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Herausgeberin über Musikerinnen-Buch„Je mehr Frauen auf der Bühne stehen, desto mehr folgen“

Künstlerinnen sind in der Musik sichtbarer denn je. Das ist dennoch kein Indiz für strukturelle Gleichheit, sagt Musikjournalistin Juliane Streich.

Interview von

Noel Urcan

taz: Frau Streich, Ihr Buch versammelt kurze, sehr persönliche Porträts, geschrieben von ganz unterschiedlichen Au­to­r*in­nen zu jeweils einer Künstlerin. Gibt es eine Künstlerin aus dem neuen Band, die Sie selbst überrascht hat oder neu für sich entdeckt haben?

Juliane Streich: Eine meiner Lieblingsgeschichten ist über die Band „The Shaggs“ aus den USA. Der Vater der drei Schwestern hatte von seiner Mutter die Prophezeiung gehört, seine Töchter würden erfolgreiche Popstars, und er kaufte ihnen in den Sechzigern Instrumente, ohne dass die Mädchen selbst großes Interesse an Musik hatten. Ihr Album verkaufte sich damals kaum, ein Teil der Platten wurde sogar eingestampft. Anfang der Achtziger wurde es wiederentdeckt, plötzlich hieß es, sie seien besser als die Beatles. Das lag auch daran, dass durch den Punk gar nicht mehr so wichtig war, ob jemand technisch perfekt spielt oder singen kann.

Im Interview: Juliane Streich

43, Musikjournalistin. Leitete zehn Jahre die Musikredaktion des Leipziger Stadtmagazins Kreuzer, arbeitet heute bei MDR Kultur in der Onlineredaktion und schreibt frei über Musik, Kultur und Gesellschaft. Herausgeberin der Anthologie-Reihe „These Girls“, „These Girls, too“ und aktuell „These Girls Forever!“.

taz: Mit „These Girls Forever!“ erscheint der dritte Teil der Reihe, nach „These Girls“ und „These Girls, too“. Was fühlte sich nach den ersten beiden Büchern noch unerzählt an?

Streich: Ursprünglich sollte es nur ein Buch werden. Jeder Band versammelt Porträts unterschiedlicher Künstlerinnen, geschrieben von verschiedenen Autor*innen. Manche schreiben sehr persönlich darüber, was eine Band in einem bestimmten Moment ihres Lebens für sie bedeutet hat, andere eher analytisch, wie eine Künstlerin ein Genre geprägt hat. Es sind Journalistinnen dabei, Leute, die sonst Poetry-Slam machen oder Romane schreiben, und solche, die wissenschaftlich rangehen. Ich hätte nach den drei Büchern immer noch eine ganze Liste an Künstlerinnen, die fehlen, aber mit der Trilogie kann ich einen guten Schlussstrich ziehen.

taz: Eras Tour, Grammy-Erfolge für Rosalía: Sind Frauen in der Musik aktuell sichtbarer denn je?

Streich: Je mehr Frauen auf der Bühne stehen, desto mehr Musikerinnen folgen ihnen nach. Fast alle, mit denen ich für die Bücher gesprochen habe, erzählen von so einem Moment, etwa davon, Kim Gordon auf einer Bühne gesehen zu haben. Bei der Band Blond aus Chemnitz fingen plötzlich Mädchen mit Schlagzeugunterricht an, weil sie das cool fanden. Sichtbarkeit inspiriert, motiviert und erzeugt so wieder neue Sichtbarkeit.

Buchpremiere

„These Girls Forever! Ikonen feministischer Musikgeschichte“, Buchpremiere im Rahmen der Langen Nacht der Literatur. 5.9., 18 Uhr. Buchhandlung Blattgold, Wexstr. 28, Hamburg, Eintritt 15 Euro

taz: Und was hat sich an der Arbeitsrealität für Musikerinnen wirklich strukturell geändert?

Streich: Ehrlich gesagt noch nicht genug. Es gibt zwar Festivals mit Quote, das Reeperbahn Festival zum Beispiel oder Popkultur in Berlin, viele davon über die Initiative Keychange. Aber bei ganz vielen anderen liegt der Männeranteil im Line-up weiter bei rund 90 Prozent. Gern heißt es, große Künstlerinnen wie Taylor Swift könne man sich nicht leisten und nach den Megastars kämen kaum welche mehr. Dass das so nicht stimmt, sollen die Bücher auch widerlegen. Selbst wenn Musikjournalismus und Bookingagenturen weiblicher werden, entscheiden am Ende immer noch vor allem Männer. Und wenn eine Band auf Tour geht, fragt sie fürs Vorprogramm ganz automatisch erst mal die Kumpels, das wird einfach zu wenig aktiv mitgedacht.

taz: Welchen Wandel wünschen Sie sich für die Musikbranche, damit die nächste Generation von Musikerinnen es leichter hat?

Streich: Am schönsten wäre, wenn es gar keine Quote mehr braucht. Und ich wünsche mir ein Umfeld, in dem Frauen sich wohlfühlen, ob in der Band, auf der Party oder im Label. Das Musikbusiness spielt sich viel nachts und in eher unübersichtlichen Situationen ab, da kann es passieren, dass Frauen nicht mitkommen, weil sie sich um Kinder kümmern müssen, nicht eingeladen werden oder angemacht werden. Auch wer keine Kinder hat, empfindet dieses Umfeld manchmal als unangenehm. Ich feiere selbst gern bis morgens, aber ein bisschen mehr Rücksicht darauf, ob sich alle wohlfühlen, würde ich mir schon wünschen.

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