Prostitution in Zeiten von Corona: Sexworker:innen in Wartestellung

Eine Wellness-Massage geht, eine erotische nicht: Sexuelle Dienstleister fühlen sich benachteiligt. Lockerungen gibt es überall, nur bei ihnen nicht.

Sexarbeiter:innen halten Protestschilder hoch

Die Forderungen des „Sexy Aufstand Reeperbahn“ verhallen ungehört Foto: Markus Scholz/dpa

HANNOVER taz | Enttäuschend finde sie den Umgang der Politik mit Sexworker:innen, sagt Dorothee Türnau von „Phoenix“, der Fachberatungsstelle für Sexarbeitende in Hannover. Es hatte ja so ein paar Hoffnungen gegeben – in Hamburg und Bremen hatten sich noch im Juli Lockerungen angedeutet, eine Abkehr vom kompletten Verbot jeglicher sexueller Dienstleistungen im Zeichen von Corona.

In Hamburg waren Sexarbeiter:innen von der Herbertstraße bis zur Davidwache marschiert – und hatten mit ihren goldenen Masken vor den Gesichtern für schöne, medienwirksame Bilder gesorgt. In Bremen drohte die „Joy Company“ mit einer Klage gegen die Bestimmungen des Senats, wenn sie nicht wenigstens erotische Massagen in ihrem Bordell am Rande der Neustadt anbieten dürfe.

In beiden Städten hatte es einzelne Äußerungen von Politiker:innen gegeben, die in der Branche Hoffnung schürten. Umso größer ist nun die Enttäuschung, dass sowohl in Bremen als auch in Hamburg und Niedersachsen die Bordelle bei den Lockerungen nicht bedacht wurden und die Entscheidung ein weiteres Mal aufgeschoben wurde.

Man wolle die Entwicklung des Infektionsgeschehens abwarten, sagte Hamburgs Gesundheitssenatorin Melanie Leonhard (SPD). Außerdem strebe die Stadt eine einvernehmliche Regelung mit den Nachbarländern an. Ähnlich argumentiert das niedersächsische Gesundheitsministerium, das sogar auf eine bundesweit einheitliche Regelung setzt.

In Niedersachsen ist zumindest der Escort erlaubt

Die Gruppe „Sexy Aufstand Reeperbahn“, die auch die Demos angemeldet hat, reagierte empört. Dorothee Türnau auch: „Ich weiß nicht, was man da noch machen oder sagen soll.“ Seit Monaten hätten Branchenverbände und Beratungsstellen detaillierte und differenzierte Konzepte entwickelt, welche sexuellen Dienstleistungen unter welchen Hygienevorschriften möglich wären. Immerhin sei der Körperkontakt ja nicht in allen Sparten und bei allen Spielarten gleich intensiv.

Empört sind die Sexarbeiter:innen auch über die Ungleichbehandlung im Vergleich zu anderen Branchen. Immerhin gibt es eine ganze Reihe von körpernahen Dienstleistungen, die wieder zugelassen sind. Warum dürfen andere massieren, schneiden, epilieren und tätowieren – Sexworker:innen aber niemanden anfassen?

Genau mit diesem Argument war Anfang August eine Bordellbetreiberin vor dem Oberverwaltungsgericht im Saarland erfolgreich. Das dortige Prostitutionsverbot wurde gekippt. Aber weil das natürlich nur für die Regelung im Saarland gilt, kann sich hier darauf niemand berufen.

Wie in fast allen Bereichen sind die Regelungen auch was Sexarbeit betrifft zwischen den Bundesländern höchst unterschiedlich. In Niedersachsen beispielsweise hatte die Landesregierung nach einem OVG-Urteil zähneknirschend das Prostitutionsverbot aufgehoben, verboten ist nur noch der Betrieb von Prostitutionsstätten. Escortservice – also das Aufsuchen von Kunden in deren Wohnungen oder in Hotelzimmern – ist erlaubt. Das, erklären Saskia Apelt und Johanna Ulrichs von der Beratungsstelle Phoenix, bringe aber auch wieder Ungerechtigkeiten und eigene Probleme mit sich.

„Wer es nicht gewohnt ist, im Escort zu arbeiten, der hat auch keine Strategien, wie man da verhandelt oder für die eigene Sicherheit sorgt“, sagt Ulrichs. „Was macht man denn, wenn man an einer fremden Wohnungstür klingelt und dahinter steht nicht nur ein Kunde, sondern mehrere Männer?“

Die Krise bedroht vor allem kleine und legale Etablissements

Noch stärker vom Verbot betroffen sind diejenigen Sexworker:innen, die vorher schon in prekären Verhältnissen gearbeitet haben. Wer auf dem Straßenstrich war und drogenabhängig ist, kann jetzt nicht mal eben aufhören. Die Anbahnung ist aber schwieriger geworden und Übergriffe können nicht mehr angezeigt werden – die Freier wissen das.

Aber auch diejenigen, die vor Corona in besseren Arbeitsverhältnissen angeschafft haben, kommen an ihre Grenzen. „Irgendwann ist das Ersparte und die Rücklagen fürs Alter eben aufgebraucht – da werden Existenzen auf Jahre hinaus zerstört“, sagt Ulrichs.

Vor allem im ländlichen Raum stehen viele kleinere Etablissements von Frauen vor dem Aus, sagt Apelt. Das seien aber häufig diejenigen, die gute Arbeitsbedingungen und Verdienstmöglichkeiten bieten – gut laufende, ordnungsgemäß gemeldete, solide Adressen.

Grüne fordern Landesregierung auf sich zu positionieren

Dass solche Strukturen kaputt gehen, während illegale und prekären Beschäftigungen florieren, ist eine Sorge, die auch die frauenpolitische Sprecherin der Grünen im niedersächsischen Landtag, Imke Byl, umtreibt. Sie hat eine Anfrage an die Landesregierung gestellt, in der sie eine klarere Positionierung und eine Perspektive für die Branche fordert.

„Wir haben den Eindruck, dass die Landesregierung dieses unliebsame Thema einfach ausblendet“, sagt Byl. Möglicherweise, argwöhnen viele in der Branche, weil es einigen Menschen ganz recht wäre, wenn hier etwas kaputt ginge. Erst im Mai hatten Bundestagsabgeordnete verschiedener Parteien, darunter auch der Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach (SPD), ein totales Sexkaufverbot gefordert – auch nach Corona.

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