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LNG-ImporteEuropas Kampf ums Flüssiggas

Sanktionen sollen Russland schaden, aber sein Flüssiggas wird in Rekordmengen gekauft. Denn Europas Reserven sind im Winter dramatisch gesunken.

Nicht nur zum Kochen braucht man in Europa Gas. Weil die Speicher recht leer sind, kaufen EU-Firmen russisches LNG-Gas Foto: imago

Es war ein Wettlauf gegen die Zeit: Bis am 25. April die EU-Sanktionen zum Kauf von verflüssigtem Erdgas (LNG) aus Russland an sogenannten Spotmärkten in Kraft traten, haben Unternehmen aus Staaten der Europäischen Union seit Jahresbeginn so viel russisches Flüssiggas gekauft wie nie. Die Gründe: Die anhaltende Sperrung der Meeresenge von Hormus hat ein Fünftel der weltweiten Flüssiggasmengen vom Markt genommen und erste Futures – Handelsoptionen für LNG-Lieferungen im kommenden Winter – werden bereits zu Preisen gehandelt, die doppelt so hoch sind wie die schon jetzt wegen des Gasmangels aufgrund des Irankriegs stark gestiegenen Preise.

Die russischen LNG-Exporte nach Europa sind von Januar bis April um 20,8 Prozent gegenüber den ersten vier Monaten des Vorjahrs gestiegen. Stärker als die gesamten Ausfuhren von Flüssiggas aus Russland, die um 8,6 Prozent auf 11,4 Millionen Tonnen wuchsen. Das belegen die Zahlen des Londoner Börsen- und Datenkonzerns LSEG.

Grund für den überdeutlichen Anstieg der Lieferungen nach Europa ist vor allem, dass seit Februar alle Ladungen von LNG vom Flüssiggasterminal der Halbinsel Yamal auf Spezialtankern in europäischen Häfen angelandet wurden. Mit 6,7 Millionen Tonnen kamen nach der taz vorliegenden Berechnungen der Umweltschutzorganisation urgewald so viele russische Flüssiggasliefererungen von Yamal LNG wie noch nie in vier Monaten in der EU an, seit der russische Herrscher Wladimir Putin 2017 persönlich den ersten Flüssiggastanker im Hohen Norden in See stechen ließ. 3,9 Milliarden Euro bekam Russland dafür.

Yamal LNG gehört mehrheitlich der russischen Novatek, wo mit Gennadi Timtschenko ein enger Vertrauter Putins aus seinen Tagen als St. Petersburger Vizebürgermeister in den 1990er Jahren das Sagen hat. Der französische Energiekonzern Total hält 20 Prozent, chinesische Investoren weitere 30 Prozent der Anteile. Der Großteil der Lieferungen wird über Langfristverträge an Total geliefert sowie unter anderem an die chinesische PetroChina und den niederländisch-britischen Shell-Konzern. Überschüssige Exportmengen werden auf sogenannten Spotmärkten verkauft.

Schiffe werden nach Japan umgeleitet

Diese frei handelbaren Kontrakte nutzen US-Exporteure ausschließlich. Das hat wegen der Krise der Öl- und Gasmärkte seit der Schließung der Straße von Hormus dazu geführt, dass eigentlich für Europa bestimmte Lieferungen nach Japan umgeleitet werden, der Gasmangel noch größer ist und deswegen noch mehr gezahlt wird. Seit dem 25. April dürfen europäische Firmen keine russischen Spotmarktlieferungen mehr kaufen. Von 1. Januar 2027 an darf gar kein russisches LNG mehr in die EU importiert werden, ab Oktober 2027 auch kein russisches Pipelinegas mehr.

Dies führt dazu, so zeigen die der taz vorliegenden Daten, dass aktuell so viel russisches LNG gekauft wird wie möglich. Politisch könnte die EU, wenn sie wollte, Russlands LNG-Exporte weitgehend zum Erliegen bringen und damit Moskaus Kriegskasse Milliarden entziehen. Davon ist Sebastian Rötters von urgewald überzeugt: „Russland hat ein massives Logistikproblem und mit Mut könnte die EU das russische LNG-Geschäft stoppen“, sagte er der taz.

Hauptabnehmerländer für LNG aus Russland sind laut der Kiev School of Economics: Frankreich, China, Spanien, Belgien (wo vom Terminal Zeebrugge aus aber große Mengen ins deutsche Pipelinenetz eingespeist werden), Japan, Südkorea und die Niederlande. Zudem hängen Russlands Lieferungen zu einem großen Teil von packeistauglichen LNG-Tankern der Reedereien Seapeak Maritime Glasgow aus England und die griechische Dynagas ab.

Für den nach Deutschland geflohenen russischen Umweltaktivisten und Träger des alternativen Nobelpreises, Wladimir Sliwjak, ist das ein Skandal: „Anstatt Russland diese Einnahmequelle abzuschneiden und Putin damit enorme Probleme zu bereiten, importiert die EU Rekordmengen an Flüssigerdgas aus Yamal“, sagte er. „Wenn Europa will, dass dieser schreckliche Krieg schneller endet, sollte es die ukrainischen Bemühungen unterstützen, Russlands Haupteinnahmequellen so schnell wie möglich zu unterbinden.“ Aus Yamal kommen fast zwei Drittel der russischen LNG-Ausfuhren.

Future-Preise verdoppelt

Aber Europa hat ein anderes großes Problem: Nach dem relativ harten Winter sind die Füllstände der europäischen Gasspeicher auf dem niedrigsten Stand seit 2022, als Putin im Vorfeld der Vollinvasion auf die Ukraine russische Gaslieferungen gestoppt hatte. Und die Preise für Futures, also Lieferungen ab kommendem Oktober, haben sich laut Bloomberg-Daten zeitweise verdoppelt.

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4 Kommentare

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  • Wer Statistike liest versteht das wir hier ein grundlegendes Problem haben,

    Nachgewiesene Gasreserven nach Ländern in Prozent:



    (Absteigend)



    Russland: ca. 24%



    Iran: ca. 17%



    Katar: ca. 12%



    USA: ca. 5%

    Die Gesetzte der Logik und die Realität aus Geologie und Geographie machen es sehr schwer Erdgas zu kaufen und gleichzeitig in Konflikten mit Russland und dem Iran zu stehen.

    Denn die beiden haben gut 40% der Weltreserven.

    Bedenkt man das Katar für LNG-Exporte durch Iranischen Hoheitsgewässer in der Straße von Hormus fahren muss sind über 50% der Weltreserven von Russland und Iran abhängig.

    • @Jörg Heinrich:

      Danke für diese Info! Nur gut, dass wir eine so weit vorausschauende Wirtschaftslobbyistin haben und einen Kanzler, die uns dazu zwingen weiter von dieser Energiequelle abhängig zu sein. Ach wäre es doch schön, gäbe es Sonne Wind und Wasser als Energiequelle - kostenlos und unverbaubar....

      • @Perkele:

        Es gibt in einer modernen und damit immer auch anteilig globalisierte Ökonomie keine "Unabhängigkeit".

        Selbst das Land welche auf der Welt am meisten Anstrenungen zur totalen Unabhängigkeit von Ausland unternommen hat -- Nord-Korea-- hat dieses Ziel nicht erreicht.

        Anmerken möchte ich noch das eingien wichtige Fakten btr Klimaschutz und Energiewende ständig ausgeblendet werden -- was zu falschen Schlussfolgerungen führt.

        1.) Gemessen am heutigen technischen Stand und dem der nähren Zukunft wird 100% Erneurbare einfach nicht umsetzbar sein.



        Alleine schon weil die nötige Speichertechnik nicht existiert.



        Alleinen nur der "Strombedarf" eines Tages sind 1,4 TWh das sind 20 Millionen größere E-PKW Akkus.

        2.) Das gerade Erdgas eine wichtige Brückentechnik ist,



        denn die Emssionen eines Gaskraftwerkts sind nur 1/3 derer eines Kohlekraftwerkts.

        3.) Das Akkuspeicher für die Energiewende wichtig sind, um das Netz zu stabiliseren und den Anteil "Erneeurbarer" zu erhöhen.

        4.) Das Energiewende mehr Abhängigkeit vom Ausland bedeutet nicht weniger.



        Erdgas anstelle heimischer Braunkohle und mehr Akkus aus China für weniger Fossile insgesamt.

        Das ist die Realität.

      • @Perkele:

        Der aktuelle Wissens-Stand ist oft schon wieder im Prozess der Entwicklung u. dabei durchaus auch mit überraschenden Fakten:



        Oktober 2023 b.n fr.de



        "Neues Gas-Feld in EU-Land entdeckt: Kann sich Europa von Putin unabhängig machen?"



        Weiter dort:



        "September 2025, dass „beträchtliche Mengen“ an Erdgas gefunden wurden, nachdem Präsident Nikos Christodoulides zuvor während der „high-level week“ der Vereinten Nationen in New York, Ende September 2025, bekannt gegeben hatte, dass etwa 226 bis 255 Milliarden Kubikmeter entdeckt wurden.



        Die Entdeckung reiht sich in eine Serie bedeutender Offshore-Funde ein, die Zypern seit 2011 gemacht hat. ExxonMobil und QatarEnergy haben bereits mehrere Gasfunde in der ausschließlichen Wirtschaftszone Zyperns gemacht. Dazu zählen laut Zyperns Energieministerium das Glaucus-Feld mit geschätzten 104,6 Milliarden Kubikmeter Gas und das neue Pegasus-Feld, bei dem laut Egypt Oil&Gas bei Bohrungen Anfang Juli 2025 in 1,9 Kilometern Tiefe ein 350 Meter tiefes Gasreservoir identifiziert wurde."



        Dass die Kriegsmaschinerie Putins durch LNG finanziert wird, ist mehr als grotesk.



        Verträge werden immer ins Feld geführt, es dürfte sich um rein ökon. Interessen handeln!