Kunstfestival in Wilhelmsburg: „Wenn ich singe, ist das politisch“
Mit „The Art of Resistance“ findet in Hamburg ein iranisch-afghanisches Kunstfestival statt. Dabei geht es auch um Solidarität über Grenzen hinweg.
taz: Was verstehen Sie unter „Kunst des Widerstands“?
Atena Eshtiaghi: Ich glaube, es gibt keine Unterscheidung zwischen Kunst und Politik. In Iran ist es Frauen verboten, in der Öffentlichkeit zu singen. Wenn ich also singe, ist das politisch. Auch Tanzen ist verboten und damit ein Akt des Widerstands. Das spüre ich in Hamburg, wo ich die Freiheit sehe und auch die Hoffnung, mit der wir zusammen wachsen können.
taz: Wie erleben Sie die Kunstszene der iranischen Diaspora in Hamburg oder in Deutschland?
Eshtiaghi: Als ich hierherkam, habe ich nach der Szene gesucht und nichts gefunden, obwohl viele iranische Künstlerinnen und Künstler seit Jahren in Hamburg aktiv sind. Aber es gab keinen Platz, an dem wir zusammenkommen konnten, also überlegten wir, ob wir mit dem Hastam-Festival einmal im Jahr eine Szene schaffen könnten. So können wir die neue Generation der Diaspora-Künstlerinnen und -Künstler zeigen, die in Musik, Film und Tanz arbeiten und unsere Geschichten mit den Menschen in Hamburg teilen.
taz: Wie beeinflusst der Krieg in Iran Künstlerinnen und Künstler in der Diaspora?
Eshtiaghi: Es war schwierig. Vom Krieg sind alle betroffen. Als in Iran das Internet abgeschaltet wurde, hatte man keine Verbindung mehr zur Familie. Wir haben online gesucht, wo bombardiert wurde. Mit dem Hastam-Festival wollen wir an die erinnern, die wir während des Krieges und der Demonstrationen im Januar verloren haben. In zwei Tagen hat die Islamische Republik Iran Tausende Demonstrierende getötet, darunter meinen Freund. Eines der wichtigsten Themen für uns ist, wie wir die Hoffnung bewahren, für die wir jeden Tag kämpfen. Wir widmen ihnen ein Lied und führen es in Solidarität mit ihnen auf, und auch mit denen, die vom Krieg in Afghanistan betroffen sind.
taz: Welche Verbindungen gibt es zwischen der afghanischen und der iranischen Gemeinschaft?
Eshtiaghi: Es gibt meistens eine Mauer zwischen ihnen, die wir einreißen wollen. Es gibt nur zwei Länder, in denen Frauen öffentlich nicht singen dürfen: Iran und Afghanistan. Als Musikerin denke ich: Wie kann ich weiterarbeiten, ohne an sie zu denken? Wir kennen viele iranische und afghanische Künstlerinnen und Künstler, die zusammenarbeiten. Diese Verbundenheit macht uns stärker. Nach dem Krieg hat die Islamische Republik Millionen afghanischer Geflüchteter zu den Taliban zurückgeschickt. Wenn sie das tut, heißt das nicht, dass die Menschen in Iran die Afghaninnen und Afghanen nicht mögen. Es gibt einen Unterschied zwischen der Islamischen Republik, ihren Regeln und Taten und den normalen Menschen.
taz: Was passiert auf dem Festival?
Eshtiaghi: Es gibt auch einen Musikpreis mit Open Call. Wir haben internationale, iranische und afghanische Komponistinnen und Komponisten gebeten, ein Stück für Klavier zu komponieren. So geben wir Menschen, die im Land leben, die Möglichkeit, Musik zu machen. Zur Eröffnung spielen wir das Gewinnerstück. So hört man die Stimme der Menschen in Iran durch die Künstlerinnen und Künstler in Hamburg. Jede und jeder hat eine einzigartige Geschichte zu erzählen und eine eigene Art, Kunst zu machen. Das Festival ist etwa zur Hälfte iranisch, zur Hälfte afghanisch. Uns ist wichtig, diese Geschichten mit der Hamburger Szene zu teilen. Denn in unseren Geschichten und in denen anderer finden wir uns selbst wieder.
Hastam-Festival, The Art of Resistance 2026 Edition: In Focus Afghanistan, 4. bis 6. September, Bürgerhaus Wilhelmsburg
taz: Wofür steht „Just because I am“ im Titel?
Eshtiaghi: „Hastam“ bedeutet „Ich bin“ oder „Ich existiere“. Und ich glaube, dass die Menschen, die ich aus der Kunstszene kenne, mit iranischen und jetzt afghanischen Wurzeln, wie ein Samenkorn wachsen. Das ist eine der Hoffnungen, die wir heute haben: dass wir existieren und einander finden, um weiterzumachen.
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