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Kulturwissenschaftlerin über Parolen„Rechte sind gut darin, linke Schlagwörter zu klauen“

Parolen prägen politische Bewegungen. Kulturwissenschaftlerin Daphne Weber über die Probleme der Linken, sich mit Parolen Gehör zu verschaffen.

Rechte Aneignung: Anti-CSD-Demonstranten am 5. Juli 2025 im brandenburgischen Falkensee Foto: Christoph Soeder/picture alliance/dpa

Interview von

Giosue Tolu

taz: Frau Weber, welche aktuelle Parole hat sich Ihnen eingeprägt?

Weber: Bei den Schulstreiks gegen die Wehrpflicht hört man zum Beispiel: „Streik in der Schule, Streik in der Fabrik – das ist unsere Antwort auf eure Politik!“ Wir können uns Dinge besser merken, wenn sie gereimt sind. Eine Parole darf aber auch nicht zu lang sein.

taz: Was macht denn eine erfolgreiche Parole noch aus?

Weber: Dass sie sich zum Beispiel weit verbreitet. In dem Sinne ist „Wir sind das Volk“ eine sehr erfolgreiche Parole. Sie wabert schon seit Jahrzehnten umher und wird immer wieder in neuen politischen Kontexten angeeignet: erst 1989 in der Friedlichen Revolution, dann bei den Protesten gegen Hartz IV 2004 und später bei Pegida. Wegen des Volksbegriffs lässt sie sich gut von rechts vereinnahmen.

taz: Hat diese Aneignung System?

Weber: Die Rechten sind sehr gut darin, den Linken ihre Schlagwörter zu klauen und sie für sich zu verwenden. Ob Freiheit, Frieden oder Demokratie – das sind eigentlich linke Schlagwörter, die sich Rechte angeeignet haben. Auch Heimat ist ein Begriff, der von rechts ganz aktiv bewirtschaftet wird. Das finde ich schlimm. Den könnte man nämlich auch aus einer solidarischen Perspektive besetzen.

taz: Stichwort solidarisch – ist „Hoch die internationale Solidarität“ nicht viel zu abstrakt?

Bild: Svenja Heinrichs
Im Interview: Daphne Weber

geboren 1995, ist Kulturwissenschaftlerin. Sie promovierte an der Humboldt-Universität zu Berlin und forscht zu politischer Kommunikation, Kultur und Ästhetik. Bis 2024 war sie im Bundesvorstand der Linkspartei.

Weber: Ja, total. Auch wenn das ein wichtiger Gedanke ist, frage ich mich, ob man das überhaupt noch versteht. Der Begriff Solidarität bräuchte eigentlich ein Update.

taz: Warum tun sich Linke heute so schwer mit neuen Parolen?

Weber: Progressive Kräfte haben ein Problem, weil sie oft nur reagieren, etwa auf den Rechtsruck. Aber wofür treten sie eigentlich ein? Was ist die Gesellschaftsvision? Es fehlt das positive Schlagwort, das nach vorne weist und unter dem sich viele Leute sammeln können.

taz: Wie könnte das aussehen?

Weber: Wenn ich das wüsste, würde ich mich bei der SPD melden und sagen: Guckt mal, so kommt ihr aus dem Umfragetief raus.

Vortrag und Diskussion

„Politik der Parole“ mit Daphne Weber, Mo., 30.3., 18:30 Uhr, Staats- und Universitäts­bibliothek Hamburg, Von-Melle-Park 3, Teilnahme kostenfrei

taz: Gibt es keine positiven Beispiele?

Weber: Als Olaf Scholz den Wahlkampf 2021 überraschend gewonnen hat, war das zentrale Schlagwort auf seinen Plakaten: Respekt. Ein Wort, das angesichts bekannter politischer Floskeln im Wahlkampf eher unerwartet war. Ich fand interessant, dass über eine emotionale Ansprache auf der zwischenmenschlichen Ebene so viele Leute erreicht werden konnten.

taz: Warum sollten Progressive überhaupt noch auf Parolen setzen?

Weber: Einerseits ist die Parole ein negativ behafteter Begriff. Wenn man jemandem unterstellt, Parolen zu schwingen, steckt darin oft der Vorwurf, populistisch zu sein. Andererseits kann es auch emanzipatorisch sein, wenn Menschen sich versammeln, für eine Sache eintreten und sich Gehör verschaffen, auch im Sprechchor.

taz: Auf Demos tauchen Parolen nicht nur in Sprechchören auf, sondern auch auf Pappschildern und Plakaten.

Weber: Bei diesen oft kunstvoll gestalteten Plakaten ist schon mitgedacht, dass Fotos davon in den sozialen Medien landen und Reichweite bekommen. Wenn ein Spruch mit Witz spielt, ist es wahrscheinlicher, dass er geteilt und geliked wird. Oder wenn er provoziert, wie zum Beispiel das Schild mit der Aufschrift „Merz leck Eier“, das ein junger Mann auf einen Schülerprotest gegen die Wehrpflicht mitgenommen hat.

taz: Die Polizei hat das Schild beschlagnahmt und Ermittlungen eingeleitetwegen des Anfangsverdachts der üblen Nachrede und Verleumdung. Seitdem findet sich der Spruch auch auf anderen Demos und in vielen Social-Media-Posts.

Weber: Solche Fälle sind einfach prädestiniert, sich über die Situation hinaus zu verbreiten.

taz: Ist „Merz, leck Eier“ vielleicht die Parole, hinter der sich Linke versammeln können?

Weber: Ich glaube, das ist keine Parole, die breite Teile der Bevölkerung erreichen kann. Aber es spricht der Jugend aus der Seele, und es ist ihr Vorrecht, auch mal zuzuspitzen und so etwas rauszuhauen.

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