Kunst der Woche: Die Mieten waren klein, die Lust am Experiment total
In der Ausstellung Next Door im Hamburger Bahnhof und in The Appearance of Value in der Galerie Hafen geht es um Natur, Technik und den Wert der Kunst.
Foto: Hafen
T omás Saraceno beeindruckt am meisten in der Ausstellung „Next Door“ im Hamburger Bahnhof. Wegen der Angst vor Spinnen? Immerhin spielt der Künstler im Titel seiner Installation „From Arachnophobia to Arachnophilia“ darauf an. Doch es ist vor allem die Ästhetik des gewaltigen Spinnennetzes, das Saraceno in einem Glaskubus gezüchtet und dramatisch ausgeleuchtet hat, die in den Bann zieht.
Nicht sentimentale Zuneigung, sondern der Versuch, die Welt jenseits menschlicher Maßstäbe wahrzunehmen, zeichnet Arachnophilia aus, die 2018 von Tomás Saraceno gegründete Gemeinschaft von internationalen Wissenschaftlern, Künstlerinnen, Musikern, Ingenieurinnen und Architekten.
„Next Door“ blickt auf die 2000er Jahre zurück, als fünf Künstler in einer riesigen Lagerhalle hinter den Hamburger Bahnhof Studios Tür an Tür bezogen: Thomas Demand, Tacita Dean, Olafur Eliasson, Henrik Håkansson und Tomás Saraceno. Die Mieten waren klein, die Freiräume groß und die Lust am Experiment total. Der Erfolg setzte schnell ein.
Die Ausstellungen
Hamburger Bahnhof „Next Door. Tacita Dean, Thomas Demand, Olafur Eliasson, Henrik Håkansson, Tomás Saraceno“. Invalidenstr. 50, Di, Mi, Fr 10-18 Uhr, Do 10-20 Uhr, Sa, So 11-18 Uhr, bis 27. Juni 2027
Hafen „The Appearance of Value“, Lazar Stojic, Bogdan Djukanović. Belziger Str. 72, Do, Fr 13-18 Uhr, Sa 11-16 Uhr, bis 24. Oktober
Wohin haben diese Experimente bis heute geführt, fragt nun „Next Door“. Thomas Demand blickt mit „Lichtung/Clearing“ noch einmal darauf zurück, wie es anfing. Schön, die 2003 erstmals in Venedig gezeigte, aus 270.000 einzelnen papiernen Laubblättern montierte Waldlichtung wieder in Großformat zu sehen.
Ein Schmetterling in Zeitlupe
Olafur Eliasson arbeite damals an „The Weather Project“ für die Turbine Hall der Tate Modern in London, wo dann 2011 Tacita Deans „FILM“ lief. Jetzt zeigt ihre Filminstallation „Hand On“, wie Bruce Nauman eine Hand in die Schablone der anderen einpassen will. Links und rechts kommen aber nicht zur Deckung. Sollten sich politisch interessierte Kreise hierzulande merken. Eliasson verführt mit Licht, Ton und Spiegeln. Henrik Håkansson hat einen Schmetterling in extremster Zeitlupe gefilmt, was extrem wissenschaftlich, zugleich auch sehr poetisch ausschaut. Man sollte „Next Door“ nicht versäumen.
Auch bei Hafen stößt man auf den Schmetterling. Lazar Stojić, 1998 in Belgrad geboren, hat zwei Autotüren so zueinander gehängt, dass er sie als „Iridium Silver Butterfly“ identifiziert. Stojić bestreitet mit Bogdan Djukanović die Ausstellung „The Appearance of Value“. Der Titel erklärt auch, warum die „Chandelier III-V“ des 1996 im serbischen Aranđelovac geborenen Künstlers den Raum erhellten, aber nicht erleuchten. Das Kristallglas ist durch weiß lackierte Nüsse und getrocknete Früchte ersetzt. Wert ist eben oft mehr Schein als Sein. Was nichts über das Naturmaterial besagt, zumal es jetzt Kunst ist, was es wertvoller machen sollte.
Die Galerie Hafen, die durch die exquisite alte Holzrahmung ihrer Schaufenster in der Belzigerstraße auffällt, ist neu. Der Galerist Kwanghyun Kim hat in Dresden an der Akademie studiert und dürfte reichlich Kontakte zu jungen aufstrebenden Künstler:innen haben. Das weckt doch große Erwartungen.
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