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Männlich alternDer erwachsene Herr Taschenbier

Ambros Waibel

Essay von

Ambros Waibel

Männer müssen nicht hässlich, einsam oder unnahbar werden. Dafür müssen sie sich mit toxischen Männlichkeitsbildern auseinandersetzen und Glück haben.

Alter Mann, was nun? Ein clean oder ein dirty old man werden, oder gibt es etwa noch weitere Optionen? Foto: Arman Zhenikeyev/Westend 61/imago

M it dem Sterben hat sich mein Vater sehr schwer getan. Was vielleicht auch daran lag, dass er sich sein Leben scheinbar leicht organisiert hatte. Er hatte eine gut bezahlte, krisenfeste, nicht zu fordernde Arbeit, bei der er beliebt war, die aber nicht Sinn und Befriedigung stiften musste – dafür gab es Schach und Politik, die Berge in jüngeren und den Garten in späteren Jahren. Am Wochenende ging er seinen Hobbys nach, meist ohne seine Familie.

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Männer bauen Autokratien auf, Männer bilden Manosphären, Männer üben Gewalt gegen Frauen aus. Aber: Männer leisten auch mehr Care-Arbeit als früher, Männer supporten Frauen, Männer gehen sogar in Therapie (manchmal). Alte Männlichkeitsbilder geraten ins Wanken, zugleich klammern sich manche Männer um so mehr ans Patriarchat und verklären die Vergangenheit. Ein Schwerpunkt über Manfluencer und Maskulinismus, Körperlichkeit und Vater-Sohn-Beziehungen, männliches Altern und diverse Männeridentitäten. Alle Texte der Ausgabe erscheinen unter taz.de/männertaz

Dazu eine Partnerin, die ihm alles Praktische im Leben abnahm, vom Haushalt bis zur Kindererziehung. Sich um die Steuer und Versicherungen kümmern, das Auto in die Reparatur bringen, das waren hingegen Tätigkeiten, die mein Vater auf sich nahm. Weil sie ihm als männlich galten. Und er wollte ein Mann sein, einen Mann darstellen, schließlich war er das einzige Kind, der einzige Sohn und auch der einzige Mann im Haus, nachdem sein Vater schon kurz nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion in Gefangenschaft geraten und dort verstorben war.

Die Hypochondrie meines Vaters mit seinen wöchentlichen Arztbesuchen sorgte für Heiterkeit in der Familie. Ich glaube, der eigentliche Grund für diese Arztsucht war der feste Wille, alt zu werden und eben nicht das Schicksal seines Vaters zu teilen. Mein Vater hat seinen Vater überlebt, um mehr als 40 Jahre war er älter geworden, als er mit 87 starb.

Ein voller Erfolg, könnte man sagen, dieses Leben.

Die Bildergalerie zur männertaz

Wie können wir Männlichkeit in ihrer Vielfalt darstellen und unterschiedliche Perspektiven zeigen? 14 Antworten von Fo­to­gra­f:in­nen der taz finden Sie hier in der Bildergalerie zur männertaz.

Man könnte aber auch die Bilanz ziehen: Das Männlichkeitsbild, das und dem sich mein Vater verschrieb, hat ihn unglaublich viel verpassen lassen. Er war bei keiner Geburt dabei, hat kein Kind gewickelt und gepflegt, keinen Elternabend und keine Schultheateraufführung besucht, er hat keine Kinderkotze weggewischt, nie Essen gekocht. Zärtlichkeit seinen Kindern gegenüber fiel meinem Vater schwer. Ich denke, sie war ihm unheimlich, peinlich, als könnte ihn einer seiner Hitlerjugenderzieher noch dabei beobachten und für sein weibisch-undeutsches Verhalten fertig machen.

Erst mit den Enkeln wurde er weicher. Die Enkel liebten ihren Opa und er liebte sie. Er selbst und die Umstände hatten sich offensichtlich gewandelt. Gelingt Männlichkeit im Alter, wenn man sich aus einer neuen Perspektive von überkommenen Männlichkeitsvorstellungen befreit – oder von Männlichkeit überhaupt?

„Clean“ oder „dirty old man“?

Es ist wohl jedenfalls kein Zufall, dass es so viele populäre Kunstfiguren gibt, die eine solche befreite Männlichkeit propagieren, meist in Verbindung mit einem magisch-kindlichen (Enkel-)Wesen. Wir denken an Meister Eder und den Pumuckl, den etwas jüngeren Herrn Taschenbier und das Sams, Petterson und Findus. Diese Männer sind asexuell, einsam, sie haben keine intimen oder familiären Bindungen, als stünden sie unter einem Liebesverbot.

Früher hätte man sie Hagestolze genannt. Was sie zudem auszeichnet, ist eine enorme Geduld mit den ihnen zugefallenen Wesen, in welch peinliche Situationen sie durch sie auch immer geraten. Sie haben Zeit und eine kindlich-naive Bereitschaft, sich auf das Neue, Übernatürliche, Ungezogene, Unerzogene einzulassen – und sie wollen es auch gar nicht erziehen oder bleiben bei ihren Versuchen so halbherzig wie erfolglos. Diese Männer sind im Grunde kleine, anarchische Jungs: ewige Bastler, verträumte Angler – nur der schüchterne Herr Taschenbier darf sich in einer späten Fortsetzung verlieben.

Für unsere Zwecke können wir sagen: Der nette alte Mann, der clean old man, hat kein Interesse an Intimität zu einem erwachsenen Partner, ob nun freundschaftlich oder in einer Liebesbeziehung. Nur unter dieser Voraussetzung kann er sein zärtliches, fantasievolles Wesen entfalten. Ein anderes Modell männlichen Alterns, das eher der Realität als der Fiktion entnommen ist, ist das Verleugnen des Alterns. Und zwar in dem Sinne, dass die Erfahrungen der Jüngeren einfach keine Rolle spielen und die eigene Jugend perpetuiert wird.

Es ist das viel erörterte Alt-68er- und Boomer-Verhalten, das nach den 60ern, 70ern, 80ern schlicht nichts mehr gelten lässt, was die eigene Männlichkeit in Frage stellen könnte. „Forever young“ stellt sich dann allerdings als ein „plötzlich sehr alt“ heraus, genauso wie das hemmungslose Anbiedern an Teens und Trends. Beides verharrt im Kindlichen, boys will be boys. Da gibt es für uns Männer nichts zu holen außer Fremdscham und Mitleid.

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Fragen müssen wir uns also, wie man erwachsen, männlich und alt werden und sein kann. Ich sehe hier ein Modell in zwei Ausprägungen. Einmal den dirty old man: ein Künstler oder Politiker oft, seiner Passion verschrieben. Seine emotional-sexuellen Bedürfnisse kann er in Unverbindlichkeit ausleben, weil sein sozialer Status ihn jenseits verfallender Körperlichkeit attraktiv macht oder weil er genug Geld hat, sich Prostituierte unterschiedlicher Ausprägung und einen Hofstaat leistet.

Wir denken nicht zuletzt an die hässlichen, mächtigen alten Männer: Trump, Putin, Musk usw. Diesen dirty old man gibt es aber natürlich auch als Deklassierten, eher schäbig, pornosüchtig und von niedrigpreisigeren Drogen abhängig.

Kränkung, mangelndes Selbstwertgefühl, Schuldzuweisung

Mir geht es nicht darum, mich über solche Männlichkeiten zu erheben. Aber ich will über sie sprechen, wie auch der US-Autor Mark SaFranko, der in seinem gerade erschienenen Roman „Dear Professor Romance“ über einen schmierigen Internet-Männerberater Beobachtungen über drei normale, abstoßende, fatale, suchende Männer macht.

Ein paar Zitate: Die Frauen „schauen durch einen durch, als ob man ein blöder Telefonmast wäre“; „Frauen in seinem Alter kamen nicht in Frage. Das war einfach eine Frage der Ästhetik“; „Sosehr er sich auch den Kopf zerbrach, fiel ihm einfach nicht ein, was er mit sich anfangen sollte“; „Doug beobachtete die Szene mit toten Augen. Mit Kindern konnte er nichts anfangen“; und schließlich: „Er hätte nicht auf Professor Romance hören sollen – an allem war dieser Dreckskerl schuld“.

Zusammengefasst: Kränkung und mangelndes Selbstwertgefühl, fehlende Selbstreflexion, Unselbständigkeit und emotionale Verwahrlosung, hasserfüllte Schuldzuweisung – das sind zweifellos Elemente gegenwärtiger toxischer Männlichkeit, denen jeder Mann sich heute stellen muss.

Und dann wird’s halt individuell. Individuell bedeutet auch immer, ob man Glück hat oder Pech. Ich hatte Glück. Ich kam mit 40 an einen Job in dieser relativ hierarchiearmen Zeitung, der mich in einen Durchlauferhitzer junger Menschen wirbelte. Als ich anfing, war mein Kollegium im Ressort so um die 10 Jahre jünger als ich, heute sind es 20 oder gar mehr als 30 Jahre. Ich arbeite mit Menschen zusammen, die so alt sind wie mein ältestes Kind. Ich kann es mir nicht gemütlich machen.

Manchmal sind diese jungen, klugen Menschen ein wenig herablassend, manchmal entzückend fürsorglich, manchmal verstehe ich sie nicht, weil sie nuscheln, Begriffe gebrauchen, die ich erst lernen muss, oder weil ich schlecht höre, aber das ist nicht der Punkt: Ich darf teilnehmen an einer gemeinsamen Arbeit, an einem Produkt, das täglich neu entsteht und für alle Beteiligten sinnstiftend ist – und ein Publikum findet.

Persönliche Situation hängt von einem selbst ab

Schmerz macht böse, sagt mein Therapeut. Und „Alte Männer sind gefährlich, ihnen ist die Zukunft gänzlich gleich“, zitiert Dr. Gottfried Benn in seinem Vortrag „Altern als Problem für Künstler“ Bernard Shaw. Herumkommandiert zu werden macht böse und herumkommandieren nicht minder, würde ich ergänzen (und wenn man will: Beides zu vermeiden, ist mein Begriff von Männlichkeit).

Für mich allerdings verblassen Begriffe wie Alter oder Männlichkeit im Vergleich dazu, was es bedeutet zu arbeiten, gesund zu sein, Liebe oder Begeisterung zu empfinden und zu empfangen, Freiheit zu spüren. Oder noch mal anders formuliert, wie ich es in einem Waschzettel zum Ausstellungskatalog „Die Macht des Alters“ fand: „Egal in welchem Alter sich der Mensch befindet, immer wird die persönliche Situation von individuellen Voraussetzungen und Initiativen abhängen.“

Leider weiß ich auch durch das Schicksal gleichaltriger Freunde und Bekannter, dass es eben nicht nur am Individuellen hängt, sondern nicht zuletzt an einem sogenannten Arbeitsmarkt, der Ältere gnadenlos aussortiert und isoliert, bei gleichzeitigem angeblichem Fachkräftemangel.

Aber was sage ich – lasst es Goethe sagen: „Altwerden heißt, selbst ein neues Geschäft antreten, alle Verhältnisse verändern sich und man muss entweder zu handeln ganz aufhören oder mit Willen und Bewusstsein das neue Rollenfach übernehmen.“ Und was wäre das alles ohne Menschlichkeit, ein Empfinden von Nachsicht, von Verzeihen und auch von Trauer – wenn ich mich an die zarten Versuche meines Vaters erinnere, mich zu umarmen, zu streicheln.

Und der Hass bleibt auf die, die ihn und mich um mehr Nähe gebracht haben. Im wesentlichen Männer, aber nicht nur. Denn Männlichkeit wird ein Problem bleiben, solange sie als Sache der Männer verhandelt wird.

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Ambros Waibel
taz2-Redakteur
Geboren 1968 in München, seit 2008 Redakteur der taz. Er arbeitet im Ressort taz2: Gesellschaft&Medien und schreibt insbesondere über Italien, Bayern, Antike, Organisierte Kriminalität und Schöne Literatur.
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