht eine Sektflasche aus ihrer Halterung und zerschellt am Bug der Lübeck. Jubel brandet auf, die Soldat:innen rufen im Chor „Hurra, Hurra, Hurra“. Zum Auszug spielt das Marinemusikkorps die Nationalhymne.
Mit der ersten Taufe seines Unternehmens zeigt sich Rheinmetall-Chef Papperger zufrieden. „Von den Emotionen her ist so eine Taufe nicht vergleichbar mit der Übergabe eines Panzers oder anderen Sachen“, sagt er. Die Marine sei hier wirklich sehr fortschrittlich.
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