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Kosten der TransformationDen Stadtwerken fehlt Kapital

Die Energiewende erfordert Milliardeninvestitionen in Stromnetze, Speicher und die Wärmeversorgung. Die Stadtwerke fordern neue Wege der Finanzierung.

Energiewende kostet, Stromnetz um- und ausbauen noch mehr, und für nichts davon gibt’s Geld für die Stadtwerke Foto: AP Photo/Jens Meyer
Bernward Janzing

Aus Freiburg

Bernward Janzing

Stadtwerken fehlt zunehmend das Geld für die Investitionen, die im Zuge der Energiewende nötig werden. Aus diesem Grund erklärte der Verband kommunaler Unternehmen (VKU), der Bund stehe „in der Verantwortung, Modelle staatlicher Bürgschaften und Garantien zu entwickeln“. Man müsse Kommunen ermöglichen, dass sie „ohne Beeinträchtigung ihrer eigenen Leistungsfähigkeit Kredite aufnehmen können“, um diese an ihre Stadtwerke weiterzuleiten.

Die Summen, um die es in den kommenden Jahren geht, sind enorm. Eine Studie der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC Deutschland im Auftrag der bundeseigenen Förderbank KfW bezifferte jüngst die nötigen Investitionen alleine für die Strom- und Gasverteilnetze sowie die netzgebundene Wärmeversorgung in Deutschland bis zum Jahr 2045 insgesamt auf 535 Milliarden Euro. Zwei Drittel davon dürften bis 2035 anfallen.

Aus eigener Finanzkraft heraus könnten die Unternehmen aber nur rund ein Viertel dieser Investitionen stemmen, so die KfW. Weitere 10 Prozent könnten über Zuschüsse in Form von Fördermitteln und Baukostenzuschüssen finanziert werden. Somit bleibe eine Finanzierungslücke von 346 Milliarden Euro. „Die klassische Kreditfinanzierung stößt dabei an ihre Grenzen“, sagt Dirk Schumacher, Chefvolkswirt der KfW.

Noch höheren Finanzbedarf kalkulierte die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY in ihrem Fortschrittsmonitor Energiewende von 2024 im Auftrag des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). Nimmt man die im Zuge der Energiewende vorgesehenen Investitionen in Übertragungsnetze, in ein Wasserstoffnetz, in Speicher sowie in Erzeugungsanlagen noch hinzu, komme man alleine bis 2030 sogar auf einen Kapitalbedarf von mehr als 720 Milliarden Euro und bis 2035 sogar auf mehr als 1,2 Billionen Euro.

Erste Unternehmen wenden sich an die Politik

Das übersteigt die Finanzkraft der Branche, weshalb die Stadtwerke nach Hilfe vom Staat rufen: „Angesichts der enormen Investitionsbedarfe für das Gelingen der Energiewende dürfen Bund und Länder nicht länger auf die Zuständigkeit des jeweils anderen verweisen“, sagt Ingbert Liebing, Hauptgeschäftsführer des VKU.

Auch erste Unternehmen wenden sich bereits mit Hilfsgesuchen an die Politik, wie zuletzt der Freiburger Energieversorger Badenova, unterstützt von mehr als 70 seiner Eigentümerkommunen. Das Unternehmen appelliert an die sich gerade konstituierende neue baden-württembergische Landesregierung, sie möge eine „Erweiterung der kommunalen Finanzierungsspielräume“ schaffen.

Das Dilemma ist exemplarisch: Die Badenova hat in den vergangenen Jahren 85 Prozent ihrer Gewinne an die kommunalen Eigentümer ausgeschüttet und will das auch weiterhin tun. Diese Ausschüttungen seien „für die Kommunen essenziell“, so das Unternehmen. Aufgrund dieser „notwendigen und konstanten Ausschüttungspolitik“ seien die bisherigen Investitionen maßgeblich über Fremdkapital finanziert worden, „mit negativem Effekt auf die Eigenkapitalquote“.

Deswegen stoße man mit den bestehenden Finanzierungsstrukturen „in naher Zukunft“ an Grenzen: „Es braucht unbedingt neue Finanzierungsinstrumente.“ Der VKU indes stimmt die Städte bereits auf magere Zeiten ein: „Stadtwerke werden künftig nicht mehr so viel von ihrem Gewinn an die Kommunen ausschütten können.“ Die Unternehmen müssten „mehr als bisher thesaurieren“ – also Gewinne reinvestieren.

Die wirklichen Herausforderungen für die Branche kommen erst noch

Angesichts dieser Herausforderung für alle kommunalen Versorger macht sich auch der BDEW für neue „Eigenkapital- und Risikoübernahmeinstrumente“ stark. Gemeint seien damit „Finanzierungsbausteine, die die Eigenkapitalbasis von Stadtwerken stärken oder projektbezogene Risiken teilweise abfedern“. Konkret könnten das beispielsweise „Nachrangdarlehen oder stille Beteiligungen“ sein, wenn diese „wirtschaftlich eigenkapitalähnlich wirken“, soll heißen, es muss genug Kapital vorhanden sein, das als Eigenkapital zählt, um das Risiko für Fremdkapital zu mindern.

Des Weiteren könnten neben Beteiligungsmodellen mit öffentlichen oder privaten Co-Investoren, auch „Bürgschaften und Garantien“, „Risikoteilungsinstrumente durch Förderbanken oder öffentliche Fonds“ und „Förderprogramme mit haftungsentlastender Wirkung“ helfen. Das bedeutet, dass mögliche Verluste der Stadtwerke nicht direkt in die Kommunalhaushalte durchschlagen.

Konkrete Konzepte gebe es bereits in einigen Bundesländern, erklärt die Freiburger Badenova: In Hessen bekämen kommunale Energieversorger Bürgschaften des Landes, in Niedersachsen könnten Kommunen Kredite aufnehmen, die sie an ihre Energieversorger durchreichen. Ähnliche Konzepte gebe es auch in Sachsen-Anhalt und Thüringen.

All jene Finanzkonstruktionen haben eines gemeinsam: Sie müssen jeweils so gestaltet sein, dass die Zuflüsse an Geldmitteln als Eigenkapital der Energieversorger gewertet werden können. Die KfW geht von einer Mindesteigenkapitalquote der Unternehmen von 25 Prozent aus, die es zu halten gilt, denn eine solche sei „eine Grundvoraussetzung für den Zugang zu Fremdkapital“.

Die wirklichen Herausforderungen für die Branche kommen nämlich erst noch: Bis Mitte der 2030er Jahre steigt der Kapitalbedarf der Energiewirtschaft nach den Schätzungen der KfW drastisch an. Deswegen fordert auch der VKU, dass Investitionen in die Energiewende künftig „ein attraktiveres Chance-Risiko-Profil als bisher bieten“ müssten. Indem Bund und Länder durch Bürgschaften und Garantien die Risiken für Investoren minimieren, könnten Projekte der Energiewende „für institutionelle Investoren, wie zum Beispiel Pensionsfonds, attraktiver als bisher“ werden. Denn wenn es schiefgeht, springt der Staat ein.

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2 Kommentare

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  • Das grundlegende Problem ist, dass der Staat sich nicht traut gerade dort Finanzmittel einzufordern wo sie im Übermaß vorhanden sind.

    Der kleine Mann und die ohnehin bis zum Zerreissen gespannten kommunalen Haushalte können das nicht stemmen.

  • Na klar ist das jetzt eine große Investition, und auch daher versuchen wir es besser so dezentral wie möglich zu machen und vom alten fossilzentralen Modell wegzukommen.

    Aber viele Netzbetreiber haben so viel Gewinne noch über das Garantierte hinaus ertrickst (Stichwort: Nulljahr; mit plötzlich ganz vielen "Kosten"), dass das alles drin sein sollte. Sonst kann mensch vielleicht einfach den Stromsektor komplett in Gemeineigentum überführen?