Die Kunst der Woche: Schönheit und Geduld
Zwei aktuelle Ausstellungen kombinieren Fotografien und Gemälde. Gegen die Hundertstelsekunden der Kamera stehen die langen Stunden der Malerei.
Foto: Werkstattgalerie e. V.
W enige Schritte von der Kyiv Biennale in den Kunst-Werken entfernt ist die Ukraine ebenfalls Thema: Der Kunstverein Werkstattgalerie am Koppenplatz in Mitte zeigt den Dialog zwischen dem ukrainischen Fotografen und Konzeptkünstler Boris Mikhailov und der abstrakten Malerin Ingeborg zu Schleswig-Holstein.
Die in strengem Raster nebeneinander gesetzten Bilder – auf Alu-Dibond gedruckte Schwarz-Weiß-Fotografien wechseln mit Farbschüttungen – führen schnell zum Thema: die Gewaltgeschichte der Ukraine im 20. Jahrhundert. Ein ikonisches Motiv Mikhailovs, der britische Panzer Mark V, ist ein Ungetüm aus dem Ersten Weltkrieg, später von der Weißen Armee im russischen Bürgerkrieg genutzt. Die siegreichen Sowjets übergaben die Trophäe 1938 an die Stadt Charkiw.
Die Malerin ergänzt Mikhailovs Bilder der Gewalt mit schweflig-giftigem Gelb und einem entschiedenen Pink, das jeden Gedanken an Blut verbietet. Sie antwortet mit Schönheit.
Interessanterweise ist man verführt in Schleswig-Holsteins Farbauftrag, dessen je verschiedene Gestalt selbst fließend, autonom entsteht, eine Warburg’sche Pathosformel und demnach eine affektgeladene Geste zu sehen. Birgt Schönheit affektive Energie?
Boris Mikhailov und Ingeborg zu Schleswig-Holstein: „… und ihr werdet stille sein“, Koppenplatz 5, Montag-Samstag 13–20 Uhr, bis 29. Juni
Megan Francis Sullivan: „Pastoral“, schon, Schreinerstraße 16, Laden links, Freitags 16–19 Uhr, bis 31. Juli
Schallgeschwindigkeit und Geduld
Flog man mit der Concorde – wie einst Phil Collins, der am selben Tag, dem 13. Juli 1985, auf den Live-Aid-Konzerten in London und in Philadelphia auftrat –, dann kam man, wie Collins launig anmerkte, früher in New York an, als man in London aus dem Haus gegangen war. Zumindest laut Ortszeit.
„Concorde“ heißt ein 1997 erschienenes Fotobuch von Wolfgang Tillmans. Obwohl der Flugbetrieb des Überschallpassagierflugzeugs 2003 eingestellt wurde, wird der Band stetig neu aufgelegt, zuletzt 2024 und 2025. Die interessanteste Neuauflage aber dürfte die von Megan Francis Sullivan im Projektraum „schon“ sein. Dabei handelt es sich allerdings um Malerei.
Im Format 16 × 24 Zentimeter hat Sullivan auf Alu-Dibond zwölf Seiten aus Tillmans „Concorde“ malerisch reproduziert, und zwar in der Form eines Diptychons. Dem Layout des Fotobuchs folgend, zeigt die linke Tafel das leere weiße Blatt während die rechte Tafel ihre malerische Version der Fotoseite zeigt. In dieser mit großer Sorgfalt und stupendem Können ausgeführte Replik wird unumgänglich das Thema Zeit zentral. Gegen die doppelte Schallgeschwindigkeit der Concorde und die Hundertstelsekunden der Fotografie stehen die geduldigen Stunden der Malerei. Noch hat sie Bestand.
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