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Long Covid besser behandelnDer lange Weg zur kurzen Liste

Noch gibt es keine Heilung für Long Covid, aber Medikamente gegen die Symptome. Eine Off-Label-Liste soll nun den Zugang erleichtern. Was das bedeutet.

Die Behandlung von Long- und Post-Covid erfolgte bislang symptomorientiert Foto: Verena Brüning

Long- und Post-Covid-Erkrankte müssen leichter an Medikamente kommen, darin war sich die Teilnehmer des runden Tischs, den 2023 der damalige Gesundheitsminister Karl Lauterbach einberufen hatte, einig. Im Fokus hatten sie den Zugang zu den Medikamenten, die bereits auf dem Markt sind, aber eigentlich für andere Erkrankungen zugelassen sind – der sogenannte Off-Label-Use. Dieser ist für Long- und Post-Covid-Betroffene essenziell, um zumindest einige ihrer Symptome zu lindern. Denn trotz verschiedener Forschungsansätze gibt es bisher keine Behandlung, die Betroffene heilen kann.

Long Covid bezeichnet anhaltende Symptome vier Wochen nach einer Coronainfektion, Post Covid bei Symptomen nach zwölf Wochen. Viele Betroffene kämpfen mit starker Erschöpfung, haben Atemnot oder Herz-Kreislauf-Probleme. Eine schwere Folge ist ME/CFS – die Myalgische Encephalomyelitis oder das Chronische Fatigue Syndrom. Mit dem Krankheitsbild können selbst kleinere Aufgaben wie Zähneputzen über der Belastungsgrenze liegen.

Nun werden ab Mitte des Jahres vier Medikamente für den Off-Label-Use offiziell zugelassen. Sie stehen auf der Liste, die Anfang April der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) freigegeben hat und die zuvor eine Expertengruppe vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) über drei Jahre erarbeitet hat. Diese Off-Label-Liste soll den Betroffenen in der Versorgung und Kostenfrage mehr Sicherheit geben – klappt das? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Was ist eigentlich Off-Label-Use und warum gibt es ihn?

Wenn ein Medikament zugelassen wird, dann für konkrete Anwendungsgebiete. Das kann eine bestimmte Erkrankung oder auch eine bestimmte Altersgruppe sein. Manchmal sind Medikamente auch gegen andere Erkrankungen wirksam, dann spricht man von Off-Label-Use.

Welche Rolle spielen Off-Label-Medikamente in der Behandlung von Long Covid?

Die Behandlung von Long- und Post-Covid erfolgte bislang symptomorientiert: Wer nach einer Coviderkrankung anhaltende Schlafstörungen entwickelt, bekommt ein Mittel dagegen – nicht gegen Long Covid selbst. Nach dem runden Tisch veröffentlichte das BfArM im Oktober 2024 den Therapie-Kompass, er soll Ärz­t*in­nen Orientierung geben. Dort aufgelistet finden sich Wirkstoffe, die innerhalb ihrer zugelassenen Anwendungsgebiete – also „in label“ – bei bestimmten Long-Covid-Symptomen eingesetzt werden können und über die gesetzliche Krankenversicherung erstattungsfähig sind.

Das Problem ist nur: Eine reine In-Label-Therapie reicht nicht aus. Das zeigt sich insbesondere in der Verschreibung von Antidepressiva. Denn Symptome wie Erschöpfung oder Schlafstörungen können bei Long Covid auftreten, ohne dass eine Depression vorliegt. Dennoch mussten manche Ärz­t:in­nen eine psychiatrische Diagnose stellen, um überhaupt ein wirksames Medikament verordnen zu können.

Welche Schwierigkeiten bringt Off-Label-Use mit sich?

Verschreiben Ärz­t:in­nen Arzneimittel off-Label und damit nicht „bestimmungsgemäß“ wie im Beipackzettel beschrieben, haften sie selbst – und nicht wie sonst der pharmazeutische Hersteller. Das könnte ein Grund sein, warum manche Me­di­zi­ne­r:in­nen zurückhaltender sind in solchen Verschreibungen, etwa 13 Prozent aller Verordnungen sind off-Label. Zumal die Dosierung für die Medikamente nicht immer klar ist, die wurde für andere Krankheitsbilder schließlich nie getestet.

Grundsätzlich übernehmen die Krankenkassen keine Kosten – in Einzelfällen können Versicherte aber einen Antrag stellen. Dennoch kann ein Off-Label-Medikament durchaus Kassenleistung werden. Dafür muss eine Expertengruppe seinen Nutzen positiv bewerten. Genau das ist mit den Medikamenten auf der Off-Label-Liste für Long- und Post-Covid passiert. Für die vier Wirkstoffe auf der Liste müssen Ärz­t:in­nen nicht länger unzutreffende Diagnose stellen und können diese einfach auf dem Kassenrezept verschreiben. Damit handelt es sich um eine spezifischere Behandlung von Long Covid als bisher. Zudem haften künftig die Hersteller und Ärz­t:in­nen erhalten konkrete Angaben zur Anwendung, Dosierung und Behandlungsdauer.

Was hält die Off-Label-Liste also für Long- und Post-Covid-Betroffene konkret bereit?

Ivabradin, Agomelatin, Vortioxetin und Metformin – diese vier Medikamente stehen nun auf der Liste. Die ersten drei sollen die häufigsten Symptome lindern, während letzteres präventiven Nutzen hat.

Ivabradin ist eigentlich ein Medikament, das zur Behandlung von Angina pectoris, also Brustenge und Herzschwäche, eingesetzt wird. Off-Label wird es zur Behandlung von Pa­ti­en­t:in­nen verschrieben, die beim Aufstehen einen übermäßigen Anstieg der Herzfrequenz zeigen – sofern Betablocker keine Option sind. Die Expertengruppe stützte ihre Empfehlung auf eine Studie, in der Ivabradin mit Placebo verglichen wurde. 78 Prozent der Pa­ti­en­t:in­nen berichtete über Verbesserung der Symptome ihrer Herzrasen-Episoden. Gegenüber Placebo zeigte der Wirkstoff eine Verringerung der Herzfrequenz im Stehen.

Der zweite Wirkstoff, Agomelatin, soll off-Label bei Erschöpfung helfen, die häufig bei ME/CFS auftreten kann. Regulär ist es zur Behandlung schwerer Depressionen bei Erwachsenen zugelassen. Eine randomisierte Studie zeigte, dass Agomelatin die Erschöpfung und die gesundheitsbezogene Lebensqualität nach 12 Wochen im Vergleich zu Melatonin verbesserte. Nach dem Wechsel von Melatonin zu Agomelatin in der Gruppe zwei nahm die Erschöpfung ebenfalls deutlich ab.

Ebenfalls ein Antidepressivum ist Vorioxetin, zugelassen für Erwachsene. Off-Label kann es zur Behandlung kognitiver Beeinträchtigungen wie verminderter Aufmerksamkeit, Gedächtnisstörungen und depressiver Symptome bei Long- und Post-Covid verschrieben werden. So hat Vorioxetin im direkten Vergleich mit dem Placebo depressive Symptome und in Teilen auch kognitive Effekte verbessern können. Trotzdem bleibt die Frage, ob Betroffene dieses Präparat künftig überhaupt nutzen können, derzeit ist es nicht auf dem deutschen Markt verfügbar.

Und zuallerletzt ist da noch Metformin. Der Wirkstoff verringert bei übergewichtigen Menschen das Risiko, Long Covid zu entwickeln. Dazu sollte das Diabetesmedikament innerhalb von drei Tagen nach Infektion verabreicht werden. Folglich landete auch dieser Wirkstoff, der eigentlich zur Behandlung von Diabetes genutzt wird als Prophylaxe für Erwachsene und Jugendliche ab 16 Jahren auf der Off-Label-Liste.

Die ersten Betroffenen gab es 2020 und bereits 2023 hat der damalige Gesundheitsminister Karl Lauterbach den Plan für die Off-Label-Liste angekündigt. Warum hat das so lange gedauert?

Der deutsche Gesetzgeber kennt grundsätzlich einen Weg, Off-Label-Use als Kassenleistung zu ermöglichen. Diesen hätten sie auch in diesem Fall angewendet, sagt das BfArM auf Anfrage der taz. Und der folgt bürokratischen Prinzipien. Für die Off-Label-Zulassung ließ zunächst eine Expertengruppe am BfArM die Studienlage zu den Wirkstoffen auswerten, die bereits bei Long- und Post-Covid angewendet werden und diskutierte diese mehrmals über zwei Jahre. Weil die Studienlage aber generell dünn ist und der G-BA für die Freigabe eine belastbare Evidenz braucht, waren es wohl deshalb am Ende nur vier Wirkstoffe mit überzeugenden Behandlungsergebnissen. Bis der G-BA letztlich die künftige Kostenübernahme beschloss, vergingen weitere fünf Monate.

Schneller ging das in Österreich, dort gibt es bereits seit Ende 2024 eine Off-Label-Liste. Manche Betroffene kritisieren deshalb, dass das deutsche Verfahren zu restriktiv sei. Doch auch das deutsche Verfahren hat seine Vorteile: Es stellt sicher, dass nur Wirkstoffe mit guter Evidenz erstattet werden – und dass die Haftung bei den Herstellern liegt. In Österreich hingegen übernehmen nur die drei größten Kassen die Kosten, und Ärz­t*in­nen haften weiter für die Verschreibung.

Das sind nicht die einzigen Medikamente, die Long- und Post-Covid-Betroffene off-Label bisher nutzen. Welche Chance gibt es für weitere Wirkstoffe?

Derzeit ist noch nicht bekannt, ob zukünftig auch Kosten für weitere Wirkstoffe übernommen werden. Astrid Weber, Leiterin der Long-Covid-Ambulanz in Koblenz, sagte dem Deutschlandfunk, dass sie es bedauere, dass Low-Dose Naltrexon nicht auf der Liste stehe. Denn das sei ein Medikament, das sie am längsten off-Label einsetze und das dazu noch vergleichsweise teuer sei – 80 bis 90 Euro monatlich müssen Pa­ti­en­t:in­nen selbst bezahlen. Die Entscheidung für dieses Medikament steht noch aus. Der Grund: Derzeit läuft eine kanadische Studie, deren Ergebnisse im Mai 2026 erwartet werden. Schneidet Naltrexon dort gut ab, könnte es ebenfalls auf der Liste landen.

Zumal es weitere Forschung braucht, um die Erkrankung ursächlich zu heilen. Vor allem müssen noch mehr Forschungsmittel in die Identifikation von Krankheitsmechanismen fließen. Immerhin: Bundesforschungsministerin Dorothee Bär hat im Januar die Nationale Dekade gegen Postinfektiöse Erkrankungen gestartet, 500 Millionen Euro über zehn Jahre stellt das Bundesforschungsministerium zur Verfügung. Bis gezielt neue Medikamente entwickelt werden, kann das aber mitunter 10 bis 15 Jahre dauern. Viele Unternehmen neigen daher dazu, bereits vorhandene Medikamente gegen postinfektiöse Krankheiten zu testen.

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