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Krieg am HindukuschZivilisten in der Eskalationsspirale

Bei einem mutmaßlich pakistanischen Luftangriff im Krieg gegen die afghanischen Taliban sterben Hunderte Menschen in einer Kabuler Suchtklinik.

Rettungskräfte und Anwohner in den Trümmern der bei einem Angriff zerstörten Suchtklinik in Kabul Foto: Siddiqullah Alizai/ap/dpa

Hunderte Insassen eines Drogen-Rehazentrums in Afghanistans Hauptstadt Kabul sind die jüngsten Opfer des seit bereits 20 Tagen andauernden Krieges zwischen Pakistan und dem afghanischen Taliban-Regime. Ein pakistanischer Luftangriff traf am späten Montagabend die Suchtbehandlungsklinik Omid („Hoffnung“) im östlichen Vorort Pul-e Tscharchi. Dabei seien fünf Blöcke der Klinik zerstört worden. 408 Menschen seien umgekommen und 265 weitere verletzt worden, erklärte der Taliban-Innenministeriumssprecher Abdul Matin Kaneh.

Die Zahlen seien aber vorläufig, da noch viele Verschüttete unter Trümmern lägen. Der Krieg hat damit seinen ersten Vorfall mit einer extremen Zahl an zivilen Opfern.

Das Omid-Zentrum ist eine geschlossene Einrichtung für 2.000 Patienten, die bereits unter der Vorgängerregierung existierte, aber wohl mit bis zu 3.000 Menschen stark überbelegt war. Vor drei Jahren berichtete die BBC, die Insassen würden dort unter „erbärmlichen Zuständen“ etwa 45 Tage lang für ein „intensives Behandlungsprogramm“ festgehalten, das aber „keine Garantie“ gegen Rückfälle biete. Die Einrichtung besteht zumindest teilweise aus zweistöckigen Unterkünften in Leichtbauweise. Luftschutzräume gibt es dort wie in der ganzen Stadt nicht.

Pakistan stritt ab, das Rehazentrum angegriffen zu haben und sprach von „Falschberichterstattung“. Luftangriffe auf „zwei Standorte in Kabul“ und andere Gebiete Afghanistan in der Nacht zu Dienstag gab Islamabad aber zu. Dabei habe es sich um „präzise Luftangriffe gegen militärische Einrichtungen des afghanischen Taliban-Regimes“ gehandelt, die der „Unterstützung seiner verschiedenen terroristischen Stellvertreter“ gedient hätten, postete Pakistans Informationsminister Attaullah Tarar auf X.

Damit ist vor allem die pakistanische Talibanbewegung TTP gemeint, die gegen die Regierung in Islamabad kämpft. Angebliche Nachdetonationen deuteten „eindeutig auf die Existenz großer Munitionsdepots hin“. Pakistans Zielauswahl sei „präzise, um sicherzustellen, dass keine Kollateralschäden entstehen“.

Pakistans Präsident sieht „rote Linie überschritten“

Die Tatsache, dass die Taliban schnell Reporter westlicher Medien in das Zentrum ließen, spricht allerdings dagegen, dass sich dort militärische Installationen befinden. Am Sonntag hatte Pakistans Präsident Asif Ali Zardari nach Taliban-Drohnenangriffen auf zivile Gebiete in seinem Land gewarnt, damit sei eine „rote Linie überschritten“. Pakistans Militär hatte sich allerdings damit gebrüstet, die „wenigen rudimentären Drohnen“ daran gehindert zu haben, „ihre beabsichtigten Ziele zu erreichen“.

Die Menschen im Omid-Zentrum waren nicht die ersten zivilen afghanischen Opfern dieses Krieges. Nach den bisher letzten UN-Angaben kam es bis zum 5. März zu 185 zivilen Opfern, davon 56 Tote und 129 Verletzte „durch pakistanisches Artilleriefeuer und Luftangriffe“, 55 Prozent davon Frauen und Kinder.

Am Sonntag wurden nach Taliban-Angaben in der afghanischen Südostprovinz Chost drei Kinder und eine Frau durch pakistanischen Beschuss getötet, am gleichen Tag nach pakistanischen Abgaben fünf Mitglieder einer Familie durch einen Taliban-Raketenangriff im Grenzdistrikt Badschaur. Laut einem Sprecher des Taliban- Gesundheitsministeriums seien zudem fünf Gesundheitszentren von „Pakistans Militärregime“ angegriffen worden.

Der Krieg war Ende Februar nach TTP-Angriffen auf pakistanisches Militär ausgebrochen. Das antwortete darauf mit Luftschlägen gegen Afghanistan. Taliban-Gegenangriffe entlang der Grenze verschärften den Konflikt.

Seit Jahrzehnten kam es dort aufgrund einer umstrittenen, kolonialen Grenzziehung immer wieder zu Gefechten. Sie eskalierten aber noch nie zu einem offenen Krieg. Die jüngsten Angriffe dürften einen Vermittlungsversuch Chinas zurückwerfen, dessen Afghanistan-Sonderbotschafter kurz zuvor die beiden Länder besucht hatte.

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