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Iranische Künstlerin Aynaz Najafi„Die Mullahs traten an die Stelle von Holofernes“

Die iranische Malerin Aynaz Najafi wird im Kunstverein Ruhr ausgestellt. Sie spricht über die Entwicklung ihrer Bildsprache und die Bedrohung im Exil.

Interview von

Radek Krolczyk

taz: Frau Najafi, einige Ihrer Bilder werden momentan im Kunstverein Ruhr in Essen gezeigt. Der Titel der Gruppenausstellung im Kunstverein Ruhr heißt „Summer of a Revolution“. Wie blicken Sie auf diesen Titel angesichts der Situation in Iran?

Aynaz Najafi: Es ist ein starker Titel – er macht denjenigen Mut, die für einen Regimewechsel in Iran kämpfen. Gleichzeitig stimmt er angesichts der zerschlagenen Januarrevolution traurig. Auch der anschließende Krieg weckte Erwartungen, die erneut enttäuscht wurden. Bezogen auf die Situation in Iran ist der Titel ambivalent. Er steht sowohl für Hoffnung als auch für Enttäuschung.

taz: Wie verhält sich der Titel zu Ihren Bildern?

Die Ausstellung

„Summer of a Revolution“. Kunstverein Ruhr, Essen, bis 20. September

Najafi: Sie finden sich darin wieder, gerade in diesem Widerspruch. In der Essener Ausstellung hängt zentral ein größeres Bild, das ich in diesem Jahr nach der Niederschlagung der Proteste gemalt habe. Im Vordergrund sehen wir zwei selbstbewusste, nackte Frauen, die das islamische Regime besiegt haben und den abgetrennten Kopf des Ajatollahs auf einen Speer gespießt präsentieren. Um sie herum spielen sich traurige Szenen ab. Man sieht die Opfer des islamischen Regimes: Menschen, die trauernd neben Leichensäcken kauern, andere, die an Stricken um ihren Hals aufgehängt wurden.

taz: Das große Setting ist in strahlenden Farben gemalt, dann sieht man kleine, schwarz-weiße Zeichnungen, die wie hineingeklebte Fotografien aussehen.

Najafi: Bunte Traumbilder stehen den grauen Bildern der Wirklichkeit entgegen. Ich habe die Dokumentarfotos, die nach dem Massaker entstanden sind, mit dem Zeichenstift übertragen. Meine Bilder stehen in vielerlei Hinsicht unter dem Einfluss alter persischer Miniaturmalerei.

taz: Was hat es mit diesen Miniaturen auf sich?

Najafi: Ihre Tradition reicht bis ins 16. Jahrhundert zurück. Man nutzte sie, um Mythen oder Geschichten persischer Könige zu erzählen. Nur selten verwendete man die Miniaturform für religiöse Erzählungen. Immer wieder werden in islamischen Gesellschaften bildende und darstellende Künste verboten. Es ist eine Religion der Schrift, nicht des Bildes. Wenn gemalt wird, dann meist abstrakt und dekorativ.

taz: Die figürliche Miniaturmalerei hat sich nach der islamischen Eroberung des persischen Reiches entwickelt?

Najafi: Die persische Gesellschaft war stets dynamisch und keineswegs monolithisch, wie die islamische Republik behauptet, die ja selbst gerade mal seit knapp 50 Jahren besteht. Bleiben wir bei der Miniaturmalerei des 16. Jahrhunderts, so finden sich in den privaten Sammlungen des Landes sogar Darstellungen nackter Frauen.

taz: Auf welche Weise haben Sie zu Ihrem Malstil gefunden?

Najafi: Es war ein langwieriger Prozess. Als ich noch in Iran lebte, habe ich mir Ästhetik und Technik der Miniaturmalerei angeeignet. Von einem Meister dieser Disziplin bekam ich Privatunterricht. Ich habe dann versucht, diese Malweise zu aktualisieren. Eines meiner frühen Bilder zeigt die Steinigung einer Frau. Ich habe Fotos gesehen, auf denen eine Frau, die vielleicht Ehebruch begangen hat, bis auf den Kopf eingegraben und dann von um sie herum stehenden Männern mit Steinen zu Tode beworfen wurde. Seit vierzig Jahren wird diese Strafe offiziell nicht mehr angewandt, man hat andere Mittel gefunden. Diese Fotos zu sehen, haben mir weh getan. Ich wollte die narrative Form der persischen Miniatur dazu verwenden, um vom Leiden, aber auch vom Kampf der iranischen Frauen zu erzählen. Meist habe ich zu dieser Zeit symbolisch verschlüsselte Szenen gemalt. Eine Frau, auf die ein Gewehr gerichtet ist, hätte ich nicht malen können. Die Kritik am patriarchalen Staat wäre eindeutig gewesen, und ich wäre möglicherweise verhaftet worden. Also musste ich mir etwas anderes einfallen lassen. So habe ich beispielsweise eine Frau gemalt, die über einer Flamme in kochendem Wasser saß.

Im Interview: Aynaz Najafi

Aynaz Najafi wurde 1992 in Isfahan, in Iran geboren. Sie hat einen Master in Geschichte des antiken Iran. Sie studierte anschließend persische Miniaturmalerei und entwickelte daraus ihren Stil. Seit 2022 lebt sie in Rom und studierte an der Akademie der Schönen Künste Brera in Mailand.

taz: Wie veränderte sich Ihre Malerei mit der Ankunft in Italien?

Najafi: Es war das Jahr, in dem Mahsa Amini aufgrund eines unordentlich gebundenen Kopftuches verhaftet und auf der Polizeiwache ermordet wurde. Es folgten unter dem Ruf „Frau, Leben, Freiheit“ landesweite Proteste und ihre brutale Niederschlagung. Meine Bildsprache ist direkter geworden. Neben der Freiheit, mich künstlerisch auszudrücken, kam neues Wissen hinzu. In den italienischen Museen entdeckte ich die Malerei der Renaissance und des Barock. Ich war begeistert von den Bildern Artemisia Gentileschis. Ihre Darstellung der Enthauptung des assyrischen Kriegsherren Holofernes durch Judith, eine junge Israelitin, habe ich in einem meiner Bilder übernommen. Es erschien mir sinnbildlich für die nötige Wehr gegen ein System patriarchaler Gewalt. In meinen Bildern traten später an die Stelle Holofernes' die Mullahs.

taz: Sie haben persische Miniatur- mit italienischer Renaissancemalerei zusammengebracht?

Najafi: Es erschien mir schlüssig zu sein. Beispielsweise habe ich eine Pietà nach Botticelli gemalt. Die Mutter hält ihren toten Sohn im Arm, aber umstellt von Gewehren. Ich habe ihnen sogar nach Art christlicher Ikonen aus Blattgold einen Heiligenschein aufgesetzt, aber das Kleid der Mutter und den Torbogen über ihnen mit persischen Mustern verziert.

taz: Welche Merkmale der persischen Miniaturmalerei finden sich hier neben den Verzierungen?

Najafi: Für meine Bilder verwende ich keine Leinwände oder Holztafeln, sondern festes, faserreiches Papier. Die Hintergründe male ich transparent, mit Aquarell, die dichten Flächen der Körper mit Gouache. Zusätzlich verstärke ich die Figuren mit einer schwarzen Konturzeichnung. Außerdem male ich nicht perspektivisch, was in der Malerei der Renaissance, der das Motiv Botticellis entstammt, enorm wichtig ist.

taz: Wird so ein universelles Bild daraus?

Najafi: Nicht nur die Motive, auch die Mittel sind in gewissem Sinne universell. Die flachen, perspektivlosen Figuren findet man so auch in der Altarmalerei des europäischen Mittelalters. Ohne ihre Perspektive werden die Szenen naiv und direkt.

taz: Wie kommen Ihre Bilder außerhalb Irans an?

Najafi: Ich habe Ausstellungen in Galerien in Italien, aber auch in den USA. Meine Bilder werden gekauft und ich kann davon leben. Das war in Iran anders. Selbst meine symbolischen Bilder konnte ich nicht ausstellen und sie nur heimlich verkaufen. Beispielsweise an Touristen, die sie vorher in meinem Instagram-Account gesehen haben. Aber es gibt auch Rückschläge: Vor einiger Zeit ist mein Account gesperrt worden und ich habe einige Tausend Follower verloren. Für meine Sichtbarkeit war er enorm wichtig. Wahrscheinlich haben mich sehr viele Leute gemeldet. Jedenfalls bekomme ich über Social Media immer wieder von regimetreuen Iranern Hassnachrichten und Morddrohungen. Die gibt es auch in Italien. Man schrieb mir, man würde mich auch in Rom finden. Was ich nicht verstehe, ist die Unterstützung des iranischen Regimes durch die italienische Linke. Leute, die sich für progressiv halten, gehen für diese Schlächter auf die Straße und verklären sie zu antiimperialistischen Heroen. Man kann sich hier in Europa kaum vorstellen, welches Leid dieses Regime der iranischen Bevölkerung zufügt.

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