Männliche Prostitution und Corona: „Wer im Elend sitzt, schafft trotzdem an“

Wegen Corona ist und bleibt Sexarbeit in Berlin verboten. Ralf Rötten von „Hilfe für Jungs“ hält die Debatte um Verbote für verlogen.

Im Tiergarten treffen sich Freier und Prostituierte Foto: Maurozio Gambarini

taz: Herr Rötten, Ihr Verein berät in Berlin Jungen* und Männer*, die anschaffen gehen. Seit März gibt es zur Pandemieeindämmung ein Sexarbeitsverbot. Haben Sie überhaupt noch etwas zu tun?

Ralf Rötten: Bei unseren Angeboten gab es überhaupt keinen Lockdown, im Gegenteil. Aufgrund der existenziellen Not der vielen jungen Menschen, die auf der Straße leben und normalerweise der Prostitution nachgehen, haben wir unsere Angebote mit längeren Öffnungszeiten und zusätzlichen Essenspaketen mehr als verdoppelt.

Ralf Rötten ist Sozialpädagoge und arbeitet seit 2004 beim Verein Hilfe für Jungs, seit 2010 als dessen Geschäftsführer.

Weil diesen Menschen die einzige Geldquelle weggebrochen ist?

Von heute auf morgen waren die Plätze der Anbahnung nicht mehr da. In der männlichen Prostitution läuft das ja im Wesentlichen über Bars und Internet. Die Bars waren geschlossen. Es hat auch fast keine Nachfrage mehr nach Sex gegen Geld gegeben. Von daher sind viele der jungen Männer*, die zu uns kommen und in der Regel keinerlei Rücklagen haben, von heute auf morgen im Nichts gelandet.

Wir sollten noch einmal über die Sexarbeiter* sprechen, die Sie beraten.

Wir haben unterschiedliche Angebote: Zum einen beraten wir mit unserem Projekt Subway Jungen* und Männer* bis 27, die obdachlos sind und anschaffen gehen. Das sind bei uns hier in Berlin zum sehr großen Teil südosteuropäische junge Männer. Einige kommen auch aus Syrien, Afghanistan und Iran. In unserem Projekt Smart beraten wir aber auch professionelle Sexarbeiter*.

Halten sich obdachlose Sexarbeiter* an das Arbeitsverbot?

Ich kann da nur mutmaßen. Aber aufgrund der existenziellen Not dieser jungen Leute, die auch keinen Anspruch auf Sozialleistungen oder irgendwelche Soforthilfen haben, ist davon auszugehen, dass sie wieder anschaffen gehen.

Sprechen Sie mit Ihren Klienten* nicht darüber?

Wir informieren grundsätzlich zu den Themen, die von Bedeutung sind. Aber wir nötigen niemanden dazu, dass er sich selbst outet zu dem, was er tut. Das ist das Grundprinzip unserer Arbeit – egal ob bei der HIV- und STI [Sexually Transmitted Infections, Anm. d. Red.]-Prävention oder der Frage, ob jemand jetzt trotz Verbot der Prostitution nachgeht. Für uns ist wichtig, dass die Person die rechtlichen und gesundheitlichen Rahmenbedingungen kennt und dann eine informierte Entscheidung trifft.

Also sind Sie auch Anlaufstelle in Sachen Corona?

Das war im April und Mai der Hauptteil unserer Streetworkangebote. Niemand von uns hat diese Lebenssituation bisher durchgemacht, von daher herrscht ja schon in der Allgemeinbevölkerung ein großes Informationsbedürfnis. Wenn ich dann noch in einem Land bin, dessen Sprache ich nicht spreche, dann verstehe ich ja erst recht nicht, was hier gerade passiert.

Was bedeutete der Wegfall dieser Geldquelle für diese Menschen?

Das hat zum Beispiel bedeutet, dass sich einzelne junge Männer auf sehr fragwürdige Angebote von angeblichen Freiern einlassen mussten, um irgendwo unterzukommen. Anderen wurden Angebote gemacht, in städtische Übernachtungseinrichtungen zu gehen, die aber sehr häufig nicht mit der Vielfalt und Lebenswirklichkeit von Transpersonen und Sexarbeitern umgehen konnten. Weil auch die Tafeln ihre Ausgabestellen nicht öffnen durften und viele Obdachlosenangebote eingestellt wurden, haben wir zum Beispiel auch fürs Wochenende Lebensmittelpakte verteilt, um die Tage zu überbrücken, an denen wir geschlossen haben.

Hat sich die Situation seit März verändert?

Eindeutig. Die Anbahnungsgaststätten sind wieder geöffnet. Im sozialen Leben der Stadt nimmt man doch immer weniger Einschränkungen wahr, auch der etwas promiskere Teil des schwulen Lebens findet zur Normalität zurück. Da wird es immer schwieriger zu vermitteln, dass Sexdienstleistungen weiterhin verboten sind.

Laut Gesundheitsverwaltung soll das Verbot mindestens bis Ende Oktober bestehen (siehe Infokasten). Ihre Meinung dazu?

Es sollte eine Gleichbehandlung der körpernahen Dienstleistungen geben. Wenn man sich anschaut, dass Vaginalsekret, Sperma und Urin keine Relevanz für die Übertragung des Coronavirus haben, Speichel und Tränenflüssigkeit aber schon – Wieso dürfen dann Tattoostudios wieder geöffnet sein, Bordelle aber nicht?!

Weil zum Beispiel eine Maskenpflicht noch schwerer durchsetzbar wäre?

Selbst im Bereich der Straßenprostitution ist eine Mund-Nasen-Maske sowie die Beschränkung auf Praktiken ohne Mund-Nasen-Kontakt absolut vorstellbar.

Verbot wegen Pandemie Berlin hat wie andere Bundesländer auch im Rahmen der Infektionsschutzverordnung ein Verbot „sexueller Dienstleistungen mit Körperkontakt“ erlassen. Es gebe keine Pläne, dies zu ändern, heißt es aus der Gesundheitsverwaltung. Das Verbot bleibe auf jeden Fall bis zum Ablauf der Verordnung Ende Oktober bestehen. Berliner Sexarbeiter*innen protestierten am vergangenen Wochenende gegen das Verbot. Dessen ungeachtet nimmt die Straßenprostitution inzwischen wieder zu.

Generelles Verbot Auch über ein Verbot über die Pandemie hinaus wird aktuell debattiert. Im Mai schrieben 16 Bundestagsabgeordnete aus SPD und CDU im Mai einen Brief an die Ministerpräsidenten der Länder. Darin wird auf menschenunwürdige Zustände in der Prostitution verwiesen und auf das Schwedische Modell, nach dem zwar Prostituierte straffrei bleiben, nicht aber die Kunden. Auch in der Linkspartei befeuert das temporäre Verbot die Debatte um ein generelles Prostitutionsverbot. (mah)

Und wenn der Freier auf bestimmten Praktiken besteht? Das gibt doch das Machtverhältnis in der Straßenprostitution nicht her, dass der Sexarbeiter* sich dem widersetzt, oder?

Ich denke schon, dass der aktuelle gesellschaftlich-moralische Druck dazu führt, dass auch Kunden von Sexarbeit verantwortungsvoller damit umgehen. Wir müssen ja bedenken, dass derzeit über ein generelles Verbot von Sex gegen Geld diskutiert wird.

Sie meinen die Einführung des Schwedischen Modells, nach dem zwar die Arbeit der Prostituierten straffrei bleibt, nicht aber ihre Inanspruchnahme durch die Freier.

Genau. Wenn die Freier das nicht wollen, sollten sie sich besser an Spielregeln halten.

Es gibt die Kritik von Prostituiertenselbstvertretungen, dass auch beim jetzigen Beharren auf das coronabedingte Verbot der Sexarbeit die moralische Bewertung dieser Arbeit mitschwingt.

Das sehen wir ganz genauso. Wir sind ganz klar der Meinung, dass es nicht die paternalistische Aufgabe des Gesetzgebers ist, Menschen vor der eigenen Berufswahl zu schützen. Arbeit im Atomkraftwerk, im Straßenbau, im Braunkohletagebau oder im Schlachthof: Wir haben in unserer Gesellschaft viele Berufsbilder, die gesundheitsschädigend sind und die wir trotzdem zulassen. Da macht es sich der Gesetzgeber auch nicht zur Aufgabe, zu sagen, das darfst du nicht, sondern er macht maximal Schutzvorschriften. Das bei der Sexarbeit anders handhaben zu wollen ist paternalistisch, bevormundend und wider sämtliche Prinzipien, die wir uns in den letzten fünfzig Jahren in dieser Gesellschaft erkämpft haben.

Gilt das nicht alles nur für den recht kleinen Teil der Sexarbeiter*innen, die selbstbestimmt arbeiten können?

In der männlichen Sexarbeit ist dieser Teil gar nicht so klein. Man muss sich da die grundlegenden Unterschiede zwischen weiblicher und männlicher Sexarbeit anschauen. Der Grad der Ausbeutung, die Herkunftsländer, Lebens- und Arbeitssituationen sind wirklich andere. Das eine ist nicht schlimmer oder besser als das andere. Es ist aber verschieden.

Inwiefern?

Männliche Prostitution ist fast immer selbstständig organisiert und findet in der Regel in der Wohnung des Sexarbeiters oder Freiers statt, während weibliche Prostitution oft über Eskort-Services, Bordelle und so weiter abgewickelt wird. Und ohne jetzt mit Klischees zu spielen: Nicht wenige der männlichen Sexdienstleister laufen fünfmal die Woche ins Fitnessstudio, die werden wesentlich seltener zu Opfern sexueller Ausbeutung als sehr junge Frauen. Da werden Männer viel häufiger auf deutschen Baustellen und in deutschen Schlachthöfen ausgebeutet.

Aber auch viele der jungen, zum Teil süchtigen Männer prostituieren sich doch aus reiner Not und nicht, weil das ihre selbstbestimmte Berufswahl ist. In der weiblichen Prostitution mag Ausbeutung häufiger sein. Aber das ist doch generell der Grund dafür, warum Prostitution als schwieriges Berufsfeld gesehen wird.

Sehen Sie, und das ist doch von Vornherein eine verlogene Argumentationskette. Wir müssen endlich dafür sorgen, dass alle Bürger*innen der Europäischen Union eine Mindestabsicherung bekommen, sodass sie – egal in welchem Land der EU sie leben – nicht gezwungen sind, sich auf ausbeuterische Verhältnisse einzulassen, ob in Schlachthöfen oder in der Sexarbeit. Aber grundsätzlich selbstständigen, emanzipierten, erwachsenen Menschen zu verbieten, der Sexarbeit nachzugehen, um andere angeblich damit zu schützen, das funktioniert ja auch gar nicht.

Weil …

Ja, das merken wir doch gerade jetzt in der Coronazeit. Diejenigen, die im tiefsten Elend sitzen, können es sich am wenigsten leisten, aus der Sexarbeit auszusteigen. Die gehen trotzdem anschaffen – egal, ob sie mit Verboten und Strafen belegt werden.

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