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Mehrheiten mit radikal Rechten sichernWo CDU und AfD gemeinsam gegen Verhütung stimmen

CDU und AfD kürzen das Budget von Pro Familia Norderstedt. Die Beratungsstelle kann nun kaum noch rezeptpflichtige Verhütungsmittel erstatten.

Gibt es nur kostenpflichtig auf Rezept: Antibabypille Foto: Jens Kalaene/dpa

E s bleibt eine ambivalente Angelegenheit: Sex ist zwar allgegenwärtig in unserer Gesellschaft, Pornos sind leicht verfügbar. Sexualität im Allgemeinen und Verhütung im Besonderen bleibt aber meist Privatsache – und erst recht das Beantragen von Zuschüssen für Verhütungsmittel. Die Beratungsstelle Pro Familia in Norderstedt muss aber jetzt genau hier Beratung und Unterstützung einschränken. Denn CDU und AfD haben im zuständigen Kreisparlament Segeberg gemeinsam für die Kürzung des Budgets von Pro Familia gestimmt. Die Folge: Die Kosten für verschreibungspflichtige Verhütungsmittel können nicht mehr alle erstattet werden, wie eine Pro-Familia-Mitarbeitern der taz bestätigte.

Möglich wurde die Mehrheit für diesen CDU-Antrag, weil die CDU seit der Kommunalwahl 2023 im Kreistag 25 Mandate hat und die AfD 7. SPD, Grüne, FDP, Freie Wähler und ein fraktionsloser Abgeordneter hatten dagegen nicht genug Mandate, um die Bugdetkürzung um 40.000 Euro zu verhindern.

Großer Einschnitt für Beratungsstelle

Diese Entscheidung bedeutet einen großen Einschnitt in der Geschichte von Pro Familia Norderstedt: Seit mehr als 70 Jahren bietet der Verein laut Homepage eine „professionelle, vertrauliche Beratung“ an, um Menschen zu ermöglichen, „selbstbestimmt ihre Sexualität leben und frei über eine Elternschaft entscheiden“ zu können.

Und der Bedarf ist groß: Im Kreis Bad Segeberg konnte Pro Familia dank der Förderung seit 2018 etlichen Emp­fän­ge­r*in­nen von Transferleistungen sowie Geringverdienenden die Kosten für Verhütungsmittel erstatten. Eine Modellfinanzierung, die „ausdrücklich als Übergang“ gedacht war, bis eine „bundesweite Lösung“ gefunden wäre, heißt es im jetzt beschlossenen Antrag.

Die Leistung habe sich damit „von einer zeitlich begrenzten Unterstützung zu einer dauerhaften freiwilligen Ausgabe entwickelt“. Der Haushaltsituation sei aber geschuldet, „freiwillige Leistungen kritisch zu überprüfen und auf ihre Priorität hin zu bewerten“.

Mit dem Antrag hat die CDU-Fraktion um den Vorsitzenden Till Wenzel und seine Stellvertreterin Constanze Rode allerdings nicht nur Fakten geschaffen, sondern auch wichtige Zeichen gesetzt: nicht nur, dass der Antrag gemeinsam mit der AfD beschlossen wurde. Auch wird durch die Kürzungen des Budgets für Verhütungsmittel das Selbstbestimmungsrecht etlicher Frauen eingeschränkt. Der AfD-Fraktion um den Vorsitzenden Julian Flak und seinen Stellvertreter Sven Wendorf dürfte die Zustimmung zu dem CDU-Antrag auch deswegen leichtgefallen sein.

Pflegen antifeministischer Ressentiments

Denn die AfD pflegt antifeministische Ressentiments. So fordert sie weibliches Selbstbestimmungsrecht allein bei Musliminnen ein, die sie in patriarchalen Zwängen gefangen wähnt. Dem Geburtenrückgang unter Deutschen dagegen begegnet sie auf Wahlplakaten mit Parolen wie „Neue Deutsche? Machen wir selber“.

Ungewollte Schwangerschaften treffen laut Pro Familia fast immer Frauen, die die Verhütung großteils allein zahlen. Zu den Antragstellenden gehören auch junge Menschen in Ausbildung oder Studium

Das sehen viele Frauen offenbar anders: Seit 2020 beantragen laut Pro Famiia allein im Kreis Bad Segeberg immer mehr Menschen einen Antrag auf Unterstützung. Das Budget für Antibabypille, Vasektomie, Sterilisation, Drei-Monats-Spritze oder Spirale etwa für 2025 sei fast aufgebraucht, heißt es. Dabei träfen ungewollte Schwangerschaften fast immer Frauen, die die Verhütung großteils allein finanzierten. Zu den Antragstellenden gehörten auch junge Menschen in Ausbildung oder Studium. Wenn im zweiten Quartal 2026 die Finanzierung durch den Kreis endet, können laut Pro Familia rund 80 Betroffene nicht mehr unterstützt werden.

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Andreas Speit
Autor
Rechtsextremismusexperte, Jahrgang 1966. In der taz-Nord schreibt er seit 2005 die Kolumne „Der Rechte Rand“. Regelmäßig hält er Vorträge bei NGOs und staatlichen Trägern. Für die Veröffentlichungen wurde er 2007 Lokaljournalist des Jahres und erhielt den Preis des Medium Magazin, 2008 Mitpreisträger des "Grimme Online Award 2008" für das Zeit-Online-Portal "Störungsmelder" und 2012 Journalisten-Sonderpreis "TON ANGEBEN. Rechtsextremismus im Spiegel der Medien" des Deutschen Journalistenverbandes und des Ministeriums für Justiz und Gleichstellung des Landes Sachsen-Anhalt. Letzte Bücher: herausgegeben: Das Netzwerk der Identitären - Ideologie und Aktionen der Neuen Rechten (2018), Die Entkultivierung des Bürgertum (2019), mit Andrea Röpke: Völkische Landnahme -Alte Sippen, junge Siedler, rechte Ökos (2019) mit Jena-Philipp Baeck herausgegeben: Rechte EgoShooter - Von der virtuellen Hetzte zum Livestream-Attentat (2020), Verqueres Denken - Gefährliche Weltbilder in alternativen Milieus (2021).
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13 Kommentare

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  • Hier geht es um eine freiwillige Leistung auf unterster- also permanent unterfinanzierter - kommunaler Ebene. Wenn die da nicht kürzen, dann woanders; z.B. beim Freibad, dem Schulsozialarbeiter, der Altenhilfe, dem Jugendheim o.Ä. Das Geschrei wird das Gleiche sein. Inhaltlich bin ich der Ansicht, daß weibliche Transferempfänger ab einem gewissen Alter Verhütungsmittel kostenfrei erhalten sollten; dies ist jedoch eine Bundesangelegenheit. Und jeder sollte Anträge in allen Parlamenten, Räten etc. einbringen, wenn er von der Sache überzeugt ist, egal, wer zustimmen könnte oder auch nicht. Wenn es doch angeblich immer nur um das beste fürs Volk geht, scheint mir das nicht der falscheste Weg; zumal da nicht nur die AfD inhaltlich gestellt werden würde.

  • Angeblich steht die Brandmauer ---



    Die CDU bewegt sich unter F. Merz direkt in vielen Bereichen zu rechtsextremistischen Positionen hin. Hier ist es wenigstens aufgefallen und nachvollziehbar, aber das muss ja nicht immer so sein.



    Für mich ist das nur folgerichtig, als es gegen Migration und Migranten ging, hat sich die CDU kaum dagegen zur Wehr gesetzt, irgendwann sind in Hamburg ein paar CDA-naher Menschen aus der CDU ausgetreten, resigniert. Jetzt geht es gegen Frauen, vermutlichz bald gegen andere Gruppen.



    Das Schlimmste ist, dass die CDU bei Wahlen momentan gar nicht verliert, zwar steigt die AfD noch schneller nach Oben, aber was kümmert das die CDU.

    • @Andreas_2020:

      Tja, das nennt man Demokratie



      Aktuell gibt es mit CDU/CSU zusammen mit der AFD über 50% Rechts Konservative Mehrheit



      Zur Ehrlichkeit gehört auch, Links/Grün hat keinerlei Mehrheit derzeit

      • @AuchNeMeinung:

        Es geht ja nicht um die Mehrheit, es geht darum, dass Deutschland kein rechtsextremes Land / Diktatur werden sollte. Ich habe Kohl nie gemocht, aber die BRD war damals keine Diktatur und rechtsextreme Parteien spielten kaum eine Rolle. Heute redet Merz das alles regelrecht herbei. Da liegt mein Problem: Was soll dieser Scheiß, den Merz da immer wieder macht? Warum die AfD hochreden?

  • Die CDU geht beständig den Weg von MAGA. Die die am lautesten nach Freiheit rufen sind auch die die sie am schnellsten beschneiden, wenn es gerade nicht ins eigene neofaschistische Weltbild passt.

  • Der Autor darf es gerne skandalös finden, dass die CDU sich für Budgetkürzungen bei ProFamilia einsetzt. Aber er, und auch alle anderen, mögen bitte aufhören es zu einem der CDU anzulastenden Skandal machen zu wollen, wenn die AfD einem Antrag der CDU zustimmt. Die CDU kann und darf ihre Position nicht davon abhängig machen, ob die AfD ihr zustimmen könnte oder nicht. Das gilt im Übrigen nicht nur für die CDU sondern für alle Parteien. Persönlich fand ich es äußerst dumm, dass die Grünen, Linke und Teile der SPD im Europaparlament gegen das Freihandelsabkommen mit den Mercosurstaaten gestimmt haben. Aus meiner Sicht gab sehr viel Gründe dafür Stimmen in Zeiten von protektionistischen Tendenzen weltweit. Nichtsdestotrotz hat es mich geärgert, wenn seitens der CDU versucht wurde die Tatsache zu skandalieren, dass Grüne, Linke & Co. in diesem Fall mit der AfD bzw. den Rechten gestimmt haben. Man hätte sich da nicht auf das gleiche Niveau begeben dürfen, auch wenn es vor dem Hintergrund der dauernden Anwürfe eben jener Parteien nachvollziehbar ist, dass man sich in Sachen unsachlicher Vorwürfe revanchieren wollte.

    • @Fran Zose:

      Auch wenn Sie es nicht skandalisieren wollen, wenn die CDSU (oder andere Parteien) Mehrheiten mit Hilfe der AfD herstellen: Dieser Fall zeigt sehr eindeutig, dass die CDSU immer mehr Ziele der AfD teilt. *Da* ist ein Skandal.

      • @Klabauta:

        Nein, das ist falsch. Ein Skandal wäre es gemeinsam eine Initiative zu erarbeiten und einzubringen. Sie können wie beschrieben die Initiative einer beliebigen Partei skandalös finden und Argumente gegen dieses Vorhaben an sich einbringen. Die Tatsache, dass eine dritte Partei, und selbst wenn es die AfD ist, diesem Vorhaben zustimmen könnte ist aber kein Argument, da es nicht in der Sache begründet ist, sondern einzig und allein auf einem Faktor der ausserhalb des Einflusses der Partei, welche die Initiative gestartet hat. Wie stehen Sie denn zum dem Beispiel des Mercosurabkommens? Waren Sie da auch der Meinung, dass Grüne und Linke mit der AfD gemeinsame Sache machen und dass diese Parteien immer mehr die Ziele der AfD teilen? So wie Sie argumentieren geben Sie der AfD eine Gestaltungsmacht diese niemald erreichen darf. Sie müssen die CDU nicht mögen oder gar wählen, aber es ist unlauter immer Skandal zu schreien, nur weil sie ein Anliegen hat, dass von der AfD auch geteilt wird und dem diese zustimmen könnte. Das hat wenig mit Demokratie zu tun, dafür aber viel mit billigem moralischen Rigorismus.

        • @Fran Zose:

          Vielleicht habe ich mich nicht deutlich genug ausgedrückt. Deshalb nochmal:



          Die CDSU des Kreisparlaments kürzt Gelder für Pro Familia und befindet sich damit inhaltlich auf einer Linie mit der AfD. Anders ausgedrückt: Die Unterschiede zwischen CDSU und AfD werden stetig kleiner, und zwar nicht, weil die AfD sich bewegen würde, sondern weil die CDSU immer weiter nach rechts rückt.

    • @Fran Zose:

      "Aber er, und auch alle anderen, mögen bitte aufhören es zu einem der CDU anzulastenden Skandal machen zu wollen, wenn die AfD einem Antrag der CDU zustimmt."



      ... das kann ich unterstützen.

      ... aber — wenn man/Frau bei der CDU auch nur ein bisschen über die Konsequenzen der Abstimmung klar gewesen wäre, hätte man die Unterstützungskürzung ja in einem "AfD nicht zustimmungsfähigen" Maße ausfallen lassen können.



      Aber diese Weitsicht und Konsensbereitschaft ist bei gewissen Politikern immer schwerer zu finden.

      So gesehen ist das immer schlechter werdende Politikerpersonal eigentlich nur ein Abbild der Gesellschaft.

      • @Fritz Müller:

        Wenn alle anderen Parteien ihre Anträge vor allem an der AfD ausrichten, dann bestimmt die AfD, in welcher Richtung auch immer, die deutsche Politik. Das wollen Sie? Ich wähle Politiker, denen ich zutraue, rein sachlich über Sachfragen nachzudenken. (Meine regelmäßige Enttäuschung nach der Wahl steht auf einem anderen Blatt.)

  • Zum Ausgleich wird dann die CDU irgendwann an einem AfD-Antrag zur Wiedereinführung des Mutterkreuzes mit Haken dran zustimmen. Bei der Geschwindigkeit, mit der sich beide Parteien gerade im Gleichschritt rückwärts bewegen, wird das wohl nicht mehr allzu lange dauern.



    Abgesehen davon gehören Verhütungsmittel grundsätzlich kostenfrei zur Verfügung gestellt.

    • @Flix:

      Tja, die Konservativen/Rechten glauben immer noch, dass mit drakonischen Abtreibungsgesetzen etc. sich Geburtenraten steigern lassen. Wie u.a. Polen und diverse US-Bundesstaaten zeigen ist das Gegenteil der Fall.

      Aber am Ende geht es darum Frauen zu unterdrücken...