Männer für Frauenrechte: „Ich kann Feminismus nicht leben“
Autor Patrick van Lier sagt, dass Männer keine Feministen sein können. Umso wichtiger sei es, dass sie sich feministisch positionieren.
Foto: Focke Strangmann/dpa
taz: Herr van Lier, sind Sie Feminist?
Patrick van Lier: Nein. Ich bin ein Mann mit feministischer Einstellung. Feminist*in zu sein, setzt für mich voraus, Teil einer marginalisierten Gruppe zu sein. Ich bin der Prototyp eines Profiteurs: weiß, groß, gut situiert, ein hetero cis Mann. Ich spüre mit keiner Faser meines Lebens irgendwelche Nachteile, nirgendwo, denn ich laufe mit maximalem Rückenwind durch die Gegend. Und das kann ich am Ende des Tages, egal wie sehr ich mich bemühe, nicht abschütteln. Deshalb kann ich Feminismus nicht leben. Ich kann und sollte mich aber trotzdem mit Feminismus auseinandersetzen.
taz: Was verlieren Männer durch Feminismus?
Van Lier: In erster Linie: Privilegien. Privilegien zu haben, bedeutet, immer mit ein bisschen Rückenwind durch die Gegend zu laufen. Das sind Machtverhältnisse, die ich bewusst aufgebe oder versuche aufzubrechen. Wenn ich nicht mehr über andere Personen um mich herum – meistens marginalisierte Gruppen oder Frauen – bestimmen kann, dann verliere ich an Macht.
Lesung von „Was wir Männer wirklich verlieren“ im Rahmen der Bremer Aktionswochen gegen Ausgrenzung und Diskriminierung: 12.9., 20 Uhr, Kito, Alte Hafenstr. 30, Bremen. Außerdem: 19.9., 19 Uhr, Bücherhalle Wilhemsburg, Hamburg. Eintritt frei.
taz: Und was gewinnen Männer durch Feminismus?
Van Lier: Ich nenne jetzt mal nur ein paar der Dinge: Authentizität, Beziehungen auf Augenhöhe, seelische Gesundheit, Rückhalt und vor allem Zukunftsfähigkeit. Konservativ sein bedeutet Stillstand. Feminismus ist ein gesellschaftliches Thema, das wir alle anpacken müssen, um uns als Gesellschaft weiterzuentwickeln. Aber man sollte sich als Mann nicht mit Feminismus auseinandersetzen, weil man daraus irgendwelche individuellen Vorteile gewinnt. Man sollte es tun, weil es das Richtige ist.
39, ist Bildungsreferent und Content Creator, der sich mit Gleichstellung, kritischer Männlichkeit und der Frage, welche Rolle Männer bei gesellschaftlicher Veränderung spielen können, beschäftigt. Sein Buch „Was wir Männer wirklich verlieren“ ist im April im Trabanten Verlag erschienen.
taz: Aber Sie gewinnen doch ganz individuelle Vorteile. Sie haben ein Buch geschrieben und verdienen Ihr Geld mit dem Thema.
Van Lier: Ich weiß, dass ich mit dem, was ich tue, mehr Männer erreiche, als eine Frau es je könnte. Gerade auf Instagram gibt es viele Creator*innen, die deutlich länger und wissenschaftlich fundierter zu Feminismus arbeiten und bei Weitem nicht meine Reichweite haben. Natürlich finde ich das doof. Frauen haben es schwerer, in die Position zu kommen, damit Geld zu verdienen.
Ich habe diese Themen nicht erfunden, sondern profitiere davon, dass sie bereits von Frauen bespielt wurden. Aber ich nutze meine Privilegien, um feministische Themen voranzubringen. Natürlich reproduziere ich damit auch patriarchale Strukturen. Aber wäre es besser, gar nichts zu machen? Ich kann das Patriarchat nutzen, um patriarchale Strukturen aufzubrechen, und das halte ich für nötig.
taz: Und sexistische Männer werden wohl nicht auf eine Frau hören.
Van Lier: Aber auf einen großen, dicken, bärtigen Mann vielleicht schon. Am Ende des Tages wurden wir doch alle in einem patriarchalen System sozialisiert. Es liegt an uns allen, festzustellen, dass wir daraus ausbrechen können und wollen. Das ist ein großer, langer Prozess. Auch ich mache noch immer viele Sachen falsch.
taz: In einer Welt voller Alphamänner, Incels und Datingcoaches: Wie bekommt man junge Männer dazu, sich mit Feminismus auseinanderzusetzen?
Van Lier: Viele junge Männer sind sich unsicher über ihre Rolle in der Gesellschaft. Die kann man gut abholen, indem man sagt: Hey, du willst eigentlich was Gutes tun und glaubst, dass du was Männliches tun musst. Geh nicht den einfachen Weg. Es ist völlig in Ordnung, dass auch andere die Dinge dürfen, die du darfst. Es ist nicht leicht zu sagen: Ich finde es zwar cool, dass ich Rückenwind habe, aber eigentlich sollte ich das nicht cool finden. Zu erkennen, dass ich als Mann mit Vorteilen durch die Welt gehe und andere mein Leben mittragen, ist beschämend.
An dem Punkt gibt es zwei Möglichkeiten: Du kannst weitermachen wie bisher, oder du gehst mit Haltung durch die Welt. Das fängt schon im Kleinen an: Wenn ich mit Freunden zusammensitze und der eine haut wieder einen sexistischen Spruch raus, dann darf ich auch mal sagen: Halt’s Maul. Es geht hier einfach ganz stumpf um das Richtige.
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