Konferenz zu Energiesicherheit: Reiche macht blau statt grün
Schwarz-Rot will von den bitteren Erfahrungen der Ukraine lernen – macht jedoch das Gegenteil. Und das volle Ausmaß der Irankrise steht noch an.
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) musste gesundheitsbedingt auf der Konferenz „Energiesicherheit – Lehren aus der Ukraine“ passen. Sonst hätten ihr die Ohren geklingelt: „Kraftwerke dürfen nicht mehr so gebaut werden, dass sie allein auf Wirtschaftlichkeit getrimmt sind“, sagte der für Energie zuständige ukrainische Vizepremier Denis Schmyhal auf der Konferenz in Berlin. „Resilienz muss Teil des Aufbaus von Energieinfrastruktur werden“, fügte er hinzu, und dass eine dreifache Redundanz bei Kraftwerken hergestellt werden müsse.
Nach dieser teuren Empfehlung, neben laufenden Kraftwerken schon Teile für ein zweites eingelagert und Ersatzteile für ein drittes bereits bestellt zu haben, kam von dem Mann aus Kyjiw noch ein weiterer dringender Rat: Stromerzeugung müsse diversifiziert und vor allem lokaler werden, sagte Schmyhal: „Konsumentinnen und Konsumenten von Strom müssen auch gleichzeitig Produzentinnen und Produzenten werden“, riet er, ein Appell für mehr Solaranlagen auf allen Dächern. Eine nicht sehr willkommene Empfehlung für eine Bundesregierung, deren CDU-Wirtschaftsministerin die Förderung für kleine Solaranlagen streichen will.
Nicht weniger disruptiv waren die Worte der ukrainischen Energieexpertin Olena Pawlenko von der Kyjiwer Consultingfirma Dixi Group: „Wir brauchen eine Standardisierung von Energieanlagen“ – also dass die deutsche Siemens Energy, der US-Konzern General Electric, die französische Alstom und andere nicht mehr unterschiedliche Technik entwickeln und produzieren. Gleiche Bauteile würden nach Angriffen auf Transformatoren, Umspannanlagen und Kraftwerke Reparaturen viel schneller möglich machen, so Pawlenko.
Europäische Unternehmen sollten sich dabei von Fachleuten aus der Ukraine über deren Erfahrungen beraten lassen, sagte die Expertin. „Wir haben für diese Lehren einen sehr hohen Preis bezahlt“, unterstrich Pawlenko. Doch nun könne die Ukraine von einer Bittstellerin zur Partnerin auf Augenhöhe werden.
Reparieren, reparieren, reparieren
Vor allem aber müsse, ergänzte Maxim Timtschenko, Chef des größten privaten ukrainischen Stromkonzerns DTEK, eine große Anzahl hochkompetenter Wartungsteams ausgebildet werden: „Menschen, die bombardierte Anlagen sehr schnell wieder reparieren können. Und die müssen wir immer wieder motivieren“, sagte Timtschenko mit Verweis darauf, dass in vier Jahren Vollinvasion 80 bis 90 Prozent der Kraftwerke und Verteilernetze dreimal nacheinander zerstört worden seien.
Seine Aussage, „Energiesicherheit in Europa gibt es nicht ohne die Ukraine“, bekräftigten auch der moldauische Außenminister Mihai Popsoi sowie Vertreter aus Polen und von der Nato.
Deutschland werde „nie wieder zu russischem Gas zurückkehren“, verkündete Stefan Rouenhoff, Reiches Parlamentarischer Staatssekretär. „Wir haben 100 Prozent russisches Pipelinegas ersetzt und eine Weltklasse-LNG-Infrastruktur aufgebaut“, sagte der CDU-Politiker. Während er Norwegen und die USA als Hauptlieferländer für Erdgas und verflüssigtes Erdgas (LNG) nannte, erwähnte er die großen Mengen russischen LNGs nicht, die Deutschland bezieht.
Wie die taz berichtete, haben europäische Länder seit Jahresbeginn mehr als 95 Prozent der Produktion von Yamal LNG aufgekauft, des russischen Zusammenschlusses von Flüssiggasfirmen im russischen Eismeer. Nach Angaben der NGO Urgewald und der belgischen Umweltschutzorganisation Bond Beter Leefmilieu gelangt ein Großteil des über das LNG-Terminal Zeebrugge in Belgien und im französischen Dünkirchen importierten russischen Flüssiggases ins deutsche Gasnetz.
Zudem hat die Bundesregierung nach der russischen Vollinvasion in der Ukraine am 24. Februar 2022 Gazprom Germania, den deutschen Ableger des Moskauer Staatskonzerns, in Treuhandverwaltung übernommen und in Sefe umgetauft. Sefe nimmt Yamal über Langfristverträge pro Jahr 2,9 Millionen Tonnen LNG ab.
Polens Energiestaatssekretär Wojciech Wrochna streute ebenfalls Salz in die Wunde: Sein Land habe viel früher als „unsere befreundeten Nachbarstaaten“ Energielieferungen diversifiziert. Er verwies auch auf die Folgen der aktuellen Sperrung der Straße von Hormus durch Iran. Die Lehre daraus sei: mehr saubere Energieträger, Nachhaltigkeit, Unabhängigkeit von Fossilen und mehr voneinander unabhängige Lieferländer.
Auch für die Nato wird der Irankrieg zum Problem: Die Streitkräfte des Bündnisses bekämen 40 Prozent ihrer flüssigen Energieträger über die Meerenge, betonte der beigeordnete Nato-Generalsekretär Jean Charles Ellermann-Kingombe. Und die Nato benötige immer mehr davon: „Ein F-35-Kampfbomber braucht 60 Prozent mehr Kerosin als eine F-16“. Und in George W. Bushs Irakkrieg hätten die beteiligten westlichen Truppen so viel Treibstoff verbraucht wie ganz Polen – „und da ging es gerade einmal gegen die irakische Armee“. Wie viel Treibstoff eine Konfrontation mit Russland benötigen würde, sagte er nicht.
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