Messungen des Deutschen Wetterdienstes: Deutschland erhitzt sich immer schneller
2024 war in Deutschland das heißeste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen. Wetterdienst und besorgte Eltern fordern mehr Klimaschutz von der Regierung.

Die 10,9 Grad Jahresmitteltemperatur in Deutschland stellen einen neuen Allzeitrekord auf. Vor 2014 sei das Jahresmittel nie über 10 Grad gestiegen, sagt Tobias Fuchs, Leiter des Geschäftsbereiches Klima und Umwelt des DWD. „Extreme Jahre vor 1990 sind heute normale Jahre.“ Das treffe gefährdete Gruppen wie Hochbetagte zum Beispiel bei Hitzewellen in Städten besonders hart.
„Wir messen und erleben eine beschleunigte Erwärmung“, sagt Fuchs. Deutschland habe sich seit der Industrialisierung um 2,5 Grad erhitzt, in Europa gebe es ein „erschreckendes Plus“ von 2,9 Grad. Der Kontinent erhitzt sich aufgrund des weiter wachsenden CO2-Ausstoßes der Menschheit am schnellsten.
Der erste Sommertag mit Temperaturen über 25 Grad wurde 2024 schon am 5. April gemessen, nur einen Tag später ein sogenannter „heißer Tag“ über 30 Grad, zehn Tage vor dem bislang frühesten heißen Tag im Jahr 2017. Im vergangenen Jahr hat der DWD „fast doppelt so viele Sommertage und fast dreimal so viele heiße Tage wie üblich“ gemessen, berichtet Becker. Frosttage seien dagegen so selten wie nie gewesen. Das alles sei „in Zeiten des Klimawandels zu erwarten“.
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Dunkelflauten werden nicht häufiger
Becker zufolge war das Wetter 2024 „unruhig, aber nicht katastrophal“, bei Extremwetterereignissen sei man „gut weggekommen“. Das Grundwasser habe sich in den vergangenen Jahren gut auffüllen können, gerate aber schon wieder unter Druck, weil Februar und März ungewöhnlich trocken waren.
Der DWD erfasst auch, welche Wetterereignisse für die Energieerzeugung wichtig sind. Die sei vom Klimawandel beeinflusst, sagt Fuchs, weil aufgrund der Erderhitzung weniger und wärmeres Kühlwasser für Anlagen wie Atom- und Kohlekraftwerke zur Verfügung stehe.
Das Energiesystem werde außerdem wetterabhängiger, weil Wind- und Solarkraftwerke nötig sind, um CO2-intensive Kohle- und Gaskraftwerke abschalten zu können. Wind- und Solarkraftwerke „ergänzen sich gut“, sagt Renate Hagedorn, Leiterin des DWD-Geschäftsbereichs Wettervorhersage. Im Winter seien die Windgeschwindigkeiten höher, während im Sommer die Sonneneinstrahlung am stärksten sei.
Es gebe aber auch im sonnenarmen Winter manchmal windschwache Phasen, zum Beispiel im November und Dezember 2024, die sogenannte Dunkelflaute. Hagedorn sagt, das stehe in Zusammenhang mit einem Wetterphänomen namens „Hoch Mitteleuropa“, das aber aufgrund des Klimawandels bisher nicht häufiger geworden sei. „Es gibt deshalb auch keine Hinweise, dass die Stromerzeugung aus Photovoltaik und Windkraft durch mehr Dunkelflauten riskanter geworden ist“, sagt Hagedorn.
Eltern fordern mehr Klimaschutz von SPD
Fuchs weist darauf hin, dass weltweit das Jahr 2024 zwar erstmals 1,5 Grad heißer als vor der Industrialisierung war. Die 1,5-Grad-Grenze des Pariser Klimaabkommens sei damit aber nicht überschritten, weil dafür langfristige Durchschnittswerte betrachtet werden. Die Frage sei aber nicht mehr, ob, sondern wann das Pariser Klimaziel überschritten wird.
Deshalb appelliert Fuchs: „Wir müssen schnell handeln. Jedes durch ambitionierten Klimaschutz vermiedene Zehntelgrad Erderwärmung hilft.“ Das verkürze den besonders schadensträchtigen Zeitraum jenseits der 1,5-Grad-Schwelle um Jahre und Jahrzehnte. Klimaschutz sei deshalb ein Beitrag zur Reduzierung der Kosten der Klimaanpassung und Generationenschutz.
Ehrgeiz beim Klimaschutz forderten am Montag auch Eltern der Gruppe Parents for Future. Sie schrieben an den SPD-Parteivorsitzenden Lars Klingbeil mit der „dringenden Bitte, sich weiterhin und mehr noch als bisher für Klimaschutz in den Koalitionsverhandlungen einzusetzen und klare Kante gegen die Bestrebungen der CDU/CSU in Richtung Verzicht auf Klimaschutz zu zeigen“.
Sie forderten unter anderem einen Kohleausstieg bis 2035, den Erhalt eines kostengünstigen Deutschlandtickets sowie den Einsatz von CO2-Speicherungstechnologien nur bei „tatsächlich unvermeidbaren Emissionen“, ausdrücklich nicht für Gaskraftwerke. In durchgesickerten Entwürfen für den Koalitionsvertrag zwischen CDU und SPD standen all diese Punkte zur Debatte.
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