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Macron in SyrienStrategischer Weitblick

Dominic Johnson

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Dominic Johnson

Als erster europäischer Staatschef besucht Macron Damaskus. Er hat erkannt, dass das „neue Syrien“ der natürliche Partner für Europa ist.

D er Sturz der Assad-Diktatur in Syrien ist schon neunzehn Monate her, aber erst jetzt findet ein Staatschef aus Europa den Weg nach Damaskus. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat mit seinem Besuch in Syrien auf dem Weg zum Nato-Gipfel in der Türkei und seinem Bekenntnis zu einer „strategischen Partnerschaft“ zwischen beiden Ländern nicht nur dem syrischen Präsidenten Ahmed al-Scharaa den Rücken gestärkt. Er hat auch etwas erkennen lassen, was die vielen europäischen Kritiker Scharaas, auch in Deutschland, vermissen lassen: strategischen Weitblick.

Ein stabiles Syrien aufzubauen, ist eine immense Zukunftsaufgabe, an der auch Europa ein Interesse hat. Nachdem die Diktatur Assads, die gegen das eigene Land Krieg führte, Syrien verwüstet und seinen Menschen unermessliches Leid zugefügt hat, ist die Aufgabe der neuen Machthaber ohne äußere Unterstützung kaum leistbar. Die Rebellen um al-Scharaa, die Assad im Dezember 2024 zu Fall brachten und sich zu ihrer eigenen Überraschung plötzlich an der Spitze eines kollabierten Staates wiederfanden, müssen alles auf einmal machen: einen funktionierenden Staat aufbauen, Assad-Nostalgiker und auswärtige Störer wie Iran oder Israel fernhalten und eine tief zerrissene Gesellschaft wieder versöhnen.

Für Europa, das sich mit der Abwehr eines imperialistischen Russlands beschäftigen muss, ist das neue Syrien der natürliche Partner. Syrien und die Ukraine, der südliche und der nördliche Nachbar der Türkei, haben beide auf unterschiedliche Weise dem russischen Staatsterror die Stirn geboten und ihre Unabhängigkeit verteidigt. Als Verbündete könnten Syrien, die Ukraine und die Türkei ihre Kräfte bündeln und auch für Europa ein Schutzschild sein. Und wenn tatsächlich im Laufe der Jahre – schneller geht es nicht – ein neues demokratisches Syrien entsteht, wäre es ein Vorbild im Nahen Osten. Macron hat diese Chance erkannt. Hoffentlich bleibt er nicht der Einzige.

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Dominic Johnson

Dominic Johnson Ressortleiter Ausland

Seit 2011 Co-Leiter des taz-Auslandsressorts und seit 1990 Afrikaredakteur der taz.
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14 Kommentare

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  • Syrien ist ein Staat, den es ohne die Franzosen gar nicht gäbe. Im Sykes-Picot-Abkommen teilten Frankreich und Großbritannien den Nahen Osten (Palästina, Jordanien und Irak kam an die Briten, Syrien und der Libanon wurde französisch) unter sich auf, die dortigen Bewohner wurden nicht gefragt. Auch nach der Unabhängigkeit blieben die Beziehungen zu den jeweiligen Kolonialmächten intakt, die Oberschicht machte in London und Paris Geschäfte, ging dort zum shoppen und der Nachwuchs studierte dort. So gesehen ist es logisch, dass Monsieur Macron der erste europäische Regierungschef bei der neuen Regierung in Damaskus ist.

  • Frankreich ist die alte Kolonialmacht, das ist der Punkt. Man kennt noch das Land wie den Libanon und lässt sich auch von keiner Israelophilie einwickeln.



    Wenn Syrien sich zu einem stabilen wie halbwegs freien Staat entwickeln sollte, wäre Macrons Wette aufgegangen. Was dabei, wenn es unterdrückt wie die IS unseligen Andenkens? Reden hatte aber auch dann wenig gekostet.

    • @Janix:

      "Wenn Syrien sich zu einem stabilen wie halbwegs freien Staat entwickeln sollte..."

      Sie meinen zu einer stabilen Diktatur? Die gab es vor dem Krieg auch schon.



      Macron folgt seinen neokolonialen Reflexen. Allerdings wird er damit langfristig genau so auf die Nase fallen, wie in Afrika.

      • @warum_denkt_keiner_nach?:

        Nein, ich schrieb "halbwegs freien".



        Das wäre eben nicht Assad senior oder junior.

        • @Janix:

          Al-Scharaa ist aber nicht anders als die Assads.

          • @warum_denkt_keiner_nach?:

            Es könnte so sein, einiges spricht dafür. Ganz sicher ist es noch nicht.



            Was, wenn ihn der Westen 'einkauft' und ihm mit auferlegt, eben keine Städte mit Giftgas oder Massenbombardements zu belegen?



            Bevor sich die Region zu sehr an Massenbombardements auf Städte gewöhnt.

            • @Janix:

              Ernsthaft? Solche Typen lassen sich nicht einkaufen.

              Solche Ideen entspringen einer sehr alten Denkweise und sind in diesem Jahrtausend nicht mehr umsetzbar.

              • @warum_denkt_keiner_nach?:

                Es gab Gorbatschow, es gab den späten Reagan, es gibt Bart de Wever in Belgien, Syriza wurde an der Macht eingekastet, Salman bringt keine Gegner mehr offen um, sogar die Taliban wären damals wohl abschlussfähig gewesen.



                Monotheismus als Hintergrund kann ein Thema sein, muss es aber nicht. Es gibt auch christliche, muslimische, jüdische Demokraten. Wer möglichst lang, möglichst ruhig regieren will, wird bei einer eher wahlfreien Variante enden, so wie der Koran ähnlich wie hebräische und christliche Bibel Zwang in Religionssachen eigentlich ablehnt.

                • @Janix:

                  Auch nach mehrmaligem Lesen weiß ich nicht, was mir die Antwort sagen soll.

                  Was hat z.B. Gorbatschow mit einem Al-Quaida Kommandanten zu tun?

      • @warum_denkt_keiner_nach?:

        Neokolonial war der Auftritt von Baerbock, die in einer Art Safariuniform Demokratie und Frauenrechte eingefordert hat.



        Macrons Besuch scheint dagegen die wirtschaftliche Zusammenarbeit im Fokus zu haben und keine Belehrung über westliche Werte zu sein. Die obigen Themen sind natürlich wichtig, aber die müssen von innen heraus kommen und nicht von anderen Staaten erzwungen werden.

        • @MK:

          Beides neokokoniale Spielarten. Macron versucht, wieder im alten Einflußgebiet Fuß zu fassen.

          Natürlich kann man dabei jegliche Moral über Bord werfen. Allerdings sollte man dann nicht an anderer Stelle den Moralapostel spielen.

  • Der "Chef-Kopf-Abschneider" von Al-Quida in Syrien als Garant für ein Artikel-Zitat:

    "[dafür das ein ] neues demokratisches Syrien entsteht, wäre es ein Vorbild im Nahen Osten."

    Ich poste mal Teil des Lebenslauf von Präsident al-Sharaa, laut Wikipedia:

    - Ab 2003 Al-Quida im Irak

    - Um 2006 Zeitweise beim IS im Irak als dieser noch Teil Al-Quidas war

    - Von 2012 bis 2016 Al-Nusra sprich Al-Qudia-Chef in Syrien.

    - Von 2017 bis 2024 Chef der von Al-Quida geführten HTS

    "Höhepunkte" seiner "Arbeit"

    - Selbsmordanttentäter in Schulen mit Alewiten schicken so um 2013.

    - Viele weitere Autobomben und Selbsmordanschläge

    - Nach 2024 als "Päsident" Massenmorde an Alewiten und Drusen durch Regierungstreue HTS teile.

    - Zurückdrängen der überwiegend kurdischen Aufständischen mit militäricher Gewalt -- die Kurden die Assad vorher von 2011 bis 2024 weitgehend in Ruhe gelassen hatte.

    Soviel zu Thema "Demokratie und Menschenrechte".

    • @Jörg Heinrich:

      Vielen Dank für die treffendenden und nötigen Ergänzungen zum Artikel. Eine Recherche die ich vom Autor des Artikels erwartet hätte.

  • Wenn man jede Moral fallen lässt, kann man sich dem Mörder Ahmed al-Scharaa natürlich andienen.

    Macron hofiert einen Despoten, der das Land mit drakonischer Gewalt "eint". Das dieser Despot sein "Parlament" mit Methoden zusammengestellt hat, auf die selbst Kim Jong Un neidisch sein kann, ist da fast nur noch eine Randerscheinung.