Krieg im Nahen Osten: 32 Millionen von Armut gefährdet
Laut den Vereinten Nationen drängen steigende Energie- und Lebensmittelpreise infolge des Irankriegs weltweit Menschen in Armut.
Sechs Wochen nachdem Israel und die USA den Krieg gegen den Iran begonnen haben, verschlimmern sich die Auswirkungen für ärmere Länder rasant, warnt die UN. Laut Analysen des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) könnten im schlimmsten Fall 32 Millionen Menschen weltweit in die Armut gedrängt werden.
Der Bericht zeigt, dass nicht nur Länder in der Golfregion, sondern auch in Regionen fernab des Konflikts in Asien, in Subsahara-Afrika und kleinen Inselstaaten besonders gefährdet sind. Der Iran hat infolge des Krieges die bedeutende Seestraße von Hormus für den Großteil der Schiffe geschlossen und damit die Ölpreise massiv in die Höhe getrieben. Das macht nicht nur Energie teuer, sondern auch Waren, die mit Diesel weitertransportiert werden. Auch höhere Düngemittelpreise sind eine direkte Folge.
Unverhältnismäßig stark seien Länder von den Auswirkungen betroffen, die über den geringsten finanziellen Spielraum verfügen, um höhere Energie- und Lebensmittelpreise abzufedern, sagte UNDP-Chef Alexander De Croo. „Diese Länder zwingt die Krise zu unmöglichen Kompromissen zwischen der Stabilisierung von Preisen heute und der Finanzierung von Gesundheit, Bildung und Arbeitsplätzen morgen. Das ist inakzeptabel, und es ist vermeidbar“.
Alexander De Croo, UNDP-Chef
UNDP empfiehlt, dass Regierungen befristete Geldtransfers zum Schutz armer und schutzbedürftiger Haushalte bereitstellen. Dafür wären Geldtransfers in Höhe von bis zu 6 Milliarden US-Dollar erforderlich, so der Bericht. Auch gezielte Subventionen für Mindestmengen von Strom oder Kochgas könnten Haushalte vor Armut bewahren. Gleichzeitig warnt UNDP vor pauschalen Energiesubventionen, wie sie in Entwicklungsländern weit verbreitet sind, weil sie reichere Haushalte unverhältnismäßig begünstigen und auf Dauer viel zu teuer seien.
Warnung vor Ernährungskrise
Auch die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) Kristalina Georgiewa hatte vergangene Woche vor einer Ernährungskrise im Nahen Osten und Teilen von Afrikas infolge des Iran-Krieges gewarnt. Sie erwarte, dass betroffene Länder bis zu 50 Milliarden Dollar (rund 43 Milliarden Euro) an Finanzhilfen vom IWF benötigen werden. Am Montag begann in Washington die Frühjahrstagung des IWF und der Weltbank. Bestimmendes Thema sind auch hier die wirtschaftlichen Folgen des Iran-Kriegs.
Laut UN-Organisation für Ernährung (FAO) sind wichtige gehandelte Lebensmittel international im März 2,4 Prozent teurer als im Februar gewesen und 1 Prozent höher als der Vorjahreswert. Regional gibt es aber große Unterschiede. „Unsere Kolleg*innen in Myanmar berichten, dass der Preis für Reis zuletzt lokal um rund 13 Prozent gestiegen ist“, sagt Miriam Wiemers, Ernährungsexpertin bei der Welthungerhilfe. „Wenn Familien 80 Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben müssen, führt jeder Preissprung sofort zu Hunger“.
Die Krise stößt auf eine ohnehin volatile Lage: Viele Haushalte und Länder haben sich noch nicht von den Auswirkungen der Corona-Pandemie und dem Ukrainekrieg erholt, sind von gewaltsamen Konflikten und den Auswirkungen der Klimakrise bedroht. „Hinzu kommt das für 2026 angekündigte Wetterphänomen El Niño, das die Agrarproduktion zusätzlich belasten könnte“, sagt Wiemers.
Golfregion wichtiges humanitäres Logistikzentrum
Besonders kritisch sei die Lage für Länder mit hoher Importabhängigkeit oder anstehender Anbauzeit, etwa Somalia, Kenia, Äthiopien oder Bangladesch. Kleinbauern, die sich Düngemittel ohnehin kaum leisten können, sind eher von den Preissteigerungen betroffen. Und: „Nicht überall kann von heute auf morgen auf regenerative Landwirtschaft umgestellt oder gänzlich auf Düngemittel verzichtet werden“, sagt Wiemers.
Es wäre jetzt sinnvoll, international zu koordinieren, dass die Düngemittel da ankommen, wo sie am meisten gebraucht werden – und nicht da, wo die Kaufkraft am stärksten ist, meint die Ernährungsexpertin.
Die Golfregion ist außerdem ein wichtiges humanitäres Logistikzentrum. Lieferungen stecken fest, müssen umgelenkt werden und verzögern sich. In Sudan und Somalia komme es zu erheblichen Verspätungen von Lieferungen, vermehrt würden auf Esel als Transportmittel ausgewichen, sagt Wiemers. „Während der Bedarf steigt, verteuern sich Transport und Beschaffung massiv“. So können weniger Lebensmittel, Medikamente und andere lebenswichtige Güter eingekauft und verteilt werden. Gleichzeitig hat die Welthungerhilfe – wie andere Hilfsorganisationen – infolge der Haushaltskürzungen ohnehin schon weniger Geld.
Die Bundesregierung müsse Gelder aufstocken, statt zu kürzen, sagt Wiemers. Und: Bei der Ernährungskrise wegen ausbleibender Weizenlieferungen infolge des Ukraine-Krieges 2022 gab es diplomatische Anstrengungen, das Schlimmste abzuwenden. Diese vermisst Wiemers in der aktuellen Krise.
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