Feministisches Männerbündnis: „Wir müssen bei unserem eigenen Umfeld anfangen“
Bei „Take Part Not Space“ engagieren sich Männer gegen patriarchale Gewalt. Initiator Fritz Ernst erklärt, wie man Männer für Feminismus sensibilisiert.
taz: Am letzten Frauenkampftag bist du mit Männern auf die Straße gegangen. Mit eurer Initiative „Take Part Not Space“ habt ihr gegen das Patriarchat, also gegen eure eigene Vormachtstellung als Männer demonstriert. Wieso?
Fritz Ernst: Unsere Motivation war die Beobachtung, dass sich zu wenig Männer an Demos gegen männliche Gewalt und auch sonst bei feministischen Anliegen beteiligen, wie etwa beim Fall Gisèle Pelicot. Als das bei den Protesten am Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen im November 2025 wieder so war, haben wir uns gesagt: Lass uns selbst was machen! Der 8. März war dann unser erstes Ziel.
taz: Wer sind die Männer, die sich bei euch engagieren?
33 Jahre, ist Rechtsanwalt im Bereich Arbeitsrecht und wohnt in Berlin-Wedding
Ernst: Eine Mischung aus der Gen Y und Gen Z. Wir sind rund 30 Männer mit verschiedenen, teils akademischen, teils nichtakademischen Hintergründen. Einige arbeiten in der Politik oder in den Medien, aber zum Beispiel auch als Fensterbauer oder klassische Musiker.
taz: Dass sich deutlich mehr FLINTA* feministisch engagieren, ist nicht überraschend. Viele wollen aber lieber unter sich bleiben. Warum braucht es deiner Meinung nach auch Männer im Feminismus?
Ernst: Erst mal finde ich es verständlich, wenn FLINTA* nur begrenzt Lust auf männliche Einmischung und Beteiligung haben. Schließlich sind Männer erfahrungsgemäß oft ein Risikofaktor. Zugleich fordern aber auch viele FLINTA* seit Jahren mehr Engagement und Verantwortung von Männern. Und auch wir sind der Überzeugung, dass wir Männer die Verantwortung haben, uns gegen Unterdrückung und Gewalt durch Männer zu stellen. Und da müssen wir bei uns und unserem Umfeld anfangen – da gibt es viel aus vergangenen Fehlern zu lernen und zu tun, um auch die Männer um uns herum mitzunehmen. Leider wird Feminismus von manchen Männern als „Frauenthema“ abgetan. Einige fürchten schnell einen persönlichen Vorwurf und gehen sofort in die Defensive. Da kann es helfen, wenn die Einladung zur Reflexion oder die Kritik auch aus der Perspektive des eigenen Geschlechts kommt. Wir wollen unsere Privilegien also bewusst einsetzen, die Kritik aber trotzdem klar formulieren.
taz: Wie wollt ihr die Menschen denn einladen?
Ernst: Bei uns soll es gerade nicht darum gehen, dass man schon Simone de Beauvoir gelesen haben muss. Gleichzeitig wollen wir nicht neu verhandeln, was es bedeutet, feministisch zu sein. Das steht uns auch nicht zu. Um Aufmerksamkeit zu erregen, haben wir einen offenen Brief von 30 Männern aus dem öffentlichen Leben unterzeichnen lassen. Zum Beispiel vom Musiker Felix Kramer oder dem Fußballprofi Grischa Prömel. Wir versuchen auch, Leute im Kettenbrief-Stil per Chat und über Social Media zu erreichen. Oder wir sprechen Männer im öffentlichen Raum direkt an. Früher gab’s in Berlin diese Unart des Ringbahnsaufens: Man stellt sich mit einem Kasten Bier in die Bahn und fährt eine Runde. Wir haben das als Inspiration genommen, uns zum Ringbahnflyern getroffen und mit Männern gequatscht. Viele sind dabei mit uns ins Gespräch gekommen und waren sehr aufgeschlossen und interessiert.
taz: Habt ihr bei euren Aktionen auch negative Erfahrungen gemacht?
Ernst: Das gab es auch. Zum Beispiel, als ich bei einer Flyer-Aktion auf einen Junggesellenabschied gestoßen bin, da musste ich mir einige blöde Sprüche anhören. Auch sonst sind diese Aktivierungsversuche oft ernüchternd und verlangen viel Ausdauer. Den öffentlichen Brief haben zwar 30 Männer unterschrieben, aber es war eine mühselige Arbeit. Manche hat es einfach nicht gekümmert, andere hatten Bedenken wegen der Wortwahl, die sie zu aktivistisch oder zu kämpferisch fanden.
taz: Wie reagieren feministische Gruppen auf euch?
Ernst: Insgesamt kommt von FLINTA* eher Zuspruch. Um uns regelmäßig Feedback einzuholen und zu kooperieren, sind wir mit feministischen Bündnissen in Kontakt, und auch da sind die Meinungen unterschiedlich. Während manche der Ansicht sind, es funktioniert jetzt schon ganz gut, erwarten andere deutlich mehr männliches Engagement.
taz: Wir erleben heute eine Rückkehr reaktionärer Männlichkeitsideale, besonders in der jüngeren Generation. Worin liegen nach deiner Einschätzung die Gründe dafür?
Ernst: Ich denke, viele, auch ich, hatten die naive Hoffnung, mit der Zeit würden antifeministische Haltungen aussterben. Dem ist nicht so. Dabei müssen wir bedenken, dass diese Entwicklung parallel zu einem politischen Wandel nach rechts und einer Politik der Eigeninteressen und des Machterhalts läuft. Das ist einfach etwas, was wieder mehr en vogue ist. Und da müssen wir als Gesamtgesellschaft dagegenhalten, die jüngeren wie die älteren Generationen.
taz: Denkst du, es hat in den letzten Jahrzehnten eine gesellschaftliche und politische Vernachlässigung von Jungen und Männern hinsichtlich der Männlichkeitsentwürfe gegeben?
Ernst: In erster Linie hat es eine gesellschaftliche und politische Vernachlässigung gegenüber Themen wie geschlechtsspezifischer Gewalt und ihren Konsequenzen für die Gesellschaft gegeben. Hätte man sich damit ehrlich und konsequent auseinandergesetzt, wäre auch ein progressives Männlichkeitsbild besser zu vermitteln gewesen. Gleichzeitig hilft es, aufzuzeigen, warum auch Männer von einer feministischen Gesellschaft profitieren.
taz: Wo profitieren Männer?
Ernst: Auch wenn ich es etwas schwierig finde, bei dem Thema den Vorteil für Männer in den Fokus zu rücken, gibt es natürlich Bereiche, wo Männer direkt profitieren könnten: etwa beim Thema Elternzeit. Ich werde bald Papa und da fände ich es schön, wenn es normalisierter wäre, dass Männer lange Elternzeit nehmen und mehr an der Sorgearbeit teilhaben. Stattdessen müssen Frauen durch das Mutterwerden häufig Risiken eingehen, zum Beispiel die Teilzeitfalle. Das ist doch für niemanden gut. Männern steht deswegen kein Mitleid zu, sie bleiben weiterhin deutlich privilegiert. Aber man hat es versäumt, die Vorteile eines strukturellen Wandels aufzuzeigen, wodurch ein Narrativ des Gegeneinanders gefördert wurde.
taz: Am 14. Mai ist der sogenannte Herrentag. Ein Tag, an dem viele Männer ihre Männlichkeit feiern. Genau da finden jetzt einige Demos statt – ihr seid auch dabei. Worum geht es euch?
Ernst: Genau! Wir unterstützen die Demo in Berlin am Brandenburger Tor. Auch in anderen Städten soll es Demos geben. Das Ganze läuft unter der Bezeichnung „Männer gegen Gewalt“. Der Tag steht symbolisch für die historische Verwurzelung des Patriarchats. Gerade weil viele Männer an dem Tag ihre Männlichkeit feiern und es vermehrt zu Übergriffen kommt, wollen wir uns da mit FLINTA* solidarisieren. Unser Ziel ist es letztlich zu zeigen: Wir Männer können und sollten uns dem Kampf um Gleichstellung nicht entziehen!
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