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Kunst der WocheDer Fluss von Ding, Mensch und Schakal

Nika Kutateladze löst in der Galerie Molitor menschliche Gesichter auf, Stephanie Comilang begibt sich bei ChertLüdde auf die Suche nach Perlen.

M an könnte in der Galerie Molitor an Picassos Blaue Periode denken. Wie der georgische Künstler Nika Kutateladze dort in seiner Porträtreihe jedes der Gesichter mit schwarzem Umriss stets aus einem blau-grauen Grund hervorkommen lässt, als stammten sie aus diesem entrückten, melancholischen Raum, den auch der Altmeister Pablo Ruiz Picasso in seinen blauen Jahren von 1901 bis 1904 auf die Leinwand bannte.

Doch nur ein bisschen Picasso, denn Kutateladze bringt seine blassen Konterfeis in derart feinen Farbschichten auf Holzgrund, da kommt einem eher die spätmittelalterliche Malerei in den Sinn. Und so eine Dracula-hafte Blutarmut mit eingefallenen Wangen und tiefen Augenhöhlen hätte vielleicht auch der Münchener Symbolist Franz von Stuck seinen Figuren um 1890 herum so verpasst.

Kutateladzes Malerei ist also ziemlich aus der Zeit gefallen. Ohnehin fällt und zerfällt hier alles. Die Gesichter lösen sich auf, Konturen verschwinden, die Umrisse eines zähnefletschenden Schakals mischen sich dazwischen. Ein schauriges, anonymes vieläugiges Kaleidoskop aus Mensch und Tier schält sich aus den Malereien heraus.

Die Ausstellungen

Galerie Molitor: Nika Kutateladze. „Acacia Bloom“. Kurfürstenstr. 143, Mi. – Sa. 11 – 18 Uhr, bis 7. November

ChertLüdde: Stephanie Comilang. „Search for Life“. Hauptstr. 18, Di. – Sa. 12-18 Uhr, bis 31. Oktober

Kutateladzes Studien über menschliche Auflösungsprozesse fußen auf seinen Beobachtungen aus einem georgischen Bergdorf, dessen Bewohner sich zunehmend von der Außenwelt abschotten. Wie sich Menschen in der Isolation wandeln, ist auch ein klassisches Motiv der Literaturgeschichte, denkt man etwa an Sartres „Geschlossene Gesellschaft“ oder an Marquez’ „Hundert Jahre Einsamkeit“. Kutateladze hat dieses nun auf sehr eigene Weise in die Malerei übersetzt.

Stephanie Comilangs Fluss der Perlen

In der Galerie CherLüdde könnte man sich einfach berieseln lassen von den ästhetischen Bildern und Klängen aus Stephanie Comilangs immersiver Videoinstallation „Search for Life“. Doch der existenzielle Titel macht skeptisch. Man sieht vornehmlich Schönes: Große Bildflächen aus zusammengeknüpften Perlenketten hängen von der Decke, darin sind etwa eine Seeschlange im Meerwasser oder das Gesicht einer jungen Frau eingearbeitet. Zwischendurch ertönt ihr glasklarer Gesang aus den Soundboxen.

Dazu laufen zwei Videoprojektionen. Bewegt- und Standbilder überlagern sich, wie sich in dieser Ausstellung auch die Geschichten überlagern. Es geht um den Handel mit Perlmutt, um die philippinischen Perlentaucher, die unter Lebensgefahr die Muscheln per Hand auflesen, um die massenhafte Verarbeitung der Schalentiere. Beeindruckend sind Aufnahmen, auf denen Tausenden Muscheln die Perlen aus dem gallertartigen Fleisch geschnitten werden. Es geht um den Arabischen Golf als Epizentrum der weltweiten Perlmutthandels und um Migration von Menschen und Objekten. Nicht zuletzt handelt „Search for Life“ auch von einer digitalen Bildwelt, die diesen Fluss der Dinge begleitet und manchmal ins Fantastische verzerrt.

Sophie Jung Kunstredakteurin

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