Medienkonsum am rechten Rand: Dieselben News, anders gedreht
Woher bekommen Rechte, Aluhüte und sonstige Spinnende so ihre Nachrichten? Na, aus den klassischen Medien, genau wie alle anderen auch.
Foto: Stefan Zeitz/imago
A llgemeingültigkeit ist immer der Fehlschluss von sich auf andere. Da wäre zum Beispiel die These, dass alle Rechten/Aluhüte/sonstigen Spinnenden in ihrer Filterblase gefangen seien: bestens umsorgt von den eigenen, „alternativen“ Medien. Und deshalb: Kannste nix machen, kommste eh nich ran. Eine Untersuchung des hessischen Landesamts für Verfassungsschutz (LfV) legt jetzt aber nahe, dass sogenannte alternative Medien für Rechtsextremisten eine geringere Bedeutung haben als bislang angenommen.
Die Untersuchung kommt zu dem Schluss, dass Rechtsextreme die als „Lügenpresse“ diffamierten Medien wahrnähmen und sogar brauchten. Ach guck! Die Szene lese dasselbe politische Tagesgeschehen, bediene sich aber Mechanismen, um es in ihrem Sinn darzustellen. Man hat dafür Facebook- und Twitter-Profile bundesweit wichtiger rechtsextremistischer Gruppen und Einzelakteure ausgewertet. Nur knapp ein Viertel der untersuchten Posts und Tweets stammten aus „alternativen“ Medien. In mehr als drei Vierteln aller Fälle liefern also klassische Medien das „Argumentationsmaterial“.
Die geposteten Artikel seien für sich genommen überhaupt nicht rechtsextremistisch, würden aber „in einer Art und Weise präsentiert, die sich nahtlos in ein rechtsextremistisches Weltbild einfügt“, sagt Ann-Christin Wegener. Wegener leitet beim LfV Hessen die – Achtung, einatmen – „Phänomenbereichsübergreifende wissenschaftliche Analysestelle Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit“, kurz PAAF.
Fast wäre es bequemer, bei der Idee von der Filterblase zu bleiben. Passt aber leider nicht, weshalb auch die klassischen Medien nicht aus ihrer Verantwortung entlassen werden können. Natürlich können sich Medien nicht davor schützen, dass man ihre Inhalte aus dem Zusammenhang reißt, verdreht und dann phänomenbereichsübergreifendend missbraucht. Sie sollten sich diese Möglichkeit aber stärker vor Augen führen.
Bitte auf dem Teppich bleiben
Die wesentliche Frage ist, welchem Affen man mit welcher Berichterstattung, Kommentierung und/oder emotionaler Zuspitzung da eigentlich Zucker gibt. Denn letztlich geht es allen Rechten/Aluhüten/sonstigen Spinnenden immer nur um eins: maximale Aufmerksamkeit.
Heißt: Wir brauchen nicht gleich den nationalen Notstand ausrufen, nebst Ansprache des Bundespräsidenten, wenn Kleingruppen versuchen, in einer sitzungsfreien Woche in den Reichstag zu latschen. Symbole hin oder Werte her, wir sollten auf dem Teppich bleiben. Wer sich dadurch um seine wohlig-schauernde Dystopie gebracht sieht, kann ja Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“ lesen. Von dem stammt übrigens auch der erste Satz.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
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