Marxsche Ausbeutungstheorie: Riskante Geschäfte
Gewinne von Unternehmern sollen wegen ihrer Risiken gerechtfertigt sein? Da werden doch zu viele Fakten unterschlagen, meint unsere Autorin.
Foto: Dwi Anoraganingrum/Panama Pictures/Imago
S ehr geehrter Herr Meier,
haben Sie Dank für Ihren Leserbrief zu meinem Buch*. Ihre Einwände gegen meine Argumentation sind geradezu repräsentativ. Es lohnt sich also, mit Verlaub, meine Antwort öffentlich zu machen.
Sie drücken Ihr Unbehagen damit aus, wie ich die Entstehung von Unternehmergewinn erkläre. Sehr kurz: Menschen, die ihre Arbeitskraft an Unternehmenseigentümer verkaufen, schaffen durch ihre Arbeit etwas Neues – etwas von neuem Wert. Dafür erhalten sie einen Lohn. Dieser Lohn aber repräsentiert nur einen Teil des neu geschaffenen Werts. Den anderen Teil eignet sich das Unternehmen an, und zwar unbezahlt. Diese unbezahlte Arbeit ist die Quelle des Gewinns.
So weit, so gut, sagen Sie. Immerhin. Im Gegensatz zu vielen anderen, die auch das bestreiten würden. Eine verbreitete Lesart ist nämlich, dass das investierte Kapital Gewinne abwirft, wie der Birnenbaum die Birne, quasi aus sich heraus. Abrakadabra. Aber Sie, Herr Meier, gehen mit mir mit: Gewinn kommt von der unbezahlten Arbeit der Beschäftigten. Allerdings – und hier beginnt Ihr Unwohlsein – finden Sie das gar nicht schlimm. Sondern legitim: Der unternehmerische Einsatz von Kapital berge schließlich das Risiko, jederzeit pleite zu gehen und dieses Risiko müsse kompensiert werden. Gewinn als Belohnung für ein Wagnis. Außerdem – führen Sie weiter aus – stünde es doch jedem frei, dieses Wagnis einzugehen, als Unternehmer am Marktgeschehen teilzunehmen. Dazu müsse man nur einen Kredit aufnehmen. Wo also, fragen Sie sich, ist das Problem?
Wer hat überhaupt Schäfchen fürs Trockene?
Eigentümer von Produktionsmitteln können ab einem bestimmten Vermögen ihre Schäfchen selbst bei einem Konkurs noch ins Trockene bringen, während die Beschäftigten in der Regel wenig Schäfchen im Trockenen haben. Sie sitzen auf der Straße, erhalten vielleicht Arbeitslosengeld, und je nach Alter oder Qualifikation erreichen sie vielleicht nie wieder das Einkommen, das sie mal hatten. Das Risiko einer Pleite tragen auch sie.
Und würde wirklich jeder mit einer tollen Geschäftsidee einen Kredit bekommen? Und wenn ja: Könnten alle ein Unternehmen gründen und dann Gewinne machen? Soziale Ungleichheit wird hier auf eine individuell unterschiedliche Risikobereitschaft zurückgeführt. Man übersieht: Aufstiegshürden von Menschen mit Migrationsgeschichte. Fehlender Bildungshintergrund. Soziale Herkunft. Die gläserne Decke. Netzwerke, Vitamin B und die feinen Unterschiede, die es den einen leicht machen, sich unter Reichen zu bewegen wie der Fisch im Wasser, während die anderen wie erstarrt vor drei Reihen Besteck sitzen.
Ohnehin: Chancengleichheit im Wettbewerb führt nicht dazu, dass es allen gut geht, sondern lediglich dazu, dass die Chancen, in der Konkurrenz zu verlieren oder zu gewinnen, etwas gleichmäßiger verteilt werden.
Dass die Lohnarbeiter*innen mehr Wert schaffen, als sie erhalten, bedeutet, dass sie über das hinaus arbeiten, was sie für ihr eigenes Leben bekommen. Das ist aber in jeder arbeitsteiligen Gesellschaft der Fall. Warum? Weil in jeder Gesellschaft Menschen leben, die nicht arbeiten können, die aber mitversorgt werden müssen: Kinder, Kranke, Alte. Das heißt, Menschen, die arbeitsfähig sind, arbeiten mehr, als sie selbst individuell benötigen.
Foto: Kirsten Breustedt
Sabine Nuss hat die zwölfte Klasse abgebrochen, Bürokauffrau gelernt, das Abitur nachgeholt, bei Springer als Journalistin volontiert, Politikwissenschaft studiert und über Privateigentum promoviert. Bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung war sie Leiterin der Politischen Kommunikation und Geschäftsführerin des Karl Dietz Verlags. Heute lebt sie als freie Autorin, Publizistin und Podcast-Host in Berlin. In ihrer Kolumne führt sie uns regelmäßig durch die Nebelregion des Kapitalismus. Sie lüftet den Schleier der Verhältnisse, in denen es scheint, als seien wir alle frei und gleich.
Vermögen schützt
Diese Mehrarbeit war historisch höchst unterschiedlich organisiert. Im Kapitalismus landet ein großer Teil der Mehrarbeit in Form von Gewinnen in den Händen jener wenigen, denen die Produktionsmittel gehören. Wenn alle Unternehmer wären, gäbe es keine Lohnabhängigen mehr. Wer würde dann die Gewinne erarbeiten? „Wär ich nicht arm, wärst Du nicht reich“ brachte Brecht die strukturelle Ungleichheit auf den Punkt.
Woraus die gesellschaftliche Mehrarbeit besteht und unter welchen Bedingungen sie entsteht – das sind Fragen, die jeder demokratischen Entscheidung entzogen sind. Arbeit im Kapitalismus ist stattdessen einer bestimmten Logik untergeordnet: der Konkurrenz zwischen Unternehmen. Diese bewirkt nicht nur, dass Unternehmen pleitegehen, sie treibt zu einem end- und maßlosen Wachstum mit zerstörerischen Folgen für Mensch und Natur. Jene, die Vermögen haben, können sich davor schützen. Wer also, sehr geehrter Herr Meier, trägt das Risiko einer solchen Produktionsweise? Und: Ist sie wirklich eine Belohnung wert?
Mit Grüßen,
Sabine Nuss
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert